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| Basel III in Russland

Bankschließungen durch Vertrauensverlust

Russlands Banken haben verstärkt mit Hackerangriffen zu kämpfen. Allein 2016 gab es 70 Millionen Cyberattacken. Doch damit nicht genug. Schärfere Kapital- und Liquiditätsvorschriften haben ebenfalls zur scharfen Konsolidierung des Bankenmarkts beigetragen. Kleinere Institute sind besonders stark betroffen.

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In Russland waren Ende 2015 714 Banken und 120 Bankengruppen registriert. Damit ist die Zahl der Banken seit 1996 stark geschrumpft. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch 2600 Banken. Allein seit 2013 hat die Notenbank mehr als 300 Banken die Lizenz entzogen. Vor allem mittelgroße Banken sind in den vergangenen zwei Jahren vom Markt verschwunden. Zurückzuführen ist das vor allem auf einen enormen Vertrauensverlust bei den Kunden. Nur 31 Prozent der Russen vertrauen einer Bank heute noch in vollem Umfang.

 
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Der Großteil der Finanzinstitute ist in Moskau angesiedelt. Das gesamte Bankvermögen trägt rund 110 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts. Alle 714 Banken müssen das Baseler Rahmenwerk anwenden (s. Abb. 1). Etwa 57 Prozent des Bankvermögens sind in staatlicher Hand. 36 bzw. sieben Prozent werden durch private oder ausländische Eigentümer kontrolliert.

Das Bankensystem wird durch fünf Banken dominiert (s. Abb. 2). Auf die größten fünf Banken entfallen rund 55 Prozent der Bankenaktiva und auf die größten 50 schon 87 Prozent. Zehn Institute werden als national systemrelevant eingestuft.

Hinter den beiden größten Geldhäusern – der Sberbank und der VTB – klafft eine große Lücke zu den nachfolgenden Instituten. Aber auch zwischen den beiden gibt es große Unterschiede. So ist die Sberbank nicht nur mehr als doppelt so groß. In Bezug auf die Ertragslage ist die Sberbank dreimal so groß wie die VTB. Beide Banken sind von den Sanktionen der EU und der USA betroffen.

Das Geschäftsmodell der russischen Banken ist traditionell. So treten die Banken in nur geringem Maße in Handelsgeschäften auf. Komplexe Finanz­instrumente wie Verbriefungen oder Kreditderivate gibt es kaum. Die VTB hat das Investmentbanking zurückgefahren und wendet sich stärker den einheimischen Kundengruppen der Sberbank zu. Die Sberbank hat fast die Hälfte aller russischen Privatkundeneinlagen in ihrer Bilanz.

In Russland gibt es ein Einlagensicherungssystem, das durch eine staatliche Versicherungsgesellschaft garantiert wird. Für den Fall eines Lizenzentzugs werden im Ausschreibungsverfahren andere russische Banken ausgewählt, die den Anlegern ihre Bankeinlagen erstatten. Dies geschieht in voller Höhe, jedoch nicht mehr als 1,4 Millionen Rubel. Das sind umgerechnet etwa 22 000 Euro. Bemerkenswert ist, dass der Anteil der Immobilienkredite relativ gering ist. Sie machen nur fünf Prozent aller Bankkredite aus. Zwei Drittel der Bankkredite sind Ausleihungen an Unternehmen.

 
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Die durchschnittliche risikogewichtete Gesamtkapitalquote der russischen Banken beträgt 13,3 Prozent. Die harte Kernkapitalquote liegt im Schnitt nur bei 9,5 Prozent. Im internationalen Vergleich sind das relative geringe Werte (s. Abb. 3). Das Eigenkapital aller russischen Banken beträgt nur 5,7 Milliarden Euro, was etwa drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht.

