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| Kolumne 08/19: Nachhaltige Finanzwirtschaft

Mit Klimaschutz ins Kerngeschäft

Da Klimawandel und Klimaschutz direkt auf die Geschäftsmodelle durchschlagen, ist aktives Handeln der Finanzinstitute geboten, wenn nicht schon überfällig. Das meint BBL-Kolumnist Dr. Markus Scholand. Der Nachhaltigkeitsexperte erwartet weitere Impulse aus der Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD). Vor allem mit Blick auf das Risikomanagement und die Anwendung von Szenariotechniken.

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Mit dem Klimawandel sind für Unternehmen der Realwirtschaft wie auch für Finanzmarktakteure Risiken und Chancen gleichermaßen verbun­den. Bei Finanzinstituten können kurzfristig auftretende und physikalische Risiken in erheblichem Maß auf die Gewinn- und Verlustrechnung sowie die Bilanz durchgreifen. Aus der Arbeit der Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) leiten sich Empfehlungen ab, klimabezogene finanzielle Auswirkungen zu erfassen und darüber Bericht zu erstatten. Dem Einsatz von Szenariotechniken als Prognoseinstrument kommt dabei eine besondere und in der Branche akzeptierte Rolle zu.

Ein Monat voller Impulse

Der Juni 2019 war in mehrfacher Hinsicht kennzeichnend für ein neues Klima in der Finanzbranche – vor allem mit Blick auf die Stabilität künftiger Geschäfts­modelle von Banken, Sparkassen und Versicherungen. Eine Stabilität, die sich nur erreichen lässt, wenn für tradierte Modelle neue Wege gefunden werden. Anfang Juni haben sich Bankmanager und Risikoanalysten gleich auf drei Konferenzen über das Thema ausgetauscht – darunter die 19. Jahreskonferenz des Rats für nachhaltige Entwicklung (RNE). Unisono haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanz­minister Olaf Scholz dort ihre Vorstellungen zur wachsenden Rolle von Nachhaltigkeit im Wirtschafts­leben vorgetragen. Forderung und Förderung einer nachhaltigen Finanzwirtschaft ist danach ein neues Politikfeld, das künftig am Industrie­standort Deutschland eine zentrale Rolle spielen wird!

Die Bundesregierung möchte Deutschland, so der Tenor in Berlin, zu einer führenden Nation für Fragen der Nachhaltigkeit in der Finanzindustrie machen. Um dieses Ziel und die damit verbundenen Transformationen innerhalb der Branche zu verwirklichen, reichen nach Ansicht von Scholz mit Blick auf anstehende Regulierungserfordernisse aber marktwirtschaftliche Mechanismen allein nicht aus. Scholz wies auch auf den neuen Beirat der Bundesregierung zum Thema „Sustainable Finance“ hin. Das Gremium soll die Regierung beim Entwurf einer Nachhaltigkeitsstrategie für Finanzmärkte unterstützen. Es ist zum Teil mit erfahrenen Experten und Akteuren quer durch viele Anspruchsgruppen von Finanzinstituten besetzte und nahm ebenfalls im Juni seine Arbeit auf. Kurz darauf konnte der Beirat ein, wenngleich noch allgemein gehaltenes, Konzept für ein Arbeitsprogramm vorlegen − wenige Tage, bevor die britische Regierung eine ausformulierte Nachhaltigkeitsstrategie für ihre Finanzmärkte verkündete. Das Wettrennen um die Zukunftsfähigkeit von Finanzmärkten scheint eröffnet zu sein.

Ob Deutschland diese starke Position in der europaweit an Bank­plätzen geführten Diskussion um die Rolle von Nachhaltigkeitsaspekten im Kerngeschäft einnehmen kann, bleibt abzuwarten. Zweifel hat etwa Jakob Blasel, Mitbegründer der hiesigen #FridaysForFuture-Bewegung, der in der deutschen Politik eher schleppendes Handeln statt Themenführerschaft erkennt. Der Schüler hat auf der Konferenz des RNE direkt vor Angela Merkel gesprochen. Er hat die Kanzlerin speziell an die magere Bilanz Deutschlands beim Erreichen eigener Klimaschutzziele erinnert und zugleich ein klares und schnelleres Handeln der Politik bei der Suche nach einer gesamtgesellschaftlichen Lösung im Kampf gegen den Klimawandel gefordert. Vorbei scheinen damit auch die Zeiten, in denen Klimaschützer auf das Bild von Ideologievertretern reduziert worden sind.

