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Insolvenzen
Pleitewelle bleibt aus
Die befürchtete Pleitewelle infolge der Coronakrise ist im ersten Halbjahr ausgeblieben. Doch Experten warnen, dass die Zahlen nicht wirklich das Insolvenzgeschehen in Deutschland abbilden. Grund dafür seien die massiven Staatshilfen.

Die Zahl der Insolvenzen von Unternehmen sank sogar, und zwar um 17,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 7408. Diese Zahlen gab das Statistische Bundesamt am Freitag bekannt. Staatliche  Konjunkturhilfen für die Unternehmen sowie die erst ab Mai wieder durchweg geltende Insolvenzantragspflicht dürften zu den niedrigen Zahlen beigetragen haben.

Die voraussichtlichen Forderungen der Gläubiger waren mit 31,8 Milliarden Euro allerdings fast doppelt so hoch wie vor Jahresfrist mit 16,7 Milliarden Euro. „Dieser Anstieg ist darauf zurückzuführen, dass mehr wirtschaftlich bedeutende Unternehmen Insolvenz beantragt hatten“, so die Statistiker.

Das Wirtschaftsforschungsinstitut IWH aus Halle hat hier grafisch gezeigt, wie der Trend zu Unternehmenspleiten weiterhin rückläufig ist.

Auch im langfristigen Vergleich seien die Insolvenzzahlen extrem niedrig, heißt es beim Wirtschaftsforschungsinstitut IWH in Halle. So meldeten vor knapp 20 Jahren im Mittel 2000 Personen- und Kapitalgesellschaften pro Monat Insolvenz an, erklärt Steffen Müller, der am IWH die Abteilung Strukturwandel und Produktivität und die dort angesiedelte Insolvenzforschung leitet.

Tatsächliches Insolvenzgeschehen durch Staatshilfen verschleiert

„Aufgrund staatlicher Stützungsmaßnahmen spiegeln die anhaltend niedrigen Insolvenzzahlen nicht das tatsächlich Insolvenzgeschehen wider“, so Müller. Zwar trage die gute wirtschaftliche Entwicklung zur entspannten Situation bei den Insolvenzen bei, allerdings haben selbst in der langanhaltenden Boomphase zwischen 2010 und 2018 immerhin etwa 1000 Personen- und Kapitalgesellschaften monatlich den Gang zum Insolvenzgericht angetreten.

„Um einen immer größer werdenden Rückstau an Insolvenzen zu vermeiden, sollten laufende Unterstützungsmaßnahmen zügig auf den Prüfstand“, empfiehlt Müller. So war das besonders großzügige Kurzarbeitergeld bei Ausbruch der Pandemie zwar wichtig für die Stabilisierung der Wirtschaft. Derzeit wird es aber noch immer undifferenziert auch für gescheiterte Unternehmen in Branchen gezahlt, die von der Pandemie nicht betroffen sind und einen Boom erleben. Das verhindert Strukturwandel und gefährdet Innovation und wirtschaftliche Entwicklung.

Starke Zunahme bei Privatinsolvenzen

Die Zahl der Verbraucherinsolvenzen nahm von Januar bis Juni sprunghaft zu. 42.304 wurden gemeldet – gut 51 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2020. „Der starke Anstieg ist im Zusammenhang mit einem Gesetz zur schrittweisen Verkürzung von Restschuldbefreiungsverfahren von sechs auf drei Jahre zu sehen“, so die Statistiker.

Die Neuregelung gilt für ab dem 1. Oktober 2020 beantragte Verfahren. Sie ermöglicht den Betroffenen einen schnelleren wirtschaftlichen Neuanfang im Anschluss. „Daher ist davon auszugehen, dass viele überschuldete Privatpersonen ihren Insolvenzantrag zunächst zurückhielten, um von der Neuregelung zu profitieren.“ (rtr, DSZ)

 

10. September 2021