Die Eigenkapitalquoten der russischen Banken stehen unter Druck (s. Abb. 4). Hohe Rückstellungen und Wertberichtigungen zur Absicherung notleidender Kredite belasten die Kapitalausstattungen. Der Rückgang konnte nicht durch entsprechenden Kapitalaufbau kompensiert werden, da die Erträge der Banken in den vergangenen Jahren durch die gesamtwirtschaftliche Lage rückläufig waren. So fiel die Gesamtkapitalrentabilität (Return on Assets) im September 2015 auf null Prozent. Zudem ist der Ausbau von Eigenkapital auch durch die Sanktionen beschränkt. Sie machen es den russischen Banken schwerer, sich im Ausland zu refinanzieren.

 
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Die Wirtschaftskrise der Jahre 2015/2016 hat bei den russischen Banken zu enormen Kreditausfällen geführt. Konsumkredite sind mit etwa acht Prozent überfällig (s. Abb. 5). Gerade in diesem Segment gab es in den vergangenen Jahren hohe Wachstumsraten. Die überfälligen Kredite liegen mit etwas über sechs Prozent im Unternehmens-sektor etwa darunter, sind aber dennoch als hoch einzuschätzen. Zurückzuführen sind die Ausfälle bei den Unternehmenskrediten unter anderem auf den Preisverfall an den Rohstoffmärkten.

Legt man den IMF-Index zur Finanzsystementwicklung zugrunde, dann ist das russische Finanzsystem im Vergleich mit anderen Schwellenländern durchschnittlich entwickelt (s. Abb. 6). Zwar sticht der russische Finanzmarkt positiv hervor. Allerdings sind es vor allem die Finanzinstitutionen, die insgesamt als schwach eingeschätzt werden.

Basel III in Russland

Der Baseler Ausschuss prüft laufend die einheitliche Umsetzung Eigenkapitalvorschriften in den 28 Mitgliedstaaten. Dafür setzt der Ausschuss mit dem "Regulatory Consistency Assessment Programme" (RCAP) ein speziell entwickeltes Prüfverfahren ein. Damit wird zum einen die fristgerechte Einführung der Basel-III-Standards in den einzelnen Ländern überwacht. Zum anderen überprüft der Ausschuss die nationalen Gesetze, ob die Standards umfassend umgesetzt worden sind. Einbezogen sind mittlerweile auch die regulatorischen Liquiditätsvorschriften.

Die russische Zentralbank (Bank Rossii) ist für die Regulierung und Aufsicht der russischen Banken verantwortlich. Der Gesetzgeber hat verschiedene Instrumente geschaffen, um die Banken im Krisenfall zu stabilisieren. Im Vordergrund stehen zunächst erleichternde Bilanzvorschriften. Zusätzlich gibt es die gesetzliche Verpflichtung zur Umwandlung von Deviseneinlagen in Rubel zu einem niedrigen Kurs. Einlagen können ferner eingefroren und ihre Umwandlung in Eigenkapital oder teilweise in langfristige Staatsobligationen verlangt werden. Die letztgenannten Maßnahme ist bisher noch nicht angewendet worden.

Das risikoorientierte Kapitalrahmenwerk ist seit Mitte 2010 im Einsatz. Zunächst kamen nur einfache Standardansätze für die Kreditrisiken und operationelle Risiken zur Anwendung. Die Mindestkapitalanforderungen wurden seinerzeit von acht auf zehn Prozent erhöht. Das Problem bestand aber darin, dass die Berechnung der Risiken recht lax gehandhabt worden ist. Defizite im Risikomanagement sind demnach ein großes Manko russischer Banken.

Das Gesetzeswerk wurde seitdem sukzessive auf die Baseler Standards hin aktualisiert und letztmalig Ende 2015 geändert. Unter anderem sind Risikogewichte für russische Staatsanleihen, die auf Fremdwährungen lauten, gegenüber dem Baseler Standard angepasst worden. Das Länderrisiko soll auf diese Weise besser abgebildet werden. Mit diesen Anpassungen will man auch den Eindruck erwecken, dass die russischen Banken die internationalen Vorgaben schultern können und nicht etwa in einer Krise stecken.