Die Europäische Kommission selbst hat den Nachweis geliefert, dass, wenn der Wille vorhanden ist, man sehr wohl rasch handeln kann: In nach Ansicht von Politikkennern rekordverdächtiger Zeit hat eine Expertengruppe der Kom­mission am 18. Juni 2019 einen 414 Seiten starken Bericht zu einem Klassifizierungssystem (Taxo­no­mie) einer nachhaltigen Finanzwirtschaft vorgelegt. Der Bericht gibt Fi­nanzmarktakteuren praktische Orientierungs­hilfen an die Hand, wie sie klima­schonendes wirtschaftliches Handeln in Kredit- oder Investment­entschei­dungen unterstützen können. Viele Sektoren – einschließlich Energie, Verkehr, Landwirtschaft, verarbeitendem Gewerbe, Informationstechnologie sowie Immobilien – hat die Expertengruppe dazu untersucht.

In der Gesamtschau konnte man somit im Juni mehrfach spüren, dass auch im Finanzsektor das Bewusstsein wächst (respektive wachsen muss), wenn es darum geht, die Bedeutung des Klimawandels als materielle Einflussgröße der Geschäftstätigkeit zu begreifen. Ein Bewusstsein, dass allerdings (bislang) eher durch Impulse aus dem europäischen Raum einen Wandel erfährt als originär aus dem deutschen Markt.

Wissenschaftliche Grundlagen eindeutig

Eine entscheidende Voraussetzung zum schnelleren Bewusstseinswandel sind wissenschaftliche Erkenntnisse. Diese haben sich im vergangenen Jahrzehnt erheblich verbessert. Dass die jüngere Erwärmung der Durch­schnittstemperatur der erdnahen Atmosphäre zu wesentlichen Teilen ein durch die Menschheit „hausgemachtes“ Phänomen ist, diese Tatsache ist seit geraumer Zeit herrschende Meinung. Seine Ursachen- und Wirkungs­zusammenhänge wie auch künftige Entwicklungsszenarien sind in den ver­gangenen Jahren jedoch intensiver und mit höherer Prognosesicherheit untersucht worden.

Weitgehend unbestritten ist derzeit, dass ein „weiter so wie bisher“ bei den Treibhausgasemissionen bis zur Jahrhundertwende zu einem Temperatur­anstieg von 2,5 bis vier Grad führen dürfte – mit katastrophalen Folgen für Umwelt und Gesellschaft. Das früher politisch und gesellschaftlich akzep­tierte Ziel der Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau ist bereits im Oktober 2018 in einem Sonderbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) auf 1,5 Grad verschärft worden. Nur so sind die Risiken des Klimawandels noch über­schaubar zu halten. Trotz dieser bekannten Tatsache verfehlen die meisten Staaten derzeit ihre eigenen höheren Klimaschutzziele.

Mehr Wissen über meteorologische Phänomene

Der Hitzesommer 2018 hat nicht nur anschaulich die Folgen einer Häufung extremer Wetterereignisse gezeigt. Er ist auch ein gutes Beispiel für die Fortschritte im Verständnis der zugrunde liegenden meteorologischen Wirkungszusammenhänge. Ein Beispiel: Sogenannte Rossby-Wellen in oberen Schichten der Atmosphäre tragen zum Austausch heißer und kalter Luftmassen zwischen den Tropen und den Polen bei. Sie bewirken damit einen regionalen Temperaturausgleich auf den Erdhalbkugeln (s. Abb. 1).

