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Generationenmanagement / Unternehmer
Wie Firmen- und Lebenszyklen zusammenhängen
Bei Familienunternehmern hängt das Privatleben immer stark vom wechselhaften Geschäftserfolg ab. Ältere Unternehmer sind daher von der Freiheit im Ruhestand oft überfordert. Dirk Wiebusch erläutert, wie Sparkassenberater mit dieser besonderen Klientel umgehen.

Mit voranschreitender Digitalisierung wird die Finanzberatung von Daten und mathematischen Modellen unterstützt. Eines dieser Modelle ist das Lebenszyklusmodell, nach dem mittlerweile viele Finanzdienstleister ihre Kunden clustern.

Das hat durchaus seinen Sinn, doch bei Familienunternehmern hat das Modell oft noch Schwächen, Denn für Unternehmer bräuchte ein Sparkassenberater eigentlich zwei unterschiedliche Modelle.

Beraten Sie einen Unternehmer als Privatkunden oder als Firmenkunden? So oder so werden Sie bereits festgestellt haben: Das lässt sich bei Familienunternehmern gar nicht so einfach auseinanderhalten.

Denn die Firma beeinflusst praktisch zu jedem Zeitpunkt auch das Privatleben des Unternehmers. Oder anders gesagt: Beim Unternehmer läuft parallel zum persönlichen und sozialen Lebenszyklus noch ein Firmenzyklus mit, der nicht nur einen ganz anderen Verlauf hat, sondern den Lebenszyklus sogar aus dem Rhythmus werfen kann. Dann hilft Firmenkundenberatern ein einfaches Lebenszyklusmodell allein auch nicht mehr weiter.

Warum der Firmenzyklus sich immer mitdreht

Stellen wir uns der Einfachheit halber mal das Leben eines normalen Angestellten vor: Er macht als junger Mensch seine Ausbildung oder schließt ein Studium ab, findet einen Job, verdient Geld, heiratet und bekommt Kinder, steigt in seinem Job auf, altert und geht irgendwann in Rente.

Auf privater Seite läuft auch das Leben eines Unternehmers in etwa auf dieselbe Weise ab. Was jedoch beim Angestellten selten der Fall sein wird, ist, dass der Unternehmer privat den Gürtel enger schnallen muss, weil das Privatvermögen gerade zur Unterstützung der Firma benötigt wird. Oder dass er unverhofft auf das sprichwörtliche Gold stößt und sich schon mit Ende 20, Anfang 30 ein eigenes Haus finanzieren kann.

Private Ausgaben sind für Unternehmer immer an den Firmenzyklus gebunden, ganz anders als beim Angestellten, und in der Gründungsphase sowie in den letzten Jahren als aktiver Unternehmer handeln sie ohnehin völlig anders als ein Angestellter im gleichen Alter.

Brüche im Lebenszyklus entstehen durch den Einfluss des Firmenzyklus. Genau deshalb behalten Finanzberater am besten immer beide Zyklen im Auge. Das macht das Clustern selbstverständlich schwieriger, aber eben auch deutlich präziser und nützlicher für eine einfühlsame, zielsichere Beratung.

Der Firmenzyklus dominiert oft den privaten Lebenszyklus

Selbst wenn wir plötzliche Veränderungen im Firmenzyklus mal außen vor lassen, unterscheidet sich der Lebenszyklus eines Unternehmers an einigen entscheidenden Stellen vom Lebenszyklus eines Angestellten.

Wenn sich junge Unternehmer verlieben, verloben und verheiraten, dann läuft das meist genauso ab wie bei Angestellten. Bei mir persönlich glich das damals einem „Friendly Takeover“ durch meine Frau, die als erste Amtshandlung zum Einzug in die erste gemeinsame Wohnung gleich den Großteil meiner Junggesellen-Einrichtung entsorgte.

Kommen dann irgendwann Kinder dazu, muss das Eheleben oft ganz neu erfunden werden. Bei Unternehmern stellt sich dann jedoch die Frage: Wann arbeite ich wieder in der Firma? Unternehmerinnen sitzen oft deutlich schneller wieder am Schreibtisch, während Unternehmer früh der Ehefrau die Kinder überlassen.

