Anzeige
| Basel III in Indien

Flut an Kreditausfällen

Die Basel III-Reform wurde bei den indischen Banken erfolgreich eingeführt und umgesetzt. Doch Indiens Unternehmenssektor leidet unter einer enormen Schuldenlast. Hinzukommt eine riesige Menge notleidender Aktiva in den Bilanzen der indischen Banken. Unklar ist, ob die Kapitalreserven ausreichen, um die Risiken abzufedern.

Anzeige

Indien verfügt insgesamt über ein gut entwickeltes Bankensystem. Dominiert wird der Bankenmarkt von 76 Geschäftsbanken, die 87 Prozent des gesamten Bankenvermögens ausmachen. Diese Banken unterteilen sich in 26 staatliche, 20 private und 30 ausländische Institute. Hinzu kommen staatliche Regional Rural Banks, deren Aufgabe in der Versorgung der ländlichen Gebiete mit Bankdienstleistungen besteht. Außerdem gibt es städtische und ländliche Kreditkooperativen.

Somit summiert sich die Anzahl der Banken auf 90 Geldhäuser. Die indischen Banken sind nach ihrer rechtlichen Stellung in zwei Kategorien eingestuft: die „Scheduled Banks“ und die „Non-scheduled Banks“. „Scheduled Banks“ sind Kreditinstitute, die im Bankenverzeichnis der Zentralbank eingetragen und veröffentlicht werden. Somit kommen die indischen „Scheduled Banks“ dem Status der „Member Banks“ des Federal Reserve Systems in den USA sehr nahe. Alle privaten und staatlichen Geschäftsbanken gehören zu den „Scheduled Banks“.

Um als „Scheduled Bank“ von der Zentralbank anerkannt zu werden, müssen die Banken einige Voraussetzungen (z. B. Mindesteigenkapital) erfüllen. Die „Scheduled Banks“ können in Notsituationen mit finanziellen Hilfen der Notenbank rechnen. Außerdem bestehen Kreditaufnahme- und Refinanzierungsmöglichkeiten bei der Zentralbank zu günstigeren Konditionen als für „Non-scheduled Banks“. Die Regional Rural Banks und Kreditkooperativen gelten als „Non-scheduled Banks“.

In den letzten Jahren hat sich der Wettbewerb im indischen Bankenmarkt durch den Markteintritt neuer Banken stark erhöht. Das hat unter anderem Auswirkungen auf die schrittweise Einführung neuer Technologien und den Ausbau des Filialnetzes. Der öffentliche Bankensektor hat seine Dominanz bisher beibehalten, auch wenn der Marktanteil dieser Institute rückläufig ist. Es wird erwartet, dass der Wettbewerb im Bankensystem in naher Zukunft weiter zunehmen wird.

Der indische Bankensektor

 
© BBL
 
© BBL
Der indische Bankensektor ist stark reguliert. So ist beispielsweise die Zahl der Niederlassungen einer Bank limitiert. Außerdem müssen die lokalen indischen Banken 40 Prozent ihres Kreditvolumens an Bauern und Kleinunternehmen vergeben. Abbildung 1 gibt einen Überblick über wesentlichen Indikatoren des indischen Bankensystems. Die aggregierte Bilanzsumme aller Banken beträgt etwa 1,5 Billionen Euro (s. Abb. 1). Das entspricht etwa 92 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die USA hat zum Vergleich eine Relation von 83 Prozent.

Die zehn größten indischen Banken repräsentieren etwa 71 Prozent der Vermögenswerte (s. Abb. 2). Die zwei größten Institute machen 32 Prozent der durch die indischen Banken gehaltenen Assets aus. Die Kapitalquoten der indischen Banken liegen über den Mindestkapitalanforderungen. So betrug die durchschnittliche Gesamtkapitalquote 2014 rund 13 Prozent. Die durchschnittliche Kernkapitalquote lang mit 9,7 Prozent nur knapp über der harten Kernkapitalquote von 9,3 Prozent.