 
© BBL
In einer Anordnung mit vier bis sechs Wellenbergen um die Pole herum treten sehr unterschiedliche Windgeschwindigkeiten von langsam (hellblau) bis schnell (rot) auf. Im Zusammenspiel mit der Erdrotation beeinflussen Rossby-Wellen so Wetter und Klima der Erde. Tritt ein stationärer Zustand ein, bei dem die Wellen sich nicht verlagern, kann dies die Grundlage für extrem stabile Wetterlagen sein: Ein Erklärungsansatz für die Hitzeperioden im vergangenen Jahr, als ein dauerhafter Transport südlicher Warmluftmassen nach Mitteleuropa stattgefunden hat .

Müssen Finanzinstitute handeln?

Banken und Versicherungen sind als Intermediäre aller Wirtschaftszweige sowohl direkt wie auch indirekt von den Folgen des Klimawandels betroffen. Bereits vor 20 Jahren haben vor allem große Rückversicherer ange­sichts steigender Schadenssummen aufgrund extremer Wetterereignisse vor künftigen Folgen gewarnt. International tätige Geschäftsbanken beziehen für die meisten Wirtschaftssektoren seit mehr als zehn Jahren standard­mäßig Klimamodelle in die Beurteilung großer Industrieprojekte mit ein. Und spätestens seit dem Klimaübereinkommen von Paris im Jahr 2015 ist klar, dass Klimaschutz eine Herausforderung und Veränderungen für alle Wirtschaftszweige bedeutet. Zunehmend beobachten auch Orts- oder Regionalbanken sowie kleinere oder mittelständische Versicherer Aus­wirkungen der Klimaveränderungen direkt in ihren eigenen Kundenportfolios. Neue Risikopositionen (zum Beispiel in den Sektoren Energieversorgung, Land- und Forstwirtschaft, Immobilien oder Tourismus) entstehen, da sich die Grundlage der Kundengeschäftsmodelle ändert.

Gleichzeitig fragen institutionelle Anleger wie Pensionskassen, Stiftungen aber auch private Kunden immer stärker nach Investmentlösungen, bei denen verantwortliches Handeln für künftige Generationen eine Rolle spielt: Nach­haltiges Investment boomt mit deutlich zweistelligen Wachstumsraten. Füh­rende Analysten und Indexanbieter gehen davon aus, dass in fünf Jahren 60 Prozent aller Investments mit Umwelt-, Sozial- und Governancekriterien (ESG) verknüpft sind. Im Kreditgeschäft werden durch faktische oder echte Regulierung in zehn Jahren Mindeststandards für alle Geschäftsbereiche in Banken und Versicherungen existieren.

Für die Branche besteht dringender Handlungsbedarf. Und so neu, wie es etwa Minister Scholz in seiner Rede in Berlin beschrieb, ist für Finanzinstitute weder das Thema Nachhaltigkeit noch der Klimawandel. Immerhin hat bereits vor 40 Jahren im Februar 1979 die erste Weltklimakonferenz in Genf stattgefunden. Auch aus der akademischen Forschung und vielen „Leuchtturmprojekten“ liegen mannigfache Erkenntnisse und Erfahrungen vor. Schließlich unterstützen internationale sowie nationale Fachverbände, etwa die UNEP Finance Initiative (UNEPFI), der Verein für Umweltmanagement und Nachhaltigkeit in Finanzinstituten (VfU) oder das Forum Nachhaltige Geld­anlagen (FNG), ihre Mitglieder seit gut 20 Jahren bei der Weiterent­wicklung von Geschäftsstrategien und Finanzprodukten – dies auch zu Klimathemen! Das Wissen um die Grundlagen einer an Nachhaltigkeit orientierten Finanzwirtschaft ist mithin seit langer Zeit vorhanden. Finanzinstitute sind damit sehr wohl in der Lage, zumindest aus einer risikovermeidenden Perspektive zu handeln. Dafür, dass dieses Handeln in der Breite der Branche bislang noch nicht angekommen ist, finden sich drei Erklärungsansätze:

