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| Basel III in China

Steigende Kreditausfälle zehren Eigenkapital auf

Die Basel III-Umsetzung vollzog sich in China wenig aufregend. Aber werden die Eigenkapitalpolster der chinesischen Banken ausreichen, um die drohenden Kreditausfälle zu kompensieren?

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China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, der wohl wichtigste Industriestandort, das Land mit den meisten Devisenreserven und der größte Auslandsgläubiger der USA. Auch die Banken sind gigantisch. Gemessen am Börsenwert zählen Chinas Banken zu den Größten der Welt. Mit der Industrial & Commercial Bank of China (ICBC), der China Construction Bank (CCB), der Agricultural Bank of China (ABC) sowie der Bank of China (BOC) gehören gleich vier Banken zu den Top 10 (s. Abb. 1). Die Bank of China gilt als global systemrelevante Bank.

 
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Das Finanzsystem wird von fünf großen Geschäftsbanken dominiert, die zirka 60 Prozent der Vermögenswerte aller Banken halten. Neben den oben genannten vier Banken gehört dazu noch die Bank of Communications. Alle fünf Institute sind staatliche Geldhäuser. Die gelenkte Kreditvergabe soll dazu dienen, die Konjunkturbewegungen auszugleichen und die Staatsbetriebe am Laufen zu halten.

Hinzu kommen sogenannte Joint Stock Commercial Banks, städtische und ländliche Geschäftsbanken sowie Kreditkooperativen, Postsparkassen und Gemeinschaftsbanken. Ende 2012 waren in China 511 Geschäftsbanken registriert. Ihre bilanziellen und außerbilanziellen Positionen umfassen rund 129 Billionen Yuan (ca. 15,5 Billionen Euro) (s. Abb. 2). Dies entspricht in etwa 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Die Banken sind fast ausschließlich auf den einheimischen Markt ausgerichtet und damit vor sämtlichen externen Einflüssen geschützt. Ausländische Investoren können kein Geld anlegen, alles wird von der Zentralbank (People’s Bank of China, PBoC) reguliert.

Solide Eigenkapitalausstattung

Nach Basel III-Kriterien betrug die durchschnittlich Gesamtkapitalquote aller chinesischen Banken in 2012 etwa 13 Prozent, während die harte Kernkapitalquote bei zehn Prozent liegt (s. Abb. 2).  Der Anteil notleidender Kredite am Gesamt-Portfolio der Geschäftsbanken lag 2012 bei 0,95 Prozent. Die durchschnittliche Risikovorsorge (Anteil der Kreditrisikovorsorge an den Gesamtausreichungen) war mit 2,82 Prozent relativ hoch.

So weist die ABC mit starker Präsenz in ländlichen Regionen eine besonders hohe Verhältniszahl von 4,5 Prozent aus. Die chinesische Bankenaufsichtsbehörde (China Banking and Regulatory Commission, CBRC) verlangt von allen Banken bis 2016 eine Mindestrisikovorsorge in Höhe von 2,5 Prozent.

 
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Die Abschreibungen der chinesischen Banken steigen von Jahr zu Jahr. Bei den fünf Großbanken betrugen die Wertberichtigungen laut „Financial Times“ in 2013 zirka sieben Milliarden Euro. Das ist doppelt so viel wie in 2012 und seit September 2008 auch der Höchststand.

Die von den chinesischen Banken bevorzugte Kreditausfallquote (Anteil der nicht bedienten Kredite am Gesamt-Portfolio) ist beim Marktführer ICBC von 0,85 (2012) auf 0,94 Prozent (2013) gestiegen (s. Abb. 3). Absolut ist das eine Steigerung von 8,9 auf 11,23 Milliarden Euro.

Bei der ABC fiel die Ausfallquote gegenüber dem Vorjahr von 1,33 auf 1,22 Prozent. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass ABC notleidende Kredite im Umfang von 0,48 Milliarden Euro an spezialisierte chinesische Kreditaufkäufer abgeben konnte.

