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BBL_Risikokultur (Studie)
Sparkassen auf richtigen Kurs bringen
Risikobezogene Kommunikation ist stark durch eine spezifische Sparkassen-DNA gesteuert. Wie Sparkassenvorstände navigieren, analysiert eine empirische Studie.

In der fünften Novelle der MaRisk vom Herbst 2017 wird das Thema Risikokultur explizit adressiert: Im Modul AT 3 werden die Verantwortlichkeiten der Geschäftsleiter behandelt. Dazu zählen auch Entwicklung, Förderung und Integration einer angemessenen Risikokultur.

Ziel der Novellierung war es seinerzeit: Institute sollten sich stärker mit ihrer Risikokultur auseinandersetzen und vor allem für sich definieren, welche Geschäfte, Verhaltensweisen und Praktiken im eigenen Institut mit Blick auf die angestrebte Risikokultur wünschenswert sind.

Seit der Integration der Risikokultur in die MaRisk sind fast vier Jahre vergangen – ein guter Zeitpunkt für eine Bestandsaufnahme. Die von einem Forschungsteam der Uni Siegen durchgeführte und von der Stiftung für die Wissenschaft der Sparkassen-Finanzgruppe geförderte Studie zeigt, wie die Chefetagen von Sparkassen zu Risiken kommunizieren. Ziel der Studie war es, die Risikokultur von Sparkassen im Sinne des „Tone from the Top“ empirisch zu erfassen. Fragen waren unter anderem:

  • Als was wird Risikokultur vom Vorstand einer Sparkasse gesehen?
  • Wie wird sie kommuniziert?
  • Wie kann der „Tone from the Top“ im Hinblick auf die angestrebte Risikokultur konkret und vor allem sachgerecht ausgestaltet werden?
     

Hohe Rücklaufquote auf Befragung

Methodisch ist für die Risikokulturanalyse eine Kombination aus einem objektivierenden und einem interpretativen empirischen Verfahren eingesetzt worden. Für die quantitative Studie ist zunächst ein Fragebogen an alle Sparkassen in Deutschland (379 zum Zeitpunkt der Erhebung) versandt.

Mitgemacht haben 197 Institute. Dies entspricht einer Rücklaufquote von 52 Prozent. Üblicherweise liegt die Rücklaufquote von Befragungen zwischen zehn und 35 Prozent.

Die vorliegende Studie ist damit bei den Sparkassen überdurchschnittlich gut angekommen. Die qualitative Studie besteht aus persönlichen, strukturierten Interviews mit acht Sparkassenvorständen.

Mit der Risikokultur wird in der primär quantitativ-analytisch geprägten Risikowelt von Sparkassen eine qualitative Komponente integriert, die man zunächst verorten muss. Die Risikokultur bildet zusammen mit der Risikobereitschaft und dem Risikomanagement einen Dreiklang (siehe Abb. 1).

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Die Risikobereitschaft (Risikoappetit) definiert die Grenze, bis zu der ein Kreditinstitut bereit ist, Risiken einzugehen, um seine strategischen Ziele zu erreichen. Die Risikobereitschaft ist dabei gesetzlich klar limitiert. Sie wird quantitativ in einem eindeutigen und nicht zu überschreitenden Wert, der Risikotragfähigkeit, zusammengefasst.

Der Handlungsrahmen der Risikobereitschaft wird dadurch begrenzt: Je mehr Risiken ein Kreditinstitut eingeht, desto höher fällt das einzuhaltende Risikodeckungspotenzial beziehungsweise das Kapital aus, welches als Sicherheit hinterlegt werden muss (MaRisk AT 4.1).

Die Aufgabe des Risikomanagements ist es, Sorge dafür zu tragen, dass eine Organisation ihre Ziele im Rahmen der regulatorisch festgelegten Grenzen erreicht. Der standardisierte Risikomanagementprozess, der aus Identifikation, Analyse, Steuerung und Überwachung aller möglichen Risiken besteht, unterstützt die Entscheidungsträger und dient als tägliches Werkzeug für alle Akteure in einem Kreditinstitut.

In diesem Zusammenhang ist es Aufgabe der Risikokultur, den Entscheidern eine Richtung für ihr Handeln unter Risiko vorzugeben. Sie soll bewirken, dass die Risikobereitschaft und das Risikomanagement sich in Bezug auf Risikothemen am Leitbild der Sparkasse ausrichten.

Wichtige Vorgaben durch Vorstände

In diesem Gesamtkontext der Risikokultur kommt Vorständen eine entscheidende Rolle zu: Sie legen das Leitbild eines Instituts fest, kommunizieren es, sorgen für die Einhaltung und Kontrolle und verantworten es. Die Initialzündung, eine Risikokultur zu implementieren, geht vom Vorstand aus.