  1. Fehlende Modelle, Tools und Daten zur Quantifizierung und Moneta­risierung von Risiken und Chancen, die mit dem Klimawandel in Verbindung stehen: Dieses Argument dringt mit Blick auf die in der jüngeren Zeit an den Markt gekommenen Lösungen für die Finanzbranche heute nicht mehr durch.
  2. Mangel an begrifflicher Klarheit, Regulierung und Standards: Zu Recht konnten Finanzinstitute diesen Einwand anführen, denn von außen vorgegebene „Leitlinien“ der Geschäftstätigkeit sind bereits aus systemischer Sicht eine wesentliche Geschäftsgrundlage für Finanzinstitute. Die von der Branche daher selbst gewünschten Standards werden bis zum Jahr 2020 eine belastbare Grundlage für mehr Klimaschutz im Kerngeschäft schaffen.
  3. Mangelnde Kundennachfrage als Einwand für bisher fehlende Aktivitäten: Ein Aspekt, der sich oft auch in Wesentlichkeitsuntersuchungen findet. Dieser Einwand gilt zu Recht noch bei einigen Produktgruppen. Allerdings handelt es sich eben „nur“ um Produktthemen. Die Folgen von Klimawandel und -schutz wirken jedoch viel breiter. Sie tangieren das gesamte Geschäftsmodell und die Strategien der Unternehmen.

Kundeninteresse im Wandel

Die Kundennachfrage muss als ein wichtiger Gesichtspunkt besonders betrachtet werden. Selbst im institutionellen Segment ist die Annahme, dass Kundenentscheidungen weitgehend rational erfolgen, inzwischen widerlegt. Gleiches gilt für das Idealbild, dass Rendite, Risiko und Liquidität die ein­zigen bestimmbaren Größen einer Geldanlage sind. Bereits zur Jahr­tausend­wende haben Studien des Imug in Hannover, der TU Darmstadt oder der GfK aus Nürnberg aufgezeigt, dass verschiedene Kunden-Cluster ausgesprochen affin auf Umwelt- und Sozialthemen reagieren. Bis zu zwei Drittel der Privatkunden besitzen eine zumindest latente Kaufbereitschaft für nachhaltige Finanzprodukte.

Dieses zunächst positiv anmutende Ergebnis der Marktforschung wird allerdings vom Tagesgeschäft kontrastiert – etwa im Bereich nachhaltiger Investments. Wenn das FNG in seinem aktuellen Marktbericht von einem durchschnittlichen Jahreswachstum nachhaltiger Anlagen von 35 Prozent spricht, muss man auch erwähnen, dass das Retail-Geschäft seit Langem eher stagniert. Sein Anteil am Gesamtmarkt liegt beständig unterhalb von zehn Prozent (2018: 9,4 Prozent). Der Wert verdeutlicht, wo der Markt hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.

Dabei stellt sich die Frage, was Kunden derzeit von ihren Finanzinstituten vor Ort erwarten, gerade wenn es um eine glaubhafte Position zur Zukunfts­fähig­keit geht. Viele Kunden möchten sich nicht nur vertrauensvoll aufgenommen und von Profis gut beraten wissen. Sie haben durchaus auch den Anspruch, sich mit den Werten und Geschäftspraktiken des Instituts identifizieren zu können. Ein Anspruch, der längst aus dem Wahrnehmungskontext von Rendite und Risiko herausgewachsen ist. Mit Blick auf den Klimawandel bedeutet dies, dass die Transparenz der Geschäftsprozesse ebenso im Fokus steht wie eine Distanz zur Nutzung fossiler Energieträger oder die konsequente Förderung erneuerbarer Energien durch die Hausbank, um nur einige Beispiele zu nennen.

