Zurück
Coronakrise
Stresstest für Azubis
Geschlossene Filialen, abgesagte Prüfungen, kaum noch persönliche Kundenkontakte: Azubis mussten früh ihren ersten Stresstest bestehen. Wie haben sie die Situation gemeistert? Wie wirkt sich die Coronakrise auf die Zahl der Ausbildungsplätze im neuen Jahrgang aus?

Wenn Alexander Wüerst am 1. September die knapp 100 neuen Auszubildenden begrüßt, wird er erstmals nicht persönlich zu den designierten Bankkaufleuten sprechen. Seine Grußworte hat der Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Köln stattdessen auf Video aufgenommen.

„Wegen der immer noch geltenden Abstands- und Hygieneregeln haben wir die Gruppe dreigeteilt statt alle neuen Kollegen in einem Raum willkommen zu heißen“, erklärt Personalmanagerin Andrea Grabowksy, wie Covid-19 auch nach dem Ende der Kontaktsperre den Unternehmensalltag prägt.

 

Andrea Grabowksy, Personalmanagerin der Kreissparkasse Köln, war mitten im Auswahlprozess, als die Pandemie auch Deutschland heimsuchte.

 

Normalerweise haben die Neuankömmlinge einen ganzen Tag lang Zeit, um sich gegenseitig und ihren neuen Arbeitgeber kennenzulernen. In diesem Jahr müssen wenige Stunden in der Zentrale am Neumarkt im Herzen Kölns reichen, und am nächsten Tag geht es dann in die verschiedenen Filialen.

Sie stehen noch ganz am Anfang ihres Berufslebens und mussten schon ihren ersten Stresstest bestehen. Berufsschulen und Filialen machten von jetzt auf gleich dicht, Kundenkontakte wurden auf ein Minimum reduziert, Abschlussprüfungen auf unbestimmte Zeit verschoben.

Bund unterstützt Ausbildungsmarkt

Nur von Kurzarbeit, die auch Institute wie die Haspa anmeldeten, blieben Auszubildende verschont. So will es der Tarifvertrag. Doch die schlimmste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg könnte auch den Ausbildungsmarkt empfindlich treffen. Eine Sorge, die den Bund auf den Plan rief. Im Juni stellte er deshalb 500 Millionen Euro für kleine und mittlere Unternehmen bereit, die trotz Umsatzeinbrüchen ihr Ausbildungsniveau halten oder sogar erhöhen.

Wie nehmen die Azubis die Krise wahr? Welche Auswirkungen hat die Covid-19-Pandemie auf die Zahl der Ausbildungsplätze bei den Sparkassen? Wie hat sich das Interesse bei den Bewerbern seit Ausbruch von Corona verändert?

Dass sie als Mitarbeiterin einer systemrelevanten Branche nicht vom Lockdown betroffen sein würde, spielte für Lea Enderling (im großen Bild oben rechts) zunächst nicht die entscheidende Rolle. Die heute 22-Jährige, die ihre Ausbildung 2018 bei der Mittelbrandenburgischen Sparkasse (MBS) in Potsdam begann, musste erst einmal ihre persönliche Situation klären.

„Ich gehöre zur Risikogruppe und habe deshalb sofort mit dem Geschäftsstellenleiter gesprochen. Er stellte mir dann frei, ob ich im Büro oder von zu Hause arbeiten möchte.“ Das berichtet Enderling, die sich entschloss, in der Filiale zu bleiben, um alle Ausbildungsinhalte so gut es ging mitzunehmen.

Als eine der wenigen Sparkassen hat die MBS während des Lockdowns alle 140 Filialen geöffnet gelassen. „An kleinen Standorten sind wir oftmals die einzige Bank. In dieser Zeit sind auch neue Kunden von anderen vorübergehend geschlossenen Banken aus der Umgebung zu uns gewechselt“, sagt Ausbildungsleiterin Nadine Weiß.

Nach dem Test alle in eine Filiale

Dass ihr Arbeitgeber so umsichtig mit den neuen Abstands- und Hygieneregeln umging, hat Enderling beruhigt. Wie alle Berufsschulen in Deutschland hatten auch die Institute in Brandenburg sehr schnell auf Homeschooling umgestellt. An zwei Tagen mussten die Azubis jedoch vor Ort einen Test schreiben.

