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NordLB-Studie
Keine neue Welt, aber schneller Wandel
Deutschland einig Industriemuseum? Noch nicht. NordLB-Experten erläutern in Magdeburg die wirtschaftlichen Coronafolgen für Deutschland und Sachsen-Anhalt.

NordLB-Regionalexperte Eberhard Brezski sagte bei der Vorstellung der Studie, die Krise verschärfe den Strukturwandel in vielen Branchen, da sich das Konsumentenverhalten ändere und neue Themen in den Vordergrund treten. Die angespannte wirtschaftliche Situation vieler Unternehmen erschwere Investitionen.

Allerdings zeichne sich laut Ifo-Geschäftsklimaindex mittlerweile in Deutschland und vielen Teilen der Welt eine gewisse Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Die Vorkrisen-Niveaus werden in den meisten Volkswirtschaften aber erst 2022 und 2023 wieder erreicht, sagte Brezski. 

In Sachsen-Anhalt lagen die Umsätze des verarbeitenden Gewerbes im Juni um minus 8,4 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Darüber hinaus waren wie in Deutschland insgesamt die Branchen Gastronomie und der Reiseverkehr/Tourismus bis Mai negativ betroffen.

Maßnahmen von Bund und Land sorgen für positive Entwicklung 

Nach Einschätzung Analysten dürfte Sachsen-Anhalt aber vom Trend zum Urlaub in Deutschland profitieren. Die Experten erwarten im dritten und vierten Quartal eine schrittweise Erholung. Dafür spreche auch das wieder günstigere Ifo-Geschäftsklima für Ostdeutschland. 

Sachsen-Anhalt-Zentrale der NordLB in Magdeburg.

In einem ersten Schritt sei es Bundesregierung und Land Sachsen-Anhalt um den Erhalt der Liquidität von Unternehmen und die Einführung von Kurzarbeit gegangen. Trotz Kritik einiger betroffener Branchen, die die Maßnahmen als zu wenig zielgruppenspezifisch einstuften, leisteten die Maßnahmen in Summe einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der angespannten ökonomischen Situation, so die Analysten.

Hierfür spreche auch, dass die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland im ersten Halbjahr nicht gestiegen sei. Vielmehr liegt sie laut Studie um 8,2 Prozent unter dem Vorjahreswert. Ein Anstieg der Insolvenzen erwarten die Experten erst Ende 2020 oder im ersten Halbjahr 2021. Demgegenüber lag die Zahl der Insolvenzen in Sachsen-Anhalt per Ende Mai 2020 um 7,3 Prozent über dem Vorjahreswert. 

Konsumveränderungen, Technologieschub, Nachhaltigkeitsziele

Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Umwelt und Digitalisierung seien weiterhin große Herausforderungen, sagen die Analysten. Die Coronakrise werde die Bedeutung dieser Trends in Bezug auf die Branchenentwicklungen noch weiter verstärken. 

Es werde zu Nachfrage- und Konsumveränderungen kommen, außerdem zu einem Technologieschub und einer verstärkten Umsetzung von Klima- und Nachhaltigkeitszielen. Die Krise werde Einfluss auf die „Resilienz in den Wertschöpfungsketten“ haben und den Einfluss des Staats erhöhen.

Einzelhandel und Ernährungssektor behaupten sich gut

Die Studie beschäftigt sich mit dem Einfluss der Coronapandemie auf die Branchen in Deutschland und in Sachsen-Anhalt. Demnach lagen die Gästeankünfte und -übernachtungen im Bundesland bis Ende Mai um jeweils rund 50 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Camper am Schaufelradbagger Gemini im Freilichtmuseum Ferropolis in Gräfenhainichen. Die NordLB-Experten erwarten, dass sich die Tourismusbranche in Sachsen-Anhalt rasch wieder erholt.

Der Einzelhandelsumsatzindex hat dagegen im Mai mit einem Wert von 115 Indexpunkten den Vorjahreswert (112) sogar leicht übertroffen.

Auch das Bauhauptgewerbe hat in Sachsen-Anhalt in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres keinen Umsatzrückgang hinnehmen müssen. Vielmehr legte es gegenüber 2019 um 7,8 Prozent zu.

Der Wohnungsbau hat stagniert, sodass das aktuelle Wachstum laut Studie ausschließlich aus dem gewerblichen Bau sowie dem öffentlichen Bau und dem Straßenbau resultierte.

Im verarbeitenden Gewerbe hat sich die Ernährungsindustrie gut behauptet. Sie verzeichnete per Ende Mai ein Umsatzplus von zehn Prozent. Auch die pharmazeutische Industrie legte um 1,4 Prozent zu. 

Rückläufig waren in Sachsen-Anhalt hingegen die folgenden Branchen: Chemieindustrie (minus 3,6 Prozent), Papierindustrie (minus 11,2 Prozent), Metallerzeugung und -bearbeitung (minus 24,6 Prozent), Maschinenbau (minus 14,8 Prozent), die Herstellung von Metallerzeugnissen (minus 12,6 Prozent), die Herstellung von Gummi- und Kunststoffwaren (minus 5,9 Prozent) und die Papierindustrie (minus 11,2 Prozent).

Thomas Olszowy (links), Prokurist des Folienwerks Wolfen, und Armin Willingmann (SPD), Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, bei einer Werksbesichtigung. Das Wirtschaftsministerium Sachsen-Anhalt zeichnet sogenannnte Zukunftsorte im Land aus. Die Pandemie hat aber in fast allen Industriebranchen für Rückgang gesorgt.

Beschleunigter Strukturwandel in vielen Branchen

Die Arbeitslosigkeit in Sachsen-Anhalt lag im Juli 2020 um 13,5 Prozent über dem Vorjahresmonat. Dies ist mit der niedrigste Zuwachs aller Bundesländer. Die Arbeitslosenquote lag im Juli bei acht Prozent (Vorjahresmonat sieben Prozent).

Die Arbeitslosenquote für die gesamte Bundesrepublik lag zum gleichen Zeitpunkt bei 6,3 Prozent (Vorjahresmonat fünf Prozent). Ohne die Coronapandemie hätte die Arbeitslosenquote in Sachsen-Anhalt bei 6,5 Prozent und in Deutschland bei 4,9 Prozent gelegen.

Insgesamt sei Sachsen-Anhalt „ein Spiegelbild der allgemeinen gesamtwirtschaftlichen Situation in Deutschland“, so die Analysten. Unterschiede ergeben sich aus der abweichenden Wirtschaftsstruktur, die eher vorteilhaft für die Wirtschaftserholung in Sachsen-Anhalt sein könnte.

„Die Coronakrise wird keine neue Welt erschaffen. Sie wird aber bestehende Trends und den grundsätzlich vorhandenen Strukturwandel in vielen Branchen beschleunigen und den zeitlichen Spielraum für Reaktionen der Unternehmen, zum Beispiel Änderungen im Geschäftsmodell, einengen“, sagt NordLB-Experte Brezski.

9. September 2020