Mit Firmenkunden frühzeitig über die Empty-Desk-Phase sprechen

Die sich wandelnden Rollenbilder könnten das in Zukunft noch ändern, aber zurzeit ist es wirklich noch so: Unternehmer und Unternehmerinnen wollen so schnell wie möglich wieder die Hebel in die Hand nehmen. 

Wenn die Kinder dann in den Kindergarten, die Grundschule, die weiterführende Schule, ans Gymnasium oder an die Uni kommen, richtet man sich wiederum darauf ein. Danach gehen die Kinder selbst arbeiten oder studieren und sind bald aus dem Haus.

Das ist der Beginn der Empty-Nest-Phase, die wiederum eine Neuerfindung der Ehe erfordert. In dieser Phase treten leider auch Eheprobleme statistisch am häufigsten auf, weil plötzlich viel private Zeit frei wird und man eventuell feststellt, dass man gar nicht mehr so richtig zusammenpasst. Unternehmer bekommen das meist noch stärker zu spüren als Angestellte, weil sie zeitlich so stark eingebunden sind. 

Zu guter Letzt kommt noch eine Phase, die quasi einzigartig für Unternehmer im Vergleich zu Angestellten ist: die Empty-Desk-Phase (meist zehn bis 20 Jahre nach der Empty-Nest-Phase). Diese Phase tritt ein, wenn der Unternehmer schließlich altersbedingt aus seiner Firma ausscheidet.

 

Die Empty-Desk-Phase kommt bestimmt. Einen leeren Schreibtisch können sich viele engagierte Unternehmer oft nicht vorstelllen. Sparkassenberater können im Gespräch vorsichtig auf die Situation im Ruhestand vorbereiten.

Dann bekommt man es als Ehepartner mit einem Power-Rentner zu tun, der es gewohnt ist, im Jahr 5000 Arbeitsstunden zu leisten, jetzt aber ständig zu Hause ist und nicht abschalten kann.

Die Empty-Desk-Phase ist der Grund, weshalb Sparkassenberater frühzeitig mit dem Kunden über die Zeit im Ruhestand sprechen sollten. Fragen Sie Ihre Kunden schon einige Jahre vor der Rente, wie sie sich das vorstellen, und fragen Sie auch den Ehepartner, was er oder sie dann mit dem Power-Rentner in der Ehe machen möchte.

Höhen und Tiefen im Phasenmodell

Für Unternehmer und ihre Ehepartner ist es wichtig, sich frühzeitig auf das Leben als Power-Rentner vorzubereiten. Vor allem sollten sie sich vorzeitig darin üben, das Unternehmen loszulassen. Denn ihre Erfahrung und ihr über viele Jahrzehnte aufgebautes Netzwerk sind zwar immer noch gefragt. Doch wenn man sich zu stark auf eigenen Antrieb einbringt, dann entwickelt man sich schnell vom VIP zum PIP – zur „Previously Important Person“.

Wer sich als Rentner auf keinen Fall auf die faule Haut legen will, kann beispielsweise auch abseits des ehemals eigenen Unternehmens sein Expertenwissen in unterschiedlichsten kleineren Jobs noch gut anbringen. Doch oft wirken frischgebackene Unternehmer-Rentner zwischenzeitlich ziellos, wie das Rentner-Phasenmodell zeigt.

 

Das Rentnerdasein eines Unternehmer hat Höhen und Tiefen, die ein guter Berater berücksichtigt.

Sparkassenberater sollten nicht unterschätzen, wie schwer es für einen Unternehmer sein kann, sich nach der aktiven Zeit neu zu erfinden. Ich kenne einen Unternehmer, der mit 40 Jahren seine Firma verkauft und dafür 300 Millionen Euro netto bekommen hat. Was für viele wie ein Traum klingt, kann für Menschen mit Unternehmergeist zum handfesten Problem werden.

Der Unternehmer hatte sich nie gefragt, was er mit seiner Zeit machen würde. Er stellte bald fest, dass er, wie viele Unternehmer, kaum private Freunde hatte, Und die wenigen, die er hatte, waren alle noch fest in das Arbeitsleben involviert, hatten also kaum Zeit. Mit 42 Jahren begann der Unternehmer damit, die Leere in seinem Leben mit Alkohol zu füllen.