 
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Mit der Einführung der Kapitalpuffer wurde die Mindestkapitalquote wieder auf acht Prozent gesenkt und dafür die Risikoberechnungen verschärft. Sieben russische Banken haben begonnen, den auf internen Ratings basierenden Messansatz für Kreditrisiken einzuführen. Bei den übrigen Risiken kommen weiterhin keine internen Ansätze zur Anwendung.

Die Umsetzung von Basel III erfolgt in Russland insgesamt einheitlich mit den Baseler Eigenkapitalvorschriften. Laut Baseler Fortschrittsbericht werden alle 14 Einzelkomponenten als Basel-konform eingestuft (s. Abb. 7). In vielen Bereichen sind die nationalen Vorschriften strenger als die Originalvorgaben.

 
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Seit Mai 2014 sind die regulatorischen Liquiditätsanforderungen in Russland im Umlauf. Sie beziehen sich vor allem auf die Liquiditätsdeckungsanforderung (LCR). Sie schreiben den Instituten vor, jederzeit einen Bestand an hochliquiden Wertpapieren vorhalten zu müssen. Die LCR ist von allen 714 Kreditinstituten seit 2015 anzuwenden. Auch hier erfolgt die Umsetzung im Wesentlichen konform mit den internationalen Vorgaben (s. Abb. 8). Die durchschnittliche LCR der russischen Banken beträgt allerdings nur 79 Prozent (s. Abb. 1). Für die Banken ist die Übergangsphase also zwingend notwendig.

Im Vergleich zu westeuropäischen Ländern besteht ein wesentlicher Unterschied in der Inanspruchnahme einer sogenannten alternativen Liquiditätslinie. Dies ist dann der Fall, wenn in der einheimischen Währung nicht ausreichend liquide Aktiva verfügbar sind. Die Lücke kann dann durch Liquiditätsfazilitäten der Zentralbank gedeckt werden. Die Verwendung der Fazilitäten an bestimmte Voraussetzungen geknüpft.

Russlands Stabilität

Ein stark fallender Rohölpreis hat die russische Wirtschaft in den zurückliegenden 20 Jahren immer wieder in scharfe Rezessionen geführt. Dies war auch in den Jahren 2014 bis 2016 wieder zu beobachten. Zwar ist in der Langfristperspektive die Rohstoffabhängigkeit der Wirtschaft zurückgegangen. Der Anteil von Erdöl am russischen BIP ist mit etwa 14 Prozent aber immer noch sehr hoch.

Mit der Freigabe des Rubelwechselkurses haben sich seit 2015 die makroökonomischen Bedingungen etwas stabilisiert. Durch diese Maßnahme konnte ein hoher Leistungsbilanzüberschuss realisiert werden, obwohl sich die Handelsbilanz aufgrund niedriger Rohstoffpreise halbiert hat. Die Inflation pendelt sich durch eine strikte Geldpolitik auf sechs Prozent ein.

Die Wirtschaftssanktionen der USA und der EU haben nur einen beschränkten Einfluss auf die Wirtschaft Russlands: Sie erschweren zwar einer begrenzten Zahl von Unternehmen und auch Banken die Refinanzierung auf internationalen Kapitalmärkten. Aber Russland hat seit einigen Jahren seine Auslandsverschuldung deutlich verringert. Sie ist nur doppelt so hoch wie die staatlichen Gold- und Devisenreserven. Russland benötigt aktuell keine Auslandskredite.

Auch die Unternehmen haben ihre Investitionen in den vergangenen Jahren stark zurückgefahren. Nur für den Fall, dass der Kreis der sanktionierten Unternehmen größer und zusätzlich die Kreditaufnahme durch den russischen Staat eingeschränkt werden würde, hätten die Sanktionen massive Auswirkungen auf Russlands Wirtschaft.