Dennoch fiel die Ertragsbilanz der chinesischen Großbanken für das Jahr 2013 nicht schlecht aus. Vier der fünf Großbanken konnten ihren Gewinn deutlich steigern. So kletterte etwa bei der ICBC der Gewinn nach Steuern um zehn Prozent auf 31,5 Milliarden Euro. Die Zinsmargen der Banken haben sich im letzten Jahr nur geringfügig verändert. Die Nettozinsmarge fiel bei der ABC von 2,81 auf 2,79 Prozent. Insgesamt wird allerdings eine weitere Abschwächung der Ertragsdynamik erwartet.

Bisher konnten die Banken den Druck auf die Zinsmargen gut kompensieren. Dies hat seine Ursache in der voranschreitenden Liberalisierung des staatlichen Zinsbindungssystems. Banken dürfen dem Kunden aktuell höchstens 3,3 Prozent jährlichen Einlagenzins anbieten. Das ist geringer als die Inflation (Inflationsziel: 3,5 Prozent). Die Kreditzinsen hatten bis Juli 2013 eine Zinsuntergrenze. Bei einem Referenzzinssatz von sechs Prozent durfte keine Bank in China für weniger als 4,2 Prozent verleihen. Damit verdient jede Bank bis zu drei Prozentpunkten bei jedem Geschäft.

Die Freigabe der Einlagenzinsen in den nächsten zwei Jahren dürfte allerdings den Druck auf die Margen weiter erhöhen. Die hohen Jahresüberschüsse resultieren bei den Großbanken vor allem auch aus den geringen operative Kosten. So weist die ICBC am Jahresende 2013 eine Kosten-Ertrags-Relation von nur 28,8 Prozent aus. Hinzu kommen die steigenden Provisionserträge, die im Zusammenhang mit dem Clearing-Geschäft internationaler Finanzierungen am Offshore-Markt in Hongkong stehen.

Während der chinesische Bankenmarkt in den letzten Jahren äußerst schnell gewachsen ist, so ist das Kerngeschäftsfeld der Banken mit der Konzentration auf Kreditprodukte und Dienstleistungen (z. B. Zahlungsverkehr) weiterhin sehr traditionell. Das spiegelt sich im hohen Anteil der Kredite an der Bilanzsumme bzw. dem hohen Anteil der Kreditrisiken an den gesamten Risikoaktiva wider. Chinas Banken dürfen nur 75 Prozent der Einlagen als Kredite ausreichen.

 
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Die Kreditvergabe des Bankensektors wuchs von 1,8 Billionen Euro in 2002 auf zirka neun Billionen Billion Euro in 2013 (s. Abb. 4). Dies entspricht in etwa 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Nach der starken Kreditvergabe im Januar 2014 (2,5 Billionen Yuan oder 310 Milliarden Euro) ging das Neugeschäft der chinesischen Geschäftsbanken allerdings im Februar 2014 wieder auf 0,6 Billionen Yuan (77 Milliarden Euro) zurück.

Die CBRC ist sehr vorsichtig bei komplexen Finanzaktivitäten. So ist es den Banken nur eingeschränkt erlaubt, in Verbriefungen oder komplexe OTC-Derivate zu investieren. Die Eigenmittelunterlegung von Marktrisiken ist im Schnitt mit 0,8 Prozent der gesamten Risikoaktiva wie bei den deutschen Sparkassen sehr gering. Ende 2012 hatten die chinesischen Banken ein ausstehendes Volumen an Asset-backed Securities (ABS) in Höhe von 2,4 Milliarden Euro.

In einer Studie untersuchen Dong et al. (2014) die Auswirkungen der Eigentümerstruktur das Risikoverhalten chinesischer Banken. Sie haben die chinesischen Geschäftsbanken dafür in drei Kategorien eingeteilt. Im Ergebnis stellen sie fest, dass die von der Regierung gesteuerten Banken dazu neigen, höhere Risiken einzugehen als die Banken von staatlichen staatlichen Unternehmen oder privaten Investoren. Dies ist zum Teil auf die starke politische Intervention und die schwachen Anreize zurückzuführen, umsichtige Bankmanagementpraktiken anzuwenden.

Basel III in China

Der Baseler Ausschuss prüft laufend die einheitliche Umsetzung Eigenkapitalvorschriften in den 27 Mitgliedsstaaten. Dafür setzt er das „Regulatory Consistency Assessment Programme“ (RCAP), ein speziell entwickeltes Prüfverfahren, ein. Zum einen wird damit die fristgerechte Einführung der Basel III-Standards überprüft. Zum anderen unterzieht der Ausschuss die nationalen Gesetze einer Prüfung, ob die Standards umfassen umgesetzt wurden.