Auch der Geschäftsbetrieb als solcher rückt in den Blickpunkt. Ein Punkt, an dem gerade öffentlich-rechtliche Institute der Sparkassen-Finanzgruppe durch Regionalität – etwa im Immobilien- oder Mobilitätsmanagement – sowie in der Betriebsverpflegung punkten können. Den Blickwinkel sowie die Sicht der Kunden stärker zu gewichten, ist daher für Banken und Sparkassen sowie Versicherungen ein Ansatz, der nicht nur aus der Anforderungs­perspek­tive, sondern auch aus Ertragsgesichtspunkten von besonderem Interesse sein sollte. Allerdings verhalten sich viele Finanzinstitute derzeit noch so, wie es in der Start-up-Szene undenkbar wäre: Anpassungen ihrer Leistungen an Kundebedarfe und Marktumfeldbedingungen erhalten ebenso geringe Handlungsprioritäten wie die Weiterentwicklung der Unternehmenskulturen. Zwei Punkte, die jedem Gründungsvorhaben den Todesstoß versetzen würden. Doch auch die Finanzwirtschaft befindet sich seit Jahren in einem vielfältigen – wenngleich teilweise schleichenden – Prozess der Umgründung.

Handlungsoptionen durch TCFD

Dass der Klimawandel jedes Finanzinstitut mehr oder minder tangieren wird, ist heute nahezu unbestritten. Es ist Zeit zum Umdenken. Für Banken, Sparkassen und Versicherungen stellt sich damit die Frage, welche Funktionsbereiche oder Geschäftsfelder in welcher Form künftig betroffen sein werden. Konkret bedeutet das für die Unternehmen, zu verstehen, welche individuellen Wirkungen sich durch den Klimawandel auf das eigene Geschäftsmodell ergeben. Dazu muss man sich auch fragen, welche taktischen und strategischen Reaktionsmöglichkeiten es im Unternehmen gibt und welche Strukturen und Prozesse verfügbar sind, um diese Möglichkeiten zu nutzen. Die Praxis des Bankmanagements kennt hierzu verschiedene Ansätze, um diese Fragen zu beantworten.

Besonders beach­tet werden die Empfehlungen der „Task Force on Climate related Financial Disclosures“ (TCFD). Es handelt sich um eine Expertenkommission der G20, die 2017 pragmatische Handreichungen verfasst hat, wie sich Klimaaspekte ganzheitlich nicht nur ins Kerngeschäft von Finanzinstituten integrieren lassen.

Das vordergründige Ziel der TCFD-Empfehlungen ist darauf ausgerichtet, Unternehmen aller Branchen eine höhere Transparenz im Bereich der Klimaberichterstattung zu ermöglichen. Dies soll Kreditgeber oder Investoren in die Lage versetzen, bei ihren Entscheidungen Risiken und Chancen des Klimawandels beim jeweiligen Unternehmen besser zu berücksichtigen. Tatsächlich gehen die Empfehlungen der TCFD jedoch weit über das Reporting hinaus. Sie befassen sich dezidiert mit Fragen der unternehmerischen Verfasstheit, der Strategien, des Risikomanagements sowie zugrunde liegender Kennzahlen und Ziele. Das Kerngeschäft eines Unternehmens und eine langfristige Betrachtung seiner Risiko- und Chancenposition liegen so inhaltlich im Fokus der Empfehlungen.

Die für Finanzinstitute wichtige Risikosicht steht dabei ganz vorne an. Ei­ner­seits werden transitorische Risiken betrachtet, die sich aus Verände­rungen des Geschäftsumfelds ergeben (zum Beispiel Besteuerung von Treibhausgasen, Wegbrechen von Kundensegmenten) und die Tragfähigkeit etablierter Geschäftsmodelle infrage stellen. Andererseits werden physika­lische Risiken beachtet, die gleichfalls direkten Einfluss auf das operative Geschäft haben (zum Beispiel Schäden durch extreme Wetterereignisse, Ausfall von Zulieferern).

 
© BBL
Banken und Sparkassen sowie Versicherungen können auf Basis der TCFD-Empfehlungen Kredit-, Investment- oder Versicherungsent­scheidungen sehr viel besser begründen, weil sie die klimabedingten Risiken ihrer Kunden besser bewerten können (s. Abb. 2). Gleichzeitig sind die Institute in der Lage, selbst eine „Inventur“ vorzunehmen, das „Klima-Exposure“ ihrer eige­nen Portfolios zu erfassen, darüber zu berichten und strategisch über künf­tige Entwicklungsziele zu entscheiden. Konkret geht es auch darum, Port­folios von Klimarisiken zu bereinigen, etwa durch ein Divestment in den Wirtschaftsbereichen Energieversorgung, Mobilität oder Nahrungsmittel.