 
© BBL
Abbildung 3 zeigt die Verteilung der Kapitalkennziffern nach Bankentypen. So weisen die staatlichen Institute (Public Sector Banks, PSB) tendenziell eine geringere Kapitalausstattung auf als private oder ausländische Banken. Im internationalen Vergleich ist die Kapitalausstattung der indischen Banken insgesamt nicht üppig. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass die führenden Kreditinstitute des Landes in den vergangenen Jahren hohe und steigende Gewinne verbuchen konnten. So hatte die größte öffentliche Bank, die State Bank of India (SBI), und die Nummer eins unter den privaten Banken, ICICI, stets hohe zweistellige Ertragszuwächse zu vermelden. Eine Gewinnthesaurierung zur Stärkung des Eigenkapitals fand nur eingeschränkt statt.

 
© BBL
Der indische Bankensektor steckt aktuell in einer schweren Krise. Indien hat jahrelang von ausländischen Liquiditätszuflüssen und kreditfinanziertem Konsumboom profitiert. Der Liquiditätszufluss wurde zur verstärkten Kreditvergabe durch die Banken genutzt. Viele Schuldner können jedoch schon seit langem ihre Kreditverpflichtungen nicht mehr erfüllen. Anfangs waren dafür die hohen Zinsen zur Bekämpfung der steigenden Inflation verantwortlich. Mittlerweile ist das Zinsniveau gesunken. Und dennoch steigen die Kreditausfälle weiter an. Ausgefallene und restrukturierte Kredite machen inzwischen zehn Prozent des gesamten Kreditvolumensaus (s. Abschnitt „Hoher Verschuldungsgrad der indischen Unternehmen“, Abb. 9). Normal sind auch in einem Schwellenland Raten von zwei bis drei Prozent. In den öffentlichen Banken, die drei Viertel des Bankenvermögens ausmachen, hat sich die Portfolioqualität besonders verschlechtert.

 
© BBL
Die Fähigkeit der Banken, diese Verluste aufzufangen, hängt von der Größe ihrer Kernkapitalpuffer und der Rückstellungen für Kreditausfälle ab. Abbildung 4 zeigt die Kernkapitalquoten im internationalen Vergleich. Unter der Annahme, dass 15 Prozent der Unternehmenskredite nicht erfüllt werden, würde das in Indien, Russland, Bulgarien und Ungarn besonders negativ durchschlagen (s. Abb. 5). Die aufsichtliche harte Kernkapitalquote von sieben Prozent (Mindestkapital von 4,5 Prozent plus Kapitalerhaltungspuffer von 2,5 Prozent) wäre dann unterschritten.

Basel III und die indische Zentralbank

Der Baseler Ausschuss prüft laufend die einheitliche Umsetzung der Eigenkapitalvorschriften in den 28 Mitgliedsstaaten. Der Ausschuss verwendet mit dem „Regulatory Consistency Assessment Programme“ (RCAP) ein speziell entwickeltes Prüfverfahren. Damit wird zum einen die fristgerechte Einführung der Basel III-Standards in den einzelnen Ländern überprüft. Zum anderen unterzieht der Ausschuss die nationalen Gesetze einer Prüfung, inwiefern die Standards umfassend umgesetzt worden sind. Überprüft werden mittlerweile auch die regulatorischen Liquiditätsvorschriften.

Die Reserve Bank of India (RBI) ist die Zentralbank Indiens. Sie nimmt alle typischen Zentralbankaufgaben nach europäischem Muster wahr. Allerdings ist die indische Notenbank nicht immer autonom. Die Reserve Bank fungiert – gesetzlich verpflichtet – als Hausbank der Zentralregierung und muss ihre Wirtschaftspolitik unterstützen.

Sie hat zusätzlich den gesetzlichen Auftrag, das Kredit- und Bankwesen im Lande zu überwachen. Damit legt sie die Rahmenbedingungen für die Tätigkeit auf dem Finanzmarkt fest, in denen sich die Banken und andere Finanzinstitutionen bewegen müssen. Zur Beaufsichtigung der Geschäftsbanken ist die Notenbank mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet. Eine der wichtigsten Funktionen ist, sogenannte Clearing Houses in allen wichtigen Handels- und Bankzentren des Landes zu unterhalten, wodurch die Interbankentransaktionen erheblich vereinfacht werden.