Die CBRC verabschiedete im Juni 2012 die Eckpunkte der Baseler Eigenkapitalstandards. Die Standards werden seit 1. Januar 2013 bei den chinesischen Banken angewendet. Ergänzende Dokumente wurden im Oktober, November 2012 und Juli 2013 publiziert. Hierzu gehören zusätzliche Anforderungen für innovative Kapitalinstrumente, Übergangsbestimmungen sowie Anforderungen an das Meldewesen.

Die Basel-III-Regeln sind von allen 511 Geschäftsbanken anzuwenden (s. Abb. 2) – also auch von kleinen und mittleren Banken, die nicht international aktiv sind. Die Regeln gelten allerdings nicht für die drei öffentlichen Entwicklungsbanken (Export-Import Bank of China, Agricultural Development Bank of China und die China Development Bank).

Alle chinesischen Banken wenden die Standardansätze für Kredit- und Marktrisiken an. Die operationellen Risiken werden auf Basis des Basisindikatoransatzes mit Eigenkapital unterlegt. Die CBRC erlaubt bis heute den Banken nicht, interne Modelle zu verwenden. Es ist allerdings zu erwarten, dass diese Beschränkung sukzessive aufgegeben wird.

 
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Die Umsetzung von Basel III erfolgt in China insgesamt konform mit den Baseler Vorschriften (s. Abb. 5). Im Kreditrisikostandardansatz ist die chinesische Bankenaufsicht restriktiver. Die CBRC verlangt von den Banken höhere Risikogewichte (25 statt 20 Prozent) für Forderungen gegenüber einheimischen Instituten. Bei der Offenlegung von Kapitalinstrumenten weicht die CBRC ebenfalls vom Standard ab. Das erscheint dem Baseler Ausschuss aufgrund der Isoliertheit der Banken wenig materiell.

Die CBRC verlangt von den Banken eine harte Kernkapitalquote von mindestens fünf Prozent. Sie ist damit 0,5 Prozentpunkte höher als im Basel-Standard. Das wird vor allem mit den höheren Minderheitenanteilen in den chinesischen Bankengruppen begründet. Minderheiten im Fremdbesitz liegen dann vor, wenn die Eigenmittel eines Tochterunternehmens nicht vollständig vom Mutterunternehmen gehalten werden. Wenn etwa das Mutterunternehmen 80 Prozent des harten Kernkapitals, ein Dritter 20 Prozent hält, so kann das harte Kernkapital der Tochter – bezogen auf die 20 Prozent – im Rahmen der Konsolidierung nur eingeschränkt angerechnet werden.

Die Eigenkapitalregeln unterscheiden sich auch bei der Behandlung überfälliger Kredite von mehr als 90 Tagen. Die CBRC verlangt keine höhere Risikogewichtung (150 %) für den unbesicherten Teil des Darlehens, wenn die Wertberichtigungen weniger als einen bestimmten Prozentsatz des ausstehenden Betrags ausmachen. Bei den größten sechs Banken betragen die überfälligen Kredite im Schnitt 0,3 Prozent der Gesamtforderungen.

Hoher Verschuldungsgrad der Unternehmen und Kommunen

 
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Der Unternehmenssektor Chinas ist aufgrund der sich abkühlenden Konjunktur unter Druck. Das zeigt sich auch bei den Emittenten von Unternehmensanleihen. So hat sich seit Juni 2013 die Kapitaldienstfähigkeit der Emittenten deutlich abgeschwächt (s. Abb. 6).

Mit dem chinesischen Solartechnikausrüster Shanghai Chaori Solar Energy ist im März 2014 die erste Unternehmensanleihe am heimischen Bond-Markt ausgefallen. Nach Bloomberg sind von den 4.000 öffentlich gehandelten chinesischen Unternehmensanleihen etwa 250 Emittenten bekannt, deren Verschuldung mehr als das Doppelte des Eigenkapitals beträgt. Neu ist, dass Ausfälle nunmehr zugelassen werden, sofern sie nicht eine systemweite Finanzkrise auslösen.

