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Digitale Bankenfusion
Was wird von Bankia noch übrig bleiben?
Die beiden ehemaligen Sparkassen Caixabank und Bankia verfügen beide über potente Apps und künstliche Intelligenz (KI). Solche Dienstleistungen können aber nur mit hohen Abschreibungen fusioniert werden.

Im Mai protzte Bankia noch mit „Bianka“, einer grell grün leuchtende Roboterdame, die durch die cool designte App führt und wie Siri beim I-Phone Informationen im Konto sucht, Kreditanträge bearbeitet oder auch Aufträge ausführen kann. Dafür wurden in den vergangenen Jahren Millionen ausgegeben, Hunderte von Spezialisten eingestellt, vor allem für das Marken- und Oberflächendesign.

Das alles wird jetzt von der Bildfläche verschwinden. Denn was als Fusion mit Caixabank verkauft wurde, ist eigentlich eine rettende Vereinnahmung, wo für das angekratzte Image von Bankia kein Platz ist. Damit werden nicht nur viele Filialen, sondern auch einige hochbezahlte Posten und Gurus aus dem Tech-Bereich der börsennotierten ehemaligen Sparkasse überflüssig. In den spanischen Medien ist von der Streichung von 7000 Jobs im Zuge der Fusion die Rede.

Offiziell wurden aber keine Zahlen genannt, weil die Gewerkschaften, mit denen gerade ein Fünf-Jahres-Vereinbarung erzielt wurde, stillgehalten werden sollen. Im Frühjahr soll der Zusammenschluss auch optisch vollzogen sein. Wie Banken physisch zusammengeschlossen werden, da haben die Spanier schon Training, aber nicht bei der Fusion der Online-Banken.

Digitale Fusion zerstört Werte   

Wo langfristig Synergien warten, sind kurzfristig erstmal große Verluste zu registrieren. Caixabank hat seit 2018 bereits 1,1 Milliarden Euro in den digitalen Umbau investiert, Bankia nur geringfügig weniger. Der CEO der Caixabank, Gonzalo Gortázar, erklärte, dass ein auf Systeme spezialisiertes Team bereits Integrationsschritte der beiden Online-Banken unternimmt.

„Ein auf Systeme spezialisiertes Team übernimmt Integrationsschritte der beiden Online-Banken“, sagte José Ignacio Goirigolzarri, Präsident der Bankia.

Genaueres will jedoch niemand preisgeben, solange die Fusion nicht vollzogen ist. Das wird aller Voraussicht nach erst im kommenden Frühjahr sein. Vorher, so ist zu vermuten, wird sich der Abbau und die Schließung von Filialen sozialverträglich im Rahmen der bisherigen Planung vollziehen.

Gortázar versicherte, dass 98 Prozent der Belegschaft weiterhin im Geschäft jeder Bank arbeiten werden. „Aber das ist nicht sehr glaubhaft, da diese Fusion ganz klar dazu dient, Personal und Filialen abzubauen, um Fixkosten zu sparen“, sagt Manuel Romera von der IE Business School.

Caixabank kommt auf sieben Millionen digitale Kunden und gilt weltweit als eine der fortschrittlichsten traditionellen Bankhäuser. Bankia steuert weitere vier Millionen Online-Kunden als Mitgift bei. Beide zusammen sagen trotz der digitalen Power: „Wir werden kein Dorf oder Kleinstadt, wo wir jetzt sind, aufgeben.“ Aber sie müssen Millionen abschreiben.

Großzügig sein – der Erfolg einer Fusion „à la española“

Denn letztendlich kann nur eine der beiden digitalen Plattformen übrig bleiben, wenn 20 Millionen Kunden unter einem Dach firmieren werden und damit ein Viertel des spanischen Sparguthabens. Für den jetzigen Bankia-Chef José Ignacio Goirigolzarri ist der Erfolg dieser schwierigen Fusion eine „Frage von Groβzügigkeit“. Er muss sich zwar von der Marke und der App verabschieden, kann sich aber sonst nicht beklagen, da er Chairman des neuen Kreditinstituts sein wird.

Während der Coronapandemie wird auch in Spanien seltener mit Bargeld gezahlt.