Schließlich ist es möglich, in transparenter und einheitlicherer Form nach außen zu berichten (zum Beispiel gegenüber Investoren oder Aufsichtsbehörden). Wenngleich die Berichterstattung nach den TCFD-Empfehlungen zwei Jahre nach ihrer Veröffentlichung noch am Anfang steht, ist ihre Breitenwirkung bereits jetzt erkennbar. Es sind nicht nur viele Unternehmen, die freiwillig den neuen „Quasi-Standard“ nutzen. Auch die Principles for Responsible Investment der Vereinten Nationen (UNPRI) schreiben ab 2020 eine TCFD-konforme Erklärung vor. Schließlich bezieht sich der „Action Plan“ der Europäischen Kommission explizit auf die Empfehlungen als Form der Berichterstattung. Sie soll noch weiter ausgebaut und harmonisiert werden, wie der Vizepräsident Valdis Dombrovskis in einer Rede am 21. März 2019 ausgeführt hat. Auch das Climate Disclosure Standards Board (CDSB) vergleicht international mehr als 20 Regelwerke zum Reporting, die in vielen Punkten inhaltsähnlich ausgestaltet sind.

Anschlussfähigkeit im Management

Die breite Akzeptanz der Empfehlungen innerhalb kurzer Zeit resultiert aus verschiedenen Faktoren. Zunächst hat sich die Verfügbarkeit klimabezo­gener Daten in den vergangenen Jahren enorm verbessert. Spezialisierte Rating-Agenturen verfügen bereits heute über Klimadaten zu einer deutlich fünfstelligen Zahl von Unternehmen weltweit. Auch dort, wo noch keine Klimaberichterstattung vorliegt, lassen sich relevante Risiken und Chancen anhand der Geschäftsmodelle der Unternehmen auf statistischer Basis ermitteln und finanziell bewerten.

Darüber hinaus setzt die TCFD mit ihren Empfehlungen auf Verfahren, die im Bank- und Versicherungsmanagement etabliert sind. Dies gilt etwa für ge­stufte und teils revolvierende Problemlösungsprozesse. Sie sind in der Risikosteuerung oder im Qualitätsmanagement verbreitet, um Strategien, Geschäftsprozesse oder Produkte schrittweise nach Zielvorgaben zu optimieren.

Besonders kann sich die Branche an die Empfehlung der TCFD mit Blick auf den Einsatz von Szenariotechniken anschließen. Sie sind eine Grundlage, damit Unternehmen langfristig abschätzen können, wie ein Geschäftsmodell durch den Klimawandel und die Veränderung des marktlichen Umfelds in Richtung klimaschonender Wirtschaftsformen betroffen sein wird. Der Progno­se­horizont für viele Analysen zur Emission von Treibhausgasen oder zur Energieversorgung reicht hier bis zum Jahr 2050. Die Eintrittswahr­schein­lichkeiten der einzelnen Entwicklungspfade differieren allerdings.

Das konkrete Maß der Betroffenheit eines Finanzinstituts hängt entscheidend vom gewählten Entwicklungsszenario und dem jeweiligen Bewertungsansatz ab. Szenariotechniken sind daher als eine Methode der Risiko- und Chancenbewertung wie auch der strategischen Planung im Finanzsektor etabliert. Mit ihrer Hilfe lassen sich je nach eingesetztem Verfahren wahrscheinliche Trends oder aber extreme Verläufe auch in langen Zeiträumen untersuchen oder bestimmte Entwicklungen vor dem Hintergrund erwarteter Klimaänderungen quantifizieren. Die TCFD empfiehlt in ihrem „Technical Supplement“ die Durchführung von Szenarioanalysen zur Bestandsaufnahme und Positionsbestimmung bei Unternehmen, die Fragestellungen des Klimawandels vorausschauend angehen möchten oder müssen. Dabei beschreibt die TCFD mit der Zielvorgabe einer Erwärmung von maximal zwei Grad sieben verschiedene Klimaszenarien internationaler Organisationen nebst ihrer Annahmen und Eintrittswahrscheinlichkeiten. Unternehmen, die abweichende Annahmen zugrunde legen, können ih­rerseits aus einer großen Zahl alternativer Szenarien wählen.