Ein unvorbereiteter Ruhestand kann also das Leben eines Menschen aus dem Tritt bringen. Positiven Einfluss auf menschlicher Ebene kann es dagegen haben, wenn Berater ihren Kunden, dessen Partner und Familie frühzeitig für die Zeit nach dem Erwerbsleben sensibilisieren.

Wie geht man als Berater mit Power-Rentnern um?

So wie ein Unternehmen einen Business-Plan benötigt, braucht ein Unternehmer im Ruhestand einen Plan dafür, was er mit all der frei gewordenen Zeit macht. Firmenkundenberater sollten nachfragen, was der Unternehmer und sein Ehepartner sich vorstellen und ob diese Vorstellungen wohl realistisch sind.

Wer beispielsweise plant, viel Zeit mit den Enkeln zu verbringen, obwohl die Enkel dann bereits zur Schule gehen, wird doch viel zu viel Zeit zur Verfügung haben. Auch eine ausgedehnte Reise nach Australien ist mit 75 Jahren vielleicht nicht mehr ratsam. 

Raten Sie Ihren Kunden, für die Rente neue Spielregeln in der Ehe zu erstellen. Wie viel Zeit allein man sich gegenseitig einräumen sollte, können Unternehmer schon vor dem Ruhestand testen, beispielsweise auf einer zweiwöchigen Kreuzfahrt zusammen in einer Doppelkabine. 

Viele Unternehmer tun sich schwer damit, ihr Unternehmen loszulassen. Raten Sie Ihren Kunden deshalb, sich schon in den Jahren vor dem Ruhestand für einige Zeit vom Unternehmen fernzuhalten – vielleicht bei einer vorgezogenen Australienreise?

Ruhestandsplanung – auf jeden Fall einen Gesprächstermin wert

Für Firmenkundenberater sollte das kein Nebenbei-Thema sein. sondern einen eigenen Gesprächstermin wert sein. Das signalisiert dem Unternehmer die Wichtigkeit des Themas und Berater können sich positionieren. Denn nicht jedes Institut räumt dem Thema einen eigenen Termin ein, obwohl solch ein Gespräch den subjektiven Wohlfühlfaktor erheblich stärken kann.

Da es sich beim Ruhestand um ein sehr menschlich-emotionales Thema handelt, können Berater den Unternehmer auch emotional ansprechen, wenn die Berater-Kunde-Beziehung das zulässt. Es ist auch hier wichtig, die Sichtweise des Unternehmers anzunehmen. Auch Sparkassenberater gehen irgendwann in den Ruhestand und haben dann vielleicht pro Jahr um die 2000 Stunden mehr Zeit. Haben Sie schon eine Idee, was Sie mit 2000 zusätzlichen Stunden Freizeit im Jahr anstellen möchten? Und das für 20 Jahre oder mehr?

Ein Unternehmer-Leben ist etwas Besonderes

Die wenigsten Unternehmer passen in Lebenszyklusmodelle, sofern diese nicht auch den Lebenszyklus der Firma berücksichtigen. Aber Berater wissen: Der Ruhestand, die Neuorientierung in der Ehe und das Loslassen vom Unternehmen sind sehr emotionale Themen, auch wenn es dabei nicht mit Tränen zugehen muss.

In meinen Vorträgen für Unternehmer sorgt es immer für viel Gelächter, wenn ich den Unternehmern und ihren Ehepartnern erzähle, wie das so werden wird, wenn man plötzlich mit über 5000 Freistunden zu Hause sitzt. Sprechen Sie dieses Thema aber nicht nur als Warnung, sondern auch als Chance an, die nächsten Lebensjahre aktiv zu gestalten.

Ein Gespräch sensibilisiert auf jeden Fall und sorgt dafür, dass die Unternehmer sich rechtzeitig mit der Frage auseinandersetzen: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben, wenn ich aus der Firma raus bin?

Der Beitrag ist im Versteher-Magazin von Berater Dirk Wiebusch erschienen und wurde leicht bearbeitet. 

Dirk Wiebusch
– 8. Oktober 2021