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Selbstmanagement
Wege aus der Überforderungsfalle
Stress, Überforderung und das Gefühl, ausgebrannt zu sein, gehören in der heutigen Leistungsgesellschaft für fast die Hälfte aller Berufstätigen zur Lebenserfahrung. Wie Sie sich schützen und aus der Selbstüberforderung ausbrechen.

Die Anforderungen der modernen Arbeitswelt bringen nicht wenige Arbeitnehmer und Selbstständige öfter an ihre physischen und psychischen Grenzen der Leistungsfähigkeit. Das hängt im Wesentlichen mit drei Faktoren zusammen:

  • Erstens hat sich der Leistungsdruck innerhalb der Unternehmen durch die Internationalisierung und die dadurch aufkommende Verdichtung von Arbeitsprozessen deutlich erhöht.
     
  • Zweitens nimmt der interne und externe Konkurrenzkampf im Zuge der Verschlankung von Produktions- und Verwaltungsabläufen immer weiter zu. Die Coronakrise wird auch hierfür ein Katalysator sein und die entsprechenden Rationalisierungsbestrebungen weiter forcieren.
     
  • Drittens befinden sich Berufstätige aller Hierarchiestufen aufgrund der Virtualisierung der Arbeitswelt durch Plattformen wie Linked.in und Xing in einem permanenten Aufmerksamkeits- und Vergleichswettbewerb. Dadurch stellt sich bei vielen Arbeitnehmern das Gefühl ein, wichtige Trends zu verpassen beziehungsweise nicht so gut aufgestellt zu sein wie die übrigen (Arbeits-) Marktteilnehmer.

Warnsignale erkennen und handeln

Business-Coach Frank Reime aus Leverkusen kennt die körperlichen Signale, die sich bei vielen seiner Klienten einstellen, nur zu gut: „Der Kopf fühlt sich an wie ein überlastetes Knäuel. Wir können uns nicht mehr richtig konzentrieren, reagieren ängstlich oder gereizt.“

Bei so manchem spiele der Kreislauf verrückt, uns werde heiß und kalt, wir hätten Magenprobleme und seien stark angespannt. Auch der nächtliche Schlaf wäre häufig gestört.

„Manche werden zu Frustessern, während anderen der Appetit völlig vergeht. Die Gedanken über sich selbst und andere Menschen werden negativer und kritischer. Wenn dann noch Frustration und das Gefühl der Hilflosigkeit hinzukommen, steuern wir geradewegs in eine Depression. Am Ende fühlen wir uns nur noch leer und ausgebrannt.“

Überblick verschaffen

An diesem Punkt gibt es für ihn nur noch eine Option: Sofort handeln! „Wichtig ist zunächst, die eigene Situation zu erkennen und zu akzeptieren. Nur wenn das geschafft ist, kann man sich aus der akuten Überforderungssituation befreien, indem man entschleunigt und sich selbst herunterfährt.“

Das schaffe die notwendigen zeitlichen Freiräume, um sich einen Überblick zu verschaffen, was gerade falsch läuft und wo Handlungsbedarf besteht, so Reime.

Drei Faktoren, die gegen die Überforderungsfalle helfen sollen: Achtsamkeit, Selbstliebe und vor allem – viel Zeit. 

Prioritäten setzen und Aufgaben delegieren

Gerade das heute so viel beschworene Multitasking sei eine kraft- und zeitraubende Illusion, die oft an der Realität scheitere. Daher ist es seiner Erfahrung nach in einer Krisensituation essenziell, Prioritäten zu setzen und so die Spreu vom Weizen zu trennen, was ein fokussierteres Arbeiten ohne Verzettelung ermöglicht.

Neben guter Arbeitsplanung und Selbstorganisation ist es manchmal aber auch notwendig, Aufgaben zu delegieren. Anstatt alles allein schaffen zu wollen, empfiehlt Reime: 

► Gute Planung und Organisation! Haben Sie Vertrauen und lassen Sie los!

► Geben Sie Aufgaben ab! Gemeinsam sind wir stark!

► Delegieren Sie Arbeiten und Aufgaben an Kollegen, Freunde, Familie oder Partner. So haben Sie mehr Zeit und Konzentration für Ihre wirklich wichtigen Aufgaben und für Regeneration.

Doch ein solcher Schritt bedarf der vorherigen Abstimmung mit dem eigenen Umfeld. Daher sollten Betroffene zunächst das Gespräch mit Kollegen, Vorgesetzten, Familienangehörigen und Freunden suchen.

Sprechen mit Vertrauten bringt doppelten Gewinn

Das Sprechen mit Vertrauten bringt den Betroffenen gleich doppelten Gewinn: „Es erleichtert enorm, sich in überforderten Situationen den Frust und die Sorgen von der Seele zu reden. Eine Außensicht auf deine Lage kann zudem wertvolle Erkenntnisse bringen und so zur Lösung der Überlastungssituation beitragen“, so Reime.

Um dem gestressten Körper etwas Gutes zu tun, hat er noch zwei praktische Ratschläge: „Viel schlafen, wenn der Körper danach verlangt, und die heilende Kraft der Natur erleben, beispielsweise bei einem ausgedehnten Waldspaziergang.“

Sich selbst und andere nicht überfordern

Doch nicht immer lassen sich mit rein organisatorischen Maßnahmen die geschilderten Krisensituationen meistern. In einigen Fällen liegen ihnen vielmehr traumatische Erlebnisse aus der Kindheit zugrunde. So wie bei Oskar M., einem erfolgreichen Immobilienkaufmann, der sieben Mitarbeiter hat und aufgrund langer Arbeitstage auch mal öfters im Büro übernachtet.