Das Deutsche Global Compact Netzwerk (DGCN) empfiehlt in einem aktuellen Diskussionspapier, mindestens mit zwei Klimaszenarien zu arbeiten. Berücksichtigt werden sollten Entwicklungspfade, die eine Erwärmung unter, bei und über zwei Grad vorsehen. Frei gestaltbar und damit individuell an ein Finanzinstitut anzupassen, ist bei Szenarioanalysen auch der „Scope“ (zum Beispiel hinsichtlich des Zeithorizonts, einbezogener Wirtschaftssektoren, der Berücksichtigung qualitativer Größen oder der Analyseperspektive).

Schließlich besteht auch Freiheit hinsichtlich des gewählten Verfahrens der Szenarioanalyse. Während im wissenschaftlichen Bereich mehr als zwölf Verfahren diskutiert werden, finden sich in der Bank- und Beratungspraxis im Regelfall nicht mehr als sechs Ansätze, die sich als „tauglich“ für das Tagesgeschäft erwiesen haben.

 
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Banken, Sparkassen und Versicherungen, die sowohl einen ersten Eindruck ihrer eigenen „Klimaposition“ als auch Vorstellungen über möglichen Handlungsbedarf gewinnen möchten, können dies sehr individuell und in einem schrittweisen Ansatz bewältigen (s. auch Abb. 3). Auch diese Tatsache reduziert Schwellenängste und fördert die Anschlussfähigkeit an etablierte Managementkonzepte:

  • In einem ersten Schritt erfolgt die Durchführung einer Szenarioanalyse über ausge­wählte Portfolios (Klimainventur). Zielsetzung kann dabei der unterneh­mens­interne Erkenntnisgewinn ebenso sein wie der Wunsch, über die Resultate Bericht zu erstatten – etwa um Compliance-Verpflichtungen gerecht zu werden.
  • In einem zweiten aufbauenden, aber unabhängigen, Schritt können notwendige Handlungsoptionen identifiziert und Maßnahmen entwickelt werden.
  • Der dritte Schritt besteht dann darin, diese Maßnahmen anzuwenden (zum Beispiel durch Neuausrichtung der Kreditbücher oder Umschichtungen in Anlageportfolios).

Implementierung aus eigener Kraft?

Die Umsetzung der TCFD-Empfehlungen ist für Banken und Sparkassen sowie Versicherungen eine Aufgabe besonderer Art. Sie lässt einerseits an etablierte Managementansätze anschließen , wie etwa durch den Einsatz der Szenariotechnik und revolvierende Prüfprozesse. Auch die zugrunde liegenden klimabezogenen Modelle und Methoden haben inzwischen eine gewisse Marktgängigkeit erreicht. Andererseits erfordert das Umsetzen ein bereichsübergreifendes, fast transdisziplinäres, Denken und Handeln, das Kulturen und Veränderungsprozessen der Branche nur bedingt entgegenkommt.

Dass neues Denken dabei nicht immer einfach ist, hat ein Vertreter eines führenden Frankfurter Wertpapierhauses auf der 19. Jahreskonferenz des RNE hervorgehoben. Nicht jeder Kopf ist danach offen für das neue Denken einer nachhaltigen Finanzwirtschaft. Erforderlich sind Zeit und externe Unterstützung, damit Finanzgeschäfte zukunftsfähiger werden.

Institute im Verbund der Sparkassen gehen daher in die richtige Richtung, wenn es darum geht, Nachhaltigkeit im Allgemeinen und Klimathemen im Besonderen in die Breite der Geschäftsfelder zu bringen. Schon seit mehr als einer Dekade steht das Thema bei der Wissenschaftsförderung des DSGV auf der Agenda. In den vergangenen Jahren haben zunehmend auch Regionalverbände und Einzelinstitute Aktivitäten entwickelt. Sie reichen von allgemeinen Fragen der Unternehmensführung über spezielle Produkt­designs bis hin zu Aus- und Weiterbildungsangeboten.