Damit gibt es – neben aller Regulatorik – breiten Raum für individuelle Einflüsse: In den Abstimmungsprozess der Vorstände fließen auch ihre jeweilige individuelle Risikobereitschaft ein, die ihrerseits auch von emotionalen Eigenschaften wie Optimismus, Selbstbewusstsein oder Verlustängsten geprägt ist.

Zudem ist die Kommunikation personenabhängig: Nicht zuletzt deshalb verweist die Bankenaufsicht in diesem Zusammenhang auf den „Tone from the Top“, also die Art und Weise wie die letztlich Verantwortlichen Risikokultur konkret vermitteln und welche Leitungskultur sich daraus ergibt.

Die Risikokultur mitsamt dem „Tone from the Top“ prägt die von den Mitarbeitern spürbare Verantwortlichkeit und setzt den Rahmen für eine offene Kommunikation und einen kritischen Dialog, die im Risikomanagement als entscheidend gelten.

Sie beeinflusst damit die Entscheidungen des Managements und der Mitarbeiter bei ihrer täglichen Arbeit und hat unmittelbar Auswirkungen auf die Risiken, die diese eingehen.

Risikokommunikation mit den Mitarbeitern

Um einen ersten Überblick in Bezug auf das als „Tone from the Top“ bezeichnete Kommunikationsverhalten des Vorstands zu gewinnen, ist die Frage „Wie bewerten Sie Ihre übliche Kommunikation mit den Mitarbeitern in Bezug auf Risikothemen?“ mithilfe von 19 semantischen Differenzialen untersucht worden.

Das semantische Differenzial ist ein Instrument, um Einstellungen zu messen: Mittels bipolarer Adjektivpaare soll die Intensität einer Meinung quantifizierbar gemacht werden. Abgefragt worden sind etwa die folgenden Adjektivpaare:

  • zögerlich/entscheidungsfreudig;
  • informell/formell;
  • kontrollierend/vertrauend;
  • einfordernd/sichtbar lebend;
  • konfliktbereit/friedliebend.

Im Fragebogen sollten die befragten Sparkassenvorstände auf einer siebenstufigen Skala zum Ausdruck bringen, welches Adjektiv einer Paarung jeweils eher ihrem Kommunikationsverhalten entspricht.

Abbildung 2 zeigt die „Top-5-Attribute“, die sich in Abhängigkeit zum Erfahrungshintergrund der Befragten – also bezogen auf die verschiedenen Tätigkeitsfelder, in denen die befragten Vorstände gearbeitet haben respektive aktuell arbeiten – ergeben.

Die Studie zeigt sehr gut, dass eine „bewusste“ Kommunikation für alle Vorstände unabhängig von ihrem Erfahrungshintergrund den höchsten Stellenwert hat. Zudem ist erkennbar, dass die Vorstände aus allen Bereichen in ihrem risikobezogenen „Tone from the Top“ entscheidungsfreudig, konsistent und transparent kommunizieren wollen.

Dieses Ergebnis halten die Autoren für besonders interessant, weil die Befragten die Auswahl unter 38 Attributen hatten und sich letztlich recht homogen dieselben vier Attribute herauskristallisiert haben. Dies könnte ein Hinweis auf eine spezifische „Sparkassen-DNA“ im Rahmen der risikobezogenen Kommunikation sein.

Um die durch den standardisierten Fragebogen gewonnenen Einsichten zur Risikokultur in Sparkassen zu vertiefen, sind weiterführende Interviews mit den Vorständen einiger dieser Institute geführt worden.

Während die fragebogenbasierte quantitative Forschung darauf abzielt, repräsentative Aussagen von statistischer Relevanz zu erarbeiten, gewinnt die qualitative Forschung tiefergehende Eindrücke zu der Thematik.

Daher waren die Interviews eine wichtige Ergänzung der quantitativen Forschung der Studie. Die Interviews sind strukturiert anhand der folgenden Leitfragen geführt worden:

  1. Welche Inhalte verbinden Sie mit Risikokultur?
  2. In welchem Verhältnis stehen für Sie Risikostrategie und Risikokultur?
  3. Wie kommunizieren Sie persönlich in Ihrer Sparkasse Risikokultur?
  4. Welche Risikoarten stehen für Sie beim Thema Risikokultur im Vordergrund?
  5. Wie sichern Sie die Verbindlichkeit des Themas Risikokultur bei den Mitarbeitern ab?
  6. Schildern Sie ein Ereignis, bei dem Sie sich sehr über die Risikokultur Ihrer Sparkasse gefreut haben.
  7. Worin genau sehen Sie Ihre persönliche Verantwortlichkeit in Bezug auf das Thema Risikokultur?
  8. Welchen Stellenwert hat Risikokultur für Ihr Geschäftsmodell?