„Danach sind wir alle in derselben Geschäftsstelle eingesetzt worden, für den Fall, dass sich einer von uns infiziert hat“, erzählt Enderling, die deshalb zwar vorübergehend einen weiteren Fahrweg in Kauf nehmen musste, aber davon profitierte, Einblick in ein neues Arbeitsumfeld zu bekommen. „Jeder Berater tickt schließlich anders“, findet die Auszubildende.

 

Ihre Abschlussprüfung wurde kurzfristig um zwei Monate verschoben: Noor Naqvi, angehende Bankkauffrau der Frankfurter Sparkasse.

 

Besonders gute Nerven mussten die Azubis beweisen, deren Prüfung in die Hochzeit von Corona fiel. Noor Naqvi von der Frankfurter Sparkasse hätte eigentlich Ende April zur schriftlichen Prüfung bei der IHK Frankfurt erscheinen müssen. Doch die wurde kurzfristig abgesagt und schließlich auf den 18. und 19. Juni verschoben.

„Das haben wir aber erst kurz vorher erfahren. Ich hätte die Prüfung lieber wie geplant hinter mich gebracht. Dann wäre es erledigt gewesen“, sagt die 22-Jährige, die sich gut vorbereitet gefühlt hatte und dann etwas aus dem Lernen herausgekommen ist. Zudem war Eigeninitiative gefragt. Einen Teil des Stoffes für die mündliche Prüfung mussten die Azubis allein zu Hause erarbeiten, bekamen für Unterstützung aber immerhin die Telefonnummern ihrer Lehrer.

Ausbildung um zwei Monate verlängert

In Kauf nehmen muss die angehende Bankkauffrau jetzt zudem, dass sich ihr Ausbildungsvertrag um zwei Monate verlängert, da die mündliche Abschlussprüfung nicht wie sonst üblich im Juli, sondern erst im August stattfindet.

Naqvis Kollege Fabian Gerhardt hat gleich im ersten Ausbildungsjahr den Härtetest bestehen müssen, sich unter erschwerten Bedingungen zu Hause allein auf Klausuren vorbereitet. Bei Fragen konnte er sich allerdings an die Ausbildungsabteilung der Sparkasse wenden.

Außerdem arbeitete der junge Mann regelmäßig in der Filiale, in der er vor allem sehr viele Telefonate geführt habe. „Angst vor einer Infizierung hatte ich aber überhaupt nicht und mich sehr sicher gefühlt. Handschuhe, Masken, Desinfektionsmittel, alles war reichlich vorhanden“, erzählt der 20-Jährige.

Virtuelle Auswahl bewährt sich

Wie die Auszubildenden waren und sind auch die Personaler gefordert. Sie mussten nicht nur von einem auf den anderen Tag den Alltag der Auszubildenden neu organisieren, sondern auch das laufende Recruiting der neuen Bewerber zügig von persönlichen auf virtuelle Treffen umstellen. „Bei uns beginnt das neue Lehrjahr traditionell am 1. September, wir waren deshalb bei Beginn der Pandemie noch mitten im Auswahlprozess“, berichtet Grabowsky von der Kreissparkasse Köln.

Das virtuelle Recruiting klappte so gut, dass das Institut auch nach Ende der Krise zumindest Teile des neuen Formats beibehält. „Wir werden künftig online stärker selektieren und nur noch die Besten zu Präsenz-Workshops einladen, um die finale Entscheidung zu treffen“, sagt Grabowsky.

Nadine Weiß, Ausbildungsleiterin bei der MBS (im großen Bild oben links), hat wie ihre Kölner Kollegin zügig auf digitale Techniken umgestellt und Videokonferenzen von Webex genutzt – mit einem guten Nebeneffekt. „Die moderne Methode hat die Bewerber beeindruckt, und sie hilft, mit dem etwas staubigen Sparkassenimage aufzuräumen.“

Via Webex sollen sich auch die neuen Azubis im August kennenlernen, bevor sie dann der Vorstandsvorsitzende und der Personalchef persönlich begrüßen. Für Weiß ist es wichtig, ein gutes Ankommen zu gewährleisten – natürlich mit gebührendem Abstand. 