Dabei überschreitet nicht nur er selbst ständig seine Leistungsgrenze, sondern indirekt auch die seiner Mitarbeiter. Denn diese mögen ihren Chef und wollen es ihm in jeder Hinsicht recht machen. Erst die besorgten Anrufe von Familienangehörigen machen M. bewusst, dass er mit seinem Streben nach Perfektion und dem Willen, zu allem und jedem immer „Ja“ zu sagen, nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mitarbeiter in die Bredouille bringt.

Um dem gestressten Körper etwas Gutes zu tun, helfen oft schon einfache Dinge: Viel schlafen, wenn der Körper danach verlangt, und die heilende Kraft der Natur erleben.

Fataler Hang zum Perfektionismus

Für Leonhard Fromm, der von Haus aus Theologe und Wirtschaftsredakteur ist und seit 2014 in Schorndorf auch als Business-Coach wirkt, ist Oskar M. kein Einzelfall: „Viele Menschen finden im beruflichen Erfolg die Anerkennung, die sie seit ihrer Kindheit suchen.“

Frühe Erfahrungen prägen oft fürs Leben

Der eine kompensiere damit die vermeintliche Demütigung, in der Schule eine Klasse wiederholt haben zu müssen. Der andere habe von seiner Mutter immer nur Zuwendung bekommen, wenn er etwas richtig gut gemacht hatte. Und beim dritten sei der Vater vermeintlich ein solcher „Versager“ gewesen und habe die Familie von Sozialhilfe gelebt, dass der Sohn nur möglichst weit weg von dieser Situation wollte.

Diese Erfahrungen prägen die Betroffenen oft ein Leben lang und führen in vielen Fällen zur Überforderung der eigenen Person, aber auch, wie das Beispiel zeigt, von Kollegen und Mitarbeitern.

Die eigene Persönlichkeit reflektieren

Hier sind laut Fromm therapeutische Ansätze gefragt, innerhalb derer sich der Betroffene intensiv und unter fachlicher Anleitung mit dem in der Kindheit Erlebten auseinandersetzt. Das könne in einer Gruppe geschehen oder im Einzel.

Entscheidend sei, dass der Raum dieser Offenbarungen geschützt ist, der Klient freiwillig kommt, die Unterstützung professionell erfolgt – „und und ähnlich wie bei einer Zwiebel die Schichten nacheinander und behutsam abgetragen werden“, erklärt der 57-Jährige.

Leicht sei dieser Weg anfangs nicht, denn die Einsichten, die man während eines solchen Prozesses über sich selbst gewinnt, seien oft schmerzhaft und lösten zunächst Trauer und/oder Wut aus.

Chefs sind oft Vermeider – wenn es um sie selbst geht

„Doch beides gehört zur Veränderung, auch wenn Männer generell und Führungskräfte ohnehin sich meist damit sehr schwertun.“  Sie seien tendenziell „Vermeider“, sobald es um sie selbst gehe. „Würden sie sich selbst nur halb so viel ‚warten‘ wie ihre Autos, viele Depressionen, Burn-outs und Gewaltexzesse würden vermieden“, so der Gestalttherapeut.

Wichtig ist es, die eigene Situation zu erkennen. Nur wenn das geschafft ist, kann man sich aus der akuten Überforderungssituation befreien, indem man entschleunigt und sich selbst herunterfährt. 

 

Das Heft wieder in die Hand nehmen

Ist dieser Prozess jedoch erst einmal angestoßen, können die Betroffenen aus der Perspektive des Erwachsenen ihr Kindheitstrauma der Ausweglosigkeit und Verzweiflung auflösen und ihr Leben neu inszenieren: „Das Drehbuch quasi neu schreiben und ihrerseits – im geschützten Raum eines therapeutischen Settings – den Lehrer (und damit die „Obrigkeit“) ihrerseits verhöhnen oder mit dem strengen, gefühlskalten Vater „abrechnen“.

Betroffener kann sich als Sieger fühlen

Zugleich kann sich der Betroffene vergegenwärtigen, dass er ein Sieger ist, weil er die damalige Situation überlebt hat. Er kann nun aus der Erwachsenenperspektive prüfen, in wieweit ihm die damals antrainierten Muster noch hilfreich sind, sein heutiges Leben mit Familie, Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeitern zu gestalten.

Um diesen Ansatz erfolgreich zu Ende zu führen, bedarf es Fromm zufolge dreier Faktoren:

► Achtsamkeit (Awareness),

► Selbstliebe (Resilienz) und vor allem –

► viel Zeit.

Denn im Gegensatz zu bloßen organisatorischen Veränderungen ist die Reflexion des eigenen Handelns mit erheblich größeren inneren Widerständen und Schwierigkeiten verbunden.

Welchen der beiden Ansätze Sie auch für sich und Ihre Situation wählen: Gehen Sie mit Offenheit, Umsicht und der Lust auf Neues an die Sache heran und seien Sie frohen Mutes – alles wird gut.

Harald Henkel
– 11. August 2020