Allerdings schätzen Brancheninsider die Situation derzeit so ein, dass es an Ressourcen mangelt und viele – vor allem kleinere oder mittlere Institute – der (regulatorischen) Dynamik hinterherlaufen (müssen). Zukunftsorientier­ter Support auf Ebene der Geschäftsmodell- oder Strategieentwicklung bleibt dabei auf der Strecke. Speziell zum Themenfeld TCFD sind mehr als zwei Jahre nach der Veröffentlichung der Empfehlungen vereinzelte Aktivi­täten, wenn überhaupt, erst noch in einer frühen Realisierungsphase. Dies verwundert nicht, denn auch die Beratungsbranche in ihrer Gesamtheit ist mit wenigen Ausnahmen in diesem Themenfeld enorm zögerlich.

Eine Recherche des Autors hat für Ende Juni 2019 im deutschsprachigen Markt 50 Organisationen und Unternehmen gezählt, die Beratungsleistun­gen zu Klimaschutzthemen mit Blick auf die TCFD anbieten. Dazu gehören Forschungseinrichtungen und Nichtregierungsorganisationen ebenso wie Managementberatungen, Rating- oder Kommunikationsagenturen sowie Spezialanbieter für Szenarioanalysen oder physikalische und transitorische Risiken. Die speziellen (und individuell sehr verschiedenen) Anforderungen kleiner oder mittlerer Finanzinstitute können derzeit aus verschiedenen Gründen aber nur wenige Anbieter abdecken. Zentrale Datenbanken, etwa der TCFD-Hub des CDSB, bieten in diesem Zusammenhang aufgrund ihrer Neutralitätsverpflichtung nur begrenzte Unterstützung. Die Suche nach einem geeigneten Berater, der Akteure der Sparkassen-Finanzgruppe unterstützt, Klimathemen und Geschäftsmodelle miteinander zu verbinden, kann daher auch im Einzelfall zeit- und kostenaufwendig sein. Eine kurzfristige Aufgabe sollte daher auf Ebene der Verbände darin liegen, für die 385 Sparkassen Transparenz zu Anbietenden zu schaffen und erforderlichenfalls eigene Leistungspakete zu schnüren.

Fazit: Keine Frage des „Ob“

Der Klimawandel ist eine Tatsache und Klimaschutz ein Erfordernis. Auch für Finanzinstitute ist es daher keine Frage, ob gehandelt werden muss, sondern nur, wann dies geschieht. Die aktuelle Studienlage sieht eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad gegenüber vorindustriellem Niveau wie auch eine Entkopplung von Wirtschaftsleistung und Treibhausgasemissionen als wissenschaftlich begründet und wirtschaftlich notwendig an. Da Klimawandel und Klimaschutz direkt auf die Geschäfts­modelle durchschlagen, ist aktives Handeln der Finanzinstitute geboten, wenn nicht schon überfällig. Faktische und tatsächliche Regulierung werden in naher Zukunft wesentliche Nachhaltigkeitsleitlinien für Finanzmärkte setzen oder konkretisieren. Die Zeit, aktiv zu handeln, statt darauf nur zu reagieren, wird auch für Verantwortliche innerhalb der Sparkassen-Finanzgruppe immer kürzer. Die TCFD-Empfehlungen sind in diesem Zusammenhang ein praktikabler und auf das Geschäftsmodell ausgerichteter Ansatz. Sie im Klimakontext als Idee und Impuls zu begreifen, aktiv zu werden, daher eine attraktive Option.

Autor
Dr. Markus Scholand ist für den Ecofin-Verbund als Wissensmanager und Fachautor in München und Meschede tätig. Er beschäftigt sich mit der Entwicklung zukunftsfähiger Geschäftsmodelle. Der Verfasser dankt Elke Bredl von eKonzept Bredl in München für ihre inhaltlichen Impulse zum Manuskript.