Die bisherige Krisenresistenz des indischen Bankenmarkts wird häufig auf die strenge Finanzmarktregulierung der RBI zurückgeführt. Ähnlich wie die chinesische Bankenaufsichtsbehörde hat die RBI die Banken seinerzeit davor bewahrt, in die verbrieften Wertpapiere aus den USA zu investieren und riskante Anlagegeschäfte jenseits ihrer Bilanzen zu betreiben.

Die Basel III-Vorschriften werden seit 1. April 2013 von allen 90 Banken fristgerecht angewandt. Bis 31. März 2019 gelten die vorgesehenen Übergangsvorschriften. Die Vorgaben für die internen Verfahren zur Bemessung des Kredit- und Marktrisikos sowie der operationellen Risiken haben für die indischen Banken kaum eine Bedeutung und kommen kaum zum Einsatz. 83 Prozent der Risikoaktiva werden im Schnitt durch das Kreditrisiko belegt. Die Marktrisiken und die operationellen Risiken sind jeweils mit sechs bzw. 7,8 Prozent der Risikoaktiva relativ gleich verteilt (s. Abschnitt „Der indische Bankensektor“, Abb. 1).

Besonderheiten zur Umsetzung von Basel III in Indien

 
© BBL
Die Umsetzung von Basel III erfolgt in Indien insgesamt einheitlich mit den Baseler Eigenkapitalvorschriften. Laut Baseler Fortschrittsbericht werden alle 14 Einzelkomponenten als Basel-konform eingestuft (s. Abb. 6). Verschiedene Aspekte des indischen Rahmenwerks sind sogar noch konservativer als das Baseler Original. Dazu gehören etwa höhere Mindestkapitalanforderungen und Risikogewichte für bestimmte Forderungsklassen. So fordert die RBI von den Instituten eine Mindestgesamtkapitalquote von neun statt den Baseler acht Prozent. Daraus leitet sich ein Risikogewicht von 1.111 Prozent (als Inverse von neun Prozent) für einzelne Forderungen ab. Der Faktor beträgt für die Anrechnungsbeträge der operationellen Risiken und Marktrisiken somit nicht 12,5 sondern 11,1 Prozent.

Für die einzelnen Kapitalkategorien hat das folgende quantitative Anforderungen: 5,5 Prozent hartes Kernkapital und sieben Prozent Kernkapital. Da sich Abzüge und Anrechnungen in der Regel auf das harte Kernkapital beziehen, ergibt sich ein höherer Anteil an Minderheitsanteilen und anderer Kapitalbestandteilen, die von konsolidierten Tochterunternehmen emittiert worden sind.

Die Vorschriften zum Kapitalerhaltungspuffer und zum antizyklischen Kapitalpuffer sind Basel-konform. Die Anforderungen zu letztgenannten Puffer sind seit dem Frühjahr 2015 für die Institute bekannt und werden seit 2016 fristgerecht angewandt.

Hervorzuheben sind unter anderem auch sprachliche „Finessen“. Das Baseler Rahmenwerk verwendet in der Regel das Wort „must“. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass es sich um einen verbindlichen Mindeststandard für Banken handelt. An ausgewählten Stellen des Rahmenwerks erlaubt die verwendete Terminologie einen gewissen Ermessensspielraum, indem die Wörter wie „may“, „can“ oder „at the discretion of“ verwendet werden.

Ein strukturelles Merkmal der indischen Bankenregulierung ist der vorherrschende Gebrauch des Wortes „may“ für verbindliche Mindestanforderungen. Darin kommt eine langjährige kulturelle Tradition der nicht-konfrontativen Sprache zum Ausdruck. Es liegt in der Rechtstradition Indiens begründet, eine übermäßige legalistische Terminologie zu vermeiden. Nach Einschätzung der RBI kann mit der Verwendung des Wortes „may“ auch die Anwendung von „shall“ oder „must“ gemeint sein, was aber nicht explizit so dargestellt wird.

Die Vorschriften zur Liquiditätsdeckungsquote (LCR) sind im Juni 2014 in Indien veröffentlicht worden. Sie beziehen sich vor allem auf die Liquiditätsdeckungsanforderung (LCR), die den Instituten vorschreibt, jederzeit einen Bestand an hochliquiden Wertpapieren vorhalten zu müssen. Die LCR war von allen 90 indischen Kreditinstituten ab 1. Januar 2015 anzuwenden. Die durchschnittliche LCR der indischen Banken liegt mit 67 Prozent nur relativ knapp über den seit 2015 geltenden 60 Prozent (s. Abschnitt „Der indische Bankensektor“, Abb. 1). 