Die Spanier beherrschen diese Deals der Egos bereits seit Jahren, aber eine Fusion von Digitalbanken in dieser Größenordnung hat noch nicht stattgefunden und ist äußerst sensibel, weil der Deal ja immer noch platzen kann. Auch hier stimmt die oberste Firmenetage, in Spanien bisher stark von Männern dominiert, nur zu, wenn ihre eigenen Posten dabei gesichert sind.

Aber wer wie der Digitalisierungs-Verantwortliche bei Bankia, Carlos Torres Garcia, der im Mai noch stolz von seiner künstlichen Assistentin „Bianka“ berichtete, um seinen Posten fürchten muss, kann mit einer satten Abfindung rechnen.

„Sind die spanischen Gehälter auf dem mittleren und unteren Niveau niedriger als in Deutschland, übersteigen sie auf Führungsebene das deutsche Niveau“, weiß der Unternehmensberater und Bankenkenner Richard Wolf.

Wie ein Versuchslabor

Bankia hat, zwischen Gerichtsverfahren und Kündigungswellen, bereits 2016 das Ökosystem „Bankia Fintech von Innsomnia“ ins Leben gerufen, an dem fast 500 Start-ups teilgenommen haben. Spanische Medien fragen sich, was mit den ganzen Beteiligungen an digitalen Dienstleistern und den vielen Verträgen nun passiert. Auch hier müsste eine Selektion stattfinden.

Hinter den aufwendig gestalteten Apps der beiden neuen Partner stecken ganz eigene Imperien und unglaublich viele Daten, die zusammengefügt werden müssen. Wie das genau geschehen soll, dafür gibt es noch kein Benchmarking in der Branche, weswegen die Operation mit großem internationalen Interesse verfolgt wird.

Einige Synergien wird es geben, aber viele Millionen Euro, die bisher in den digitalen Umbau gesteckt wurden und in „Bianka“, werden verbrannt werden. „Die Pandemie hat die Digitalisierung enorm beschleunigt. Wir hatten 93 Prozent unserer Filialen geöffnet von März bis Mitte Mai, dennoch arbeiteten 70 Prozent der Mitarbeiter im Homeoffice“, erklärt Torres in einer Pressekonferenz im Frühjahr, als die Fusion schon in der Luft lag.  

Von der Sparkasse zur Tech-Bank

Aber der harte spanische Lockdown hat nicht nur das Arbeiten in den Banken verändert, sondern auch das Bezahlen, das jetzt immer mehr mit Karte und Handy erfolgt. Traditionsbanken wie Bankia und Caixabank sind damit auch attraktiver für Jugendliche geworden.

Ermöglicht ein bequemes Bezahlen: die Bankia-App.

Dazu hat auch Bizum beigetragen – ein Service, unter Freunden unkompliziert und ohne Kosten Geld zu überweisen. Er wird seit diesem Jahr von allen großen Kreditinstituten in Spanien angeboten und ist auch Teil der Bankia-App. Sogar die heißgeliebte Weihnachtslotterie verkauft die ehemalige Sparkasse jetzt über Bizum.

Der Erfolg dieser Paypal-ähnlichen Überweisungsart liegt darin, dass das die spanische Bankenbranche an einem Strang zieht. Sie finanzieren das Unternehmen, das inzwischen auf zwölf Millionen Nutzer kommt und eine klare Konkurrenz für Paypal und andere Fintechs darstellt. 4200 Online-Unternehmen in Spanien ermöglichen Zahlungen über Bizum.

Augenkontakt bleibt wichtig

Aber trotz aller digitaler Begeisterung auch bei Bankia warnt Torres: „Wir wollen keine Bank ohne menschlichen Kontakt werden trotzt aller künstlicher Intelligenz, die wir einsetzen. Der direkte Augenkontakt ist uns immer noch sehr wichtig.“ Das betont auch immer wieder Isidor Fainé, Chef der Fundación La Caixa, Besitzerin der gleichnamigen ehemaligen Sparkasse.

Deswegen spricht Bankia auch von einer „humanen Digitalisierung“. „Aber vom Sparkassen-Geist wird nach dieser Fusion alleine die Kultur- und Gemeinwesensförderung übrig bleiben“, glaubt Bankexperte Romera. Digital wird die neue Caixabank trotz aller digitalen Integrationsprobleme wahrscheinlich der BBVA und Santander die Show stehlen, zumindest in Spanien. Beide Wettbewerber denken deswegen nach Medienberichten schon über einen Gegenschlag nach.

Stefanie Claudia Müller
– 30. Dezember 2020