Wesentliche Indikatoren der Risikokultur berücksichtigt

Systematisch ausgewertet worden sind die Ergebnisse mithilfe einer qua­litativen Inhaltsanalyse. Neben dem „Tone from the Top“ stand im Mittelpunkt der Studie auch die Frage, wie Verantwortung für eine gelingende Risikokultur wahrgenommen wird.

Hierzu hat man auf die vier wesentlichen Indikatoren der Risikokultur, die vom Financial Stability Board (FSB) definiert und von der Bafin übernommen worden sind, zurückgegriffen:

  • die Leitungskultur (Tone from the Top);
  • die Verantwortlichkeiten der Mitarbeiter (Accountability);
  • eine offene Kommunikation sowie ein kritischer Dialog (Effective Communication and Challenge);
  • angemessene Anreizstrukturen (Incentives).

Diese Indikatoren einer gesunden Risikokultur beziehen sich stets auch auf die Grundsätze und Werte des jeweiligen Instituts und der Verantwortlichen. Exemplarisch zeigt Abbildung 3 die Ergebnisse der prägnantesten Aussagen für diese beiden Aspekte.

Sinnbildlich für die Einstellung der Vorstände zur Risikokultur sind unter anderem die Aussagen:

  • Ein bewusster Umgang mit Risiken macht die „DNA einer Sparkasse“ aus.
  • Risikokultur ist „fast der ideologische Überbau“ der Sparkasse.
  • Risikokultur ist „ein Grundbaustein unseres Berufsethos“.

Zu den entsprechenden Werten der Risikokultur zählen speziell: die Verbundenheit mit der Region, Authentizität, Loyalität und Partnerschaftlichkeit, ein transparentes Vorgehen, Wachsamkeit in allen Bereichen, ethische Vertretbarkeit und das Schaffen einer Lern- und Fehlerkultur.

Fazit

Die Untersuchungsergebnisse zur Ausgestaltung des „Tone from the Top“ sind repräsentativ für die deutschen Sparkassen. In der Studie gelingt es, den „Tone from the Top“ als Teil der Risikokultur für Sparkassen zu spezifizieren: einerseits in Form von Polaritätsprofilen, andererseits in Form strukturierter Interviews.

Insgesamt signalisiert die Zusammenführung beider Ansätze eine hohe Stimmigkeit der Selbsteinschätzungen aus den Fragebögen und den strukturierten Interviews. Qualitative Befunden aus den strukturierten Interviews illustrieren, wie sich das im Mittel über alle befragten Sparkassen hinweg ergebende Kommunikationsverhalten ganz konkret „anfühlt“ – wie also Sparkassenvorstände tatsächlich kommunizieren.

Inhaltlich ergibt sich ein Bild, wonach die risikobezogene Kommunikation von Sparkassenvorständen bewusst vorgenommen und sowohl der persönlichen Situation als auch der Situation der einzelnen Sparkasse gemäß ausgestaltet wird.

Dies erfolgt individuell mit unterschiedlichen Schwerpunkten und weist damit eine gewisse Varianz auf, spiegelt überwiegend aber dennoch sichtbar eine übergeordnete, typische „Sparkassen-DNA“ wider.

Quelle
Wiedemann, Arnd/Stein, Volker: Der „Tone from the Top“: eine empirische Analyse der Risikokultur in Sparkassen“, Hrsg. Stiftung für die Wissenschaft, Bonn 2021.
Redaktioneller Hinweis: Die Studie geht in diesen Tagen an alle Sparkassen.

Autoren
Prof. Dr. Arnd Wiedemann ist Inhaber des Lehrstuhls für Finanz- und Bankmanagement an der Uni Siegen.
Prof. Dr. Volker Stein ist Inhaber des Lehrstuhls für Personalmanagement und Organisation an der Universität Siegen.  
Christiane Bouten ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Finanz- und Bankmanagement an der Uni Siegen.
Patrick Hertrampf ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Finanz- und Bankmanagement an der Uni Siegen.
Nicolas Mues ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Personalmanagement und Organisation an der Uni Siegen.

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Prof. Dr. Arnd Wiedemann, Prof. Dr. Volker Stein, Christiane Bouten, Patrick Hertrampf, Nicolas Mues
– 4. Mai 2021