 
© BBL
Die Anforderungen sind weitgehend Basel-konform (s. Abb. 7). Das Regulatory Consistency Assessment Programme(RCAP)-Team hat allerdings an einigen Stellen wesentliche Abweichungen festgestellt. Ein Unterschied ergibt sich aus der Definition der hochliquiden Aktiva, dem Zähler der LCR. Die RBI erlaubt es den Banken, neben den indischen Staatsanleihen auch staatliche Entwicklungsdarlehen (State Development Loan, SDL) im Liquiditätspuffer anzurechnen. Diese Kredite sind aber nach Ansicht des RCAP-Teams nicht als LCR-Wertpapiere anzusehen.

Eine weitere Besonderheit ist, dass die Liquiditätsanforderungen für die indischen Banken in der Regel konservativer ausgestaltet sind als die Basel-Standards. Seit den 1940er Jahren unterliegen die indischen Banken gesetzlichen Liquiditätsanforderungen (Statutory Liquidity Requirement, SLR). Danach haben die Institute einen wesentlichen Teil ihres Vermögens in Barmitteln, Gold, Staatsanleihen und SDLs vorzuhalten. Die RBI fordert von den indischen Banken eine parallele Anwendung der LCR und der SLR.

Die LCR der indischen Banken wäre deutlich höher, wenn alle Wertpapiere der SLR einbezogen würden. Derzeit erlaubt jedoch die RBI den indischen Banken nur etwa ein Drittel der Wertpapiere der SLR für die LCR anzurechnen. Damit ist der Aufsicht deutlich restriktiver als der Baseler Ausschuss. Die RBI begründet dieses Vorgehen mit ihren Erfahrungen aus früheren Liquiditätskrisen.

Hoher Verschuldungsgrad indischer Unternehmen

Im Vergleich zu den übrigen Schwellenländern wie China, Brasilien oder Russland nimmt Indien eine Sonderstellung ein. So verbindet man mit Indien aktuell einen positiven Wandel und eine wirtschaftliche Dynamik. Die indische Wirtschaft hat sich stabilisiert. Die Jahresinflation ist auf etwa fünf Prozent gesunken, der Wechselkurs der Rupie ist stabil und das Bekenntnis zur Haushaltsdisziplin tragfähig. Indien gilt als die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Welt und seine Entwicklung könnte sich weiter beschleunigen.

 
© BBL
Allerdings schränken Risiken im Unternehmenssektor und instabile Bilanzstrukturen der Banken die künftige Finanzierung der inländischen Unternehmen stark ein. Unternehmensforderungen machen 80 Prozent der Kreditportfolios der indischen Banken aus. Der Verschuldungsgrad der großen Unternehmen und einiger Schlüsselsektoren ist einer der höchsten in allen Schwellenländern (s. Abb. 8). Darin kommt auch die hohe Abhängigkeit zu den Banken zum Ausdruck. Branchen mit eingeschränkter Schuldendienstfähigkeit wie die Infrastruktur-, Textil-, Stahl- und Bergbauindustrie machen fast ein Drittel der gesamten Bankenkredite und mehr als die Hälfte der gestressten Vermögenswerte der Banken aus. Die Unternehmensbilanzen wurden auch durch die starke Abwertung der indischen Rupie in Mitleidenschaft gezogen, was allerdings durch die Absicherung der Währungspositionen gemildert werden konnte.

Angesichts der immer weiter steigenden Ausfälle halten sich die indischen Banken mittlerweile in der Kreditvergabe zurück. Daran ändert auch das für indische Verhältnisse niedrige Zinsniveau von aktuell 6,5 Prozent nichts. Die RBI hat mittlerweile Maßnahmen beschlossen, die die Weitergabe der geringen Kapitalkosten forcieren soll. So wurde der Anteil an den vorgeschriebenen Bargeldreserven (vier Prozent aller Ausstände), der an jedem Tag gehalten werden muss, von 95 auf 90 Prozent gesenkt.

