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Was macht ... Lutz Wittenberg im eiskalten Wasser?
Mein lieber Schwan
Normalerweise rufen bei Lutz Wittenberg von der Berliner Sparkasse Privatkunden an, die Fragen rund ums Geld mit ihm besprechen wollen. Doch Mitte Februar erreichte ihn der Notruf einer Tierschützerin. Wittenberg solle einen Schwan retten.

Eigentlich hatte Lutz Wittenberg sein ungewöhnliches Hobby schon etwas aus den Augen verloren. Doch Mitte Februar kam der Anruf einer besorgten Tierschützerin und die schlug Alarm.

„Die Dame hatte mit Mitstreiterinnen aus der Nachbarschaft einen flugunfähigen Schwan in der Krummen Lanke am Rande des Grunewalds entdeckt. Und bei den extrem hohen Minustemperaturen drohte die letzte eisfreie Stelle im See zuzufrieren“, erzählt Wittenberg, der bei der Berliner Sparkasse als Berater im PrivatkundenCenter arbeitet. „Wie kommt sie ausgerechnet auf mich?“, war natürlich die erste Reaktion des 58-Jährigen.

Bei starken Minusgraden kommt es häufiger vor, dass Schwäne im Eis festfrieren. Dann hilft nur noch ein beherzter Einsatz von Menschen als Befreier.

Das war schnell geklärt. Wittenberg ist Hobby-Eisbader. Als er im Winter vor zwei Jahren beherzt in einen eiskalten Berliner See eintauchte, kam ein Fotograf der Deutschen Presseagentur des Weges und ließ sich diesen schönen Schnappschuss natürlich nicht entgehen.

Einen Tag später veröffentlichte die Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ Wittenbergs unerschrockenen Sprung ins kühle Nass. An dieses Motiv hatte sich die Tierschützerin erinnert, googelte und wurde für ihr gutes Erinnerungsvermögen belohnt.

„Ich war zwar seitdem nicht mehr Eisbaden, aber natürlich wollte ich helfen und rief sofort Freunde an, die mich 2016 zu dem Hobby gebracht hatten.“ Noch vor Einbruch der Dunkelheit traf sich das Schwanen-Retter-Trio, gut ausgerüstet mit schwerer Axt.

Mit einer Axt musste Lutz Wittenberg das Eis um den eingefrorenen Schwan freihacken.

Wassertemperatur von einem Grad

Bei einer Wassertemperatur von einem Grad gingen die drei abwechselnd in die Krumme Lanke, um das Eis aufzuschlagen und dem Schwan, der die Rettungsaktion mit stoischer Ruhe verfolgte, wieder Bewegungsfreiheit zu verschaffen.

Mehr als ein bis zwei Minuten hält man es bei dieser eisigen Kälte nicht im Wasser aus. Klar, dass Wittenbergs Auftraggeberin und ihre Nachbarinnen die Aktion aufmerksam und zufrieden verfolgten.

„Wir haben das Eis dann an Land getrieben, damit es nicht sofort wieder festfriert“, sagt der Eisschwimmer. In den nächsten Tagen folgten zwei weitere Aktionen, bei einer war sogar die Tierrettung Potsdam dabei. 

Eher durch Zufall war der gebürtige Berliner zum Eisbaden gekommen. „In einem Familienchat hatte jemand eher nebenbei gefragt, ob einer Interesse habe, mitzumachen“, erinnert sich Wittenberg.

Ja, hatte er, und fortan hieß es an den Wochenenden laufen und baden, im Sommer bei angenehmen Temperaturen, im Winter galt es dann schon, den inneren Schweinehund zu überwinden.

Natürlich müsse man fit sein, betont der sportliche Sparkassenmitarbeiter, sonst sei dieses Hobby sehr gefährlich. Gesunden kann er das Eisbaden aber nur wärmstens empfehlen. „Der Körper schüttet wie beim Marathon Glückshormone aus. Danach fühlt man sich einfach großartig.“

Für gefährlich hält der Schwimmer das Hobby nicht. Man schlage ja nur am Rand des Sees ein Loch und tauche dann bis zum Hals ein, aber nicht mit dem Kopf unter. Das stärkt das Immunsystem.

Und Wittenberg weiß auch, wann Schluss ist. „Mehr als dreimal pro Badegang und jeweils wenige Minuten sollte man das Abenteuer nicht wagen.“ Einmal habe er es etwas übertrieben. „Da hat es mich erwischt und ich hatte zwei Tage Fieber.“

Nach der Schwan-Rettungsaktion: Lutz Wittenberg (rechts) und Helfer. Links der befreite Schwan.

Anbaden im Wannsee

Zu seiner aktiven Zeit machten sich Wittenberg und seine Freunde auch regelmäßig einen Spaß daraus, beim Anbaden im Wannsee teilzunehmen. Das findet jährlich an Karfreitag statt. „Die ersten zehn bekommen eine Freikarte für das Freibad.“

Wittenberg war mehrfach erfolgreich dabei und schaffte es auch immer wieder in die Presse: in die Berliner Abendschau und selbst in die überregionale „Süddeutsche“.

Neben einem wöchentlichen Fitnessprogramm ist sein liebstes Hobby das Reisen. Mit seiner Frau ist er schon einmal um die ganze Welt gereist und schließlich „in den USA hängengeblieben“.

Schon gut 20 Mal war das Paar in den Vereinigten Staaten. Jetzt hoffen die beiden auf 2022. „Die schönsten Ecken in den USA werden wir uns dann noch einmal anschauen.“

Dass es dem Schwan gut geht und die Rettungsaktion somit ein voller Erfolg war, davon haben sich Wittenbergs Freunde überzeugt.

Der schöne Schwimmvogel hatte gleich doppelten Grund zur Freude. Er konnte wieder in Ruhe seine Bahnen ziehen. Denn so schlagartig, wie das Quecksilber abgestürzt war, erholten sich die Temperaturen auch wieder.

Grund genug für die Frau des Schwans, von der Havel, auf der sie den Winter in einem offenen Gewässer verbringt, frühzeitig zurückzukehren. Umsiedeln kann man deren flugunfähigen Gatten nicht, zu groß wäre die Gefahr, dass er aufgrund seines Handicaps bei Revierkämpfen verdrängt würde.

Der Schwanen-Retter denkt darüber nach, im nächsten Winter sein Hobby wieder aufleben zu lassen. Wenn er Glück hat, trifft er dann seinen Schwan.

Eli Hamacher
– 6. März 2021