Der Investitionsstau der vergangenen zwei Jahrzehnte hat zu einer geringen Auslastung der Produktionskapazitäten geführt. Zudem sind die Produktionsstätten Russlands technologisch veraltet. Die Konkurrenzfähigkeit der Produkte ist beschränkt. Verändert sich die Wirtschaftslage Russlands nicht wesentlich, wären die Devisenreserven erst in drei bis fünf Jahren erschöpft, und Russland müsste an den Kapitalmärkten wieder Kredite in großem Stile aufnehmen.

Dem russischen Staat fehlen die Mittel, um Investitionen anzuschieben. Das Haushaltsdefizit betrug 2016 rund 4,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Auch die staatlichen Unternehmen haben keine freien Mittel. Die privaten inländischen und die ausländischen Unternehmen sind wegen der Vertrauenskrise nicht bereit, in Russland zu investieren.

Ein besonderes "Vehikel" ist die Vnesheconombank (VEB). Sie ist mit einer Bilanz von 50 Milliarden Euro das viertgrößte Kreditinstitut, besitzt aber keine Banklizenz. Die VEB tritt als Entwicklungsbank auf und ist allein dem russischen Präsidenten Rechenschaft schuldig. Sie steht damit außerhalb von Bankenregulierung und Transparenzvorschriften.

Die VEB musste bereits mehrfach rekapitalisiert werden. Seit ihrer Gründung vor zehn Jahren hat sie einen einstelligen Milliardenbetrag in US-Dollar bekommen. Mit den hohen Kreditausfällen – auch im Zusammenhang mit den Olympischen Winterspielen 2014 – sind weitere Stützungsmittel im Umfang von 17 Milliarden Euro in der Diskussion.

Die Gewinnsituation der übrigen russischen Banken hat sich in den vergangenen sechs Monaten verbessert. Die Sberbank hat etwa kürzlich einen Rekordgewinn bekanntgegeben. Die verbesserte Finanzlage russischer Banken ist aber hauptsächlich auf die Leitzinssenkung auf zehn Prozent im vergangenem September zurückzuführen. Die russischen Großbanken setzen auf das klassische Zinsgeschäft mit Einlagen und Krediten. Dieser Geschäftsfelder sind weniger krisenanfällig, aber erst in der Masse lukrativ.

Fazit

Die Wirtschaftskrise in Russland hat die Banken nicht unberührt gelassen. Die Abwertung des Rubels, ein niedriger Ölpreis, die schwache Konjunktur sowie internationale Sanktionen haben den Banken das Geschäft erschwert. Man kann deshalb für diesen Zeitraum durchaus von einer russischen Bankenkrise sprechen. Sie hat Russland etwa 3,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gekostet.

Der russische Bankenmarkt befindet sich daher auf Konsolidierungskurs. Mittlerweile gibt es nur noch etwa 600 Banken. Es ist zu erwarten, dass am Ende nur noch einige große Player sowie kleine Nischenanbieter am Markt tätig sind. Die schärferen Kapital- und Liquiditätsanforderungen machen es vor allem kleineren Geldinstituten schwerer, die Vorschriften einzuhalten. Insofern trägt Basel III zur weiteren Bereinigung des russischen Bankenmarkts bei. Die russischen Banken benötigen in den nächsten Jahren deutlich mehr Eigenkapital.

Auch wenn sich die Wachstumsaussichten der russischen Großbanken im laufenden Jahr verbessern sollten, kann angesichts eines schrumpfenden Inlandsprodukts und weiterhin sinkender Einkommen allenfalls von einer Stabilisierung der russischen Volkswirtschaft ausgegangen werden.

Literatur
  1. Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (BCBS) (2016a): "Regulatory Consistency Assessment Programme (RCAP) – Assessment of Basel III risk-based regulations – Russia", Basel, März 2016.
  2. Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (BCBS) (2016b): "Regulatory Consistency Assessment Programme (RCAP) – Assessment of Basel III LCR regulations – Russia", Basel, März 2016. 

Autor
Dr. Silvio Andrae ist Abteilungsdirektor beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) in Berlin.

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