Auf das Angebot an Ausbildungsplätzen hat sich die Coronakrise trotz aller Herausforderungen nicht oder kaum ausgewirkt. Da die Zahl der Bewerber nach dem Lockdown deutlich sank, wurden zum Beispiel bei der KSK nur gut 90 statt wie gewöhnlich mehr als 100 Plätze besetzt. Die MBS dagegen stockt sogar um zehn auf 50 Plätze auf. Bei der Frankfurter Sparkasse sind es wie im Vorjahr 40 Stellen.

 

Uwe Miehs, Personalmanager der Frankfurter Sparkasse, hat in der Krise mehr Bewerbungen erhalten als sonst.

 

Überrascht hat Uwe Miehs, dass sich trotz Coronakrise sogar mehr Schulabgänger als 2019 beworben hätten. Der Ausbilder nennt für den Anstieg drei mögliche Gründe: „Wegen der Pandemie mussten viele Schulabgänger geplante Auslandsaufenthalte streichen, zahlreiche vor allem kleinere Unternehmen haben die Einstellung erst einmal auf Eis gelegt, und auch die Sicherheit eines Arbeitsplatzes in der systemrelevanten Finanzbranche dürfte eine Rolle gespielt haben.“

Die Chance hat sich die Fraspa natürlich nicht entgehen lassen. „Wir haben sofort auf unserer Webseite kommuniziert, dass es bei uns mit der Ausbildung weitergeht“, sagt Miehs. Um die neuen Azubis gebührend und persönlich begrüßen zu können, hat sein Arbeitgeber einen ausreichend großen Raum in einem Frankfurter Hotel gemietet.

Anschließend müssen sich die Neuen abwechseln, mal kommen sie in das Bildungszentrum, mal treffen sie sich virtuell, um in den ersten Wochen auf die Ausbildung eingestimmt zu werden, bevor es in die Berufsschule geht.

Interesse an systemrelevanten Jobs steigt

Dass das Interesse von Berufseinsteigern an systemrelevanten Jobs steigt, belegt auch eine Umfrage des Berliner Marktforschungsinstituts Trendence. Gut 38 Prozent der befragten Schüler gaben an, in einem systemrelevanten Job arbeiten zu wollen. In der Finanzbranche dürfte allerdings auch das vergleichsweise hohe Ausbildungssalär eine Rolle spielen.

 

Lara Kaufmann, Auszubildende bei der Kreissparkasse Köln, macht sich wegen betriebsbedingter Kündigungen keine Sorgen.

 

Lara Kaufmann, Auszubildende bei der Kreissparkasse Köln, macht sich denn auch um ihre berufliche Zukunft trotz Wirtschaftskrise keinerlei Sorgen. „Niemand erweckt bei uns den Eindruck, als müsste man Sorge haben, etwa vor einer betriebsbedingten Kündigung.“ Die Zusage für eine Übernahme habe sie auch bereits, obwohl die mündliche Prüfung erst im Januar 2021 ansteht.

Fabian Gerhardt von der Frankfurter Sparkasse hat vor allem in der Krise gespürt, wie stark die Sparkasse von den Menschen gebraucht werde und wie sehr sie ein fester Bestandteil des Systems sei. Die Einschätzung von Kaufmann und Gerhardt scheinen viele Azubis zu teilen. So sind zum Beispiel bei der KSK laut Grabowsky fünf Jahre nach Ausbildungsende immer noch rund 70 Prozent der jungen Mitarbeitenden an Bord.

Zur Info: Neue Ausbildungsordnung

Vom 1. August 2020 an gilt für den Beruf Bankkaufmann/-frau eine neue Ausbildungsordnung (wir berichteten mehrfach). Sie löst die bisher gültige aus dem Jahr 1998 ab – also neun Jahre, bevor zum Beispiel Apple sein erstes I-Phone auf den Markt brachte und die mobile Kommunikation entscheidend vorantrieb.

Digitaler, kunden- und praxisorientierter soll die Ausbildung künftig sein. Mittelpunkt des aktualisierten Berufsbildes ist die konsequente Ausrichtung an der ganzheitlichen Kundenberatung - auch unter verstärkter Nutzung digitaler Kanäle. Ergänzt werden methodische Kompetenzen und Projektorientierung.

Es entfällt eine Zwischenprüfung, die durch eine gestreckte Abschlussprüfung ersetzt wird. „Das Berufsbild ist jetzt stimmiger. Es wird sicher mehr Azubis locken“, ist Nadine Weiß von der Mittelbrandenburgischen Sparkasse überzeugt. 

Eli Hamacher
– 15. Juli 2020