Neben den Erneuerbaren Energien sind es vor allem die Branchen Haushaltsgüter und Software-Entwicklung, die als gefährdet gelten. Dennoch bleiben Kredite die Hauptstütze der Unternehmensfinanzierung, sodass mögliche Spillover-Effekte steigender Anleiherenditen auf die Kreditkonditionen sehr begrenzt sind.

Aber nicht nur die Unternehmen sind hoch verschuldet, auch die Städte und Gemeinden. Nach der Lehman-Pleite 2008 haben viele Provinzregierungen kreditfinanzierte Konjunkturprogramme und teure Infrastrukturprojekte initiiert. Nach Angaben der Regierung beliefen sich die Verbindlichkeiten der Kommunen Ende Juni 2013 auf schätzungsweise zwei Billionen Euro, was 30 Prozent der Wirtschaftsleistung entspricht. Ein Teil davon ist über Kommunalkredite der Banken finanziert – zirka zehn Prozent davon sind im Zahlungsverzug. Ein Viertel aller Kredite stammt allerdings von den so genannten Schattenbanken, einem unregulierten Kreditmarkt.

Nach einer Analyse von JP Morgan umfasst das Schattenbankensystem in China ein Volumen von etwa 2,5 bis 4,4 Billionen Euro, was zwei Drittel des nominalen Bruttoinlandsprodukts entspricht. Die Schattenbanken refinanzieren sich teilweise wiederum über die „normalen“ Geschäftsbanken, so dass eine Schieflage der Schattenbanken auch Auswirkungen auf die Geschäftsbanken hätte.

Das führt auch beim Sparer zu einer gewissen Panik. So gab es Ende März 2014 einen regelrechten Run auf eine kleine Bank in Ostchina (Provinz Jiangsu), die angeblich von der Insolvenz betroffen sein soll. Ein zweites Institut wurde in der Region davon mit angesteckt.

Die Panik der Sparer ist auch Ausdruck einer in China fehlenden staatlichen Einlagensicherung. Die Einlagen sind nur durch eine implizite Garantie der Regierung geschützt. Die CBRC hat eine zügige Einführung angekündigt. Ein genaues Datum gibt es dafür allerdings noch nicht.

Neuausrichtung Finanzsektor

Die Einführung einer staatlichen Einlagensicherung gehört auch zur Neuausrichtung des Finanzsystems der Volksrepublik China. Hinzu kommt die Liberalisierung der Zinsen. Die Kreditzinsen wurden bereits im letzten Jahr freigegeben. Nun sollen in den nächsten zwei Jahren die Einlagenzinsen folgen.

Eine besonders positive Wirkung hatte die Ankündigung, künftig Vorzugsaktien zuzulassen. Diese Aktienklasse gibt es bisher nicht. Vor allem die fünf Großbanken versprechen sich davon bessere Refinanzierungsmöglichkeiten, um auf diese Weise die strengeren Kapitalanforderungen (Basel III) besser erfüllen zu können.

Zudem vertrauen sich Chinas Banken untereinander nicht mehr, so dass es immer wieder Engpässe am Geldmarkt gibt. Im Juli und Dezember 2013 versorgte die Zentralbank die Banken mit umfassender Liquidität. Die Notenbank steckt allerdings in dem Dilemma, die Banken nicht insolvent gehen zu lassen und gleichzeitig das Geld knapp zu halten, um Vermögensblasen wie im Immobilienmarkt zu verhindern.

Fazit

Auch wenn staatliche Banken nicht pleitegehen können, so stehen die chinesischen Institute enorm unter Druck. Die hoch verschuldeten Unternehmen und Kommunen können teilweise ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen. Die wachsenden Kreditrisiken erfordern von den Banken ein hohes Eigenkapitalpolster. Basel III fordert das genau ein – aber nicht von den Schattenbanken. Hier genau liegt aber das Finanzstabilitätsrisiko.

Literatur
  1. Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (BCBS) (2013): Regulatory Consistency Assessment Programme (RCAP) – Assessment of Basel III regulations – China, Basel, September 2013.
  2. Dong, Y./Meng, C./Firth, M./Hou, W. (2014): Ownership structure and risk-taking: Comparative evidence from private and state-controlled banks in China, in: International Review of Financial Analysis, im Druck.

Autor
Dr. Silvio Andrae ist Abteilungsdirektor beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) in Berlin.

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