Bereits seit Frühjahr ist die Regelung in Kraft, die von Geschäftsbanken fordert, ihre Zinsen monatlich anhand der marginalen Kosten festzusetzen, die den Instituten für die Bereitstellung der Kreditsumme entstehen. Auf diese Weise sollen Leitzinsanpassungen direkter in die Preispolitik der Geschäftsbanken einfließen. Bisher sind vor allem die Zinsen auf Kundengelder bei der Preispolitik berücksichtigt worden.

 
© BBL
Insgesamt haben sich die Gewinne der Banken in den letzten Monaten drastisch reduziert. Ein maßgeblicher Grund sind hohe Rückstellungen und Wertberichtigungen zur Absicherung notleidender Kredite, die seit mindestens 90 Tagen nicht mehr bedient werden. Vor allem die staatlichen Banken leiden unter hohen Ausfällen. Der Anteil ausfallgefährdeter Kredite hat sich bei dieser Gruppe von 12,9 (2014) auf 14,1 Prozent (2015) erhöht. Abbildung 9 zeigt den Anteil der notleidenden Kredite in Relation zum gesamten Kreditvolumen aller indischen Banken.

Zurückzuführen sind die Ausfälle der Kreditnehmer auf den Preisverfall an den Rohstoffmärkten und Verzögerungen bei staatlichen Infrastrukturprojekten. Staatsbanken sind darin besonders engagiert. Es wird vermutet, dass Aktiva in Höhe von bis zu 222 Milliarden Euro als ausfallgefährdet gelten – das entspricht 90 Prozent in den Bilanzen staatlicher Geldinstitute.

Die indische Zentralbank hat im Dezember 2015 die Vermögenswerte überprüft und die aufgefordert, ihre Bilanzen bis März 2017 zu bereinigen. Die Gründung einer „Bad Bank“ ist bisher kein Thema. Bereits 2015 hatte das indische Finanzministerium ein Rekapitalisierungsprogramm von 9,4 Milliarden Euro für indische Banken ins Gespräch gebracht. Dieses Gelder sollten auf vier Jahre verteilt fließen. Nach Auskunft von Experten ist allerdings ein Vielfaches davon nötig, um die Stabilität der indischen Geldhäuser wiederherzustellen.

Fazit

Makroökomisch leidet Indien wie jedes andere Schwellenland unter einer enormen Volatilität der Kapitalströme: An einem Tag geben sich die Investoren risikobereit und es kommt zu steigenden Kapitalzuflüssen. Am darauf folgenden Tag wollen die Anleger Risiken vermeiden und die Volkswirtschaft ist mit Kapitalabflüssen konfrontiert. Dennoch unterscheidet sich Indien von anderen Schwellenländern: Positiv dadurch, dass das Leistungsbilanzdefizit auch durch eine gewisse Haushaltsdisziplin in Grenzen gehalten wird. Insgesamt gibt es eine wirtschaftliche Wachstumsdynamik bei relativ stabilen Rahmenbedingungen. Negativ ist der enorme Verschuldungsgrad des Unternehmenssektors, der so hoch ist wie in keinem anderen Schwellenland. Hohe Volumina nicht bedienter Kredite führen heute schon zu wesentlichen Belastungen indischer Banken. Weitere Anspannungen in den Bilanzen sind nicht auszuschließen, sodass Rekapitalisierungen durch den Staat nicht unwahrscheinlich sind.

Die aus dem Basel III-Reformpaket resultierende höhere Kapitalausstattung der indischen Banken wird nicht ausreichen, um die Risiken der Ausfälle abzufedern. Legt man die Messlatte auf 15 Prozent und mehr Kernkapital, dann ist das Kapitalniveau für die Mehrheit der indischen Banken in jedem Fall zu gering. Zudem werden die vorhandenen Gewinne zu wenig in den Kapitalaufbau gesteckt. Damit fehlen der indischen Wirtschaft gut kapitalisierte Banken, die den aussichtsreichen ökonomischen Wachstumspfad flankieren.

Autor
Dr. Silvio Andrae ist Abteilungsdirektor beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) in Berlin.

Die Redaktion stellt den Beitrag inklusive aller Abbildungen zum Offline-Lesen als PDF zur Verfügung. Klicken Sie einfach hier oder auf den Download am Ende des Beitrags.