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Aktienmärkte / Analyse
Der Realitätscheck steht noch aus
Wird 2020 doch noch ein gutes Aktienjahr? Ein Gastbeitrag von Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud R. Traud.

Die Liquiditätsflut der Notenbanken und massive Konjunkturpakete haben eine zwischenzeitlich drohende Katastrophe am Aktienmarkt im ersten Halbjahr abgewendet. Die meisten Börsenbarometer haben einen Großteil des Kurseinbruchs wieder wettmachen können.

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Dank einer beeindruckenden Aufholjagd hat ein ausgesprochen turbulentes erstes Halbjahr an den Aktienmärkten (fast) noch ein versöhnliches Ende genommen. Massiven Kursverlusten innerhalb des ersten Quartals folgten ähnlich große Gewinne im zweiten Quartal. Per 30. Juni wies der Dax noch einen Verlust von 7,1 Prozent aus, der S&P 500 ein Minus von 4,0 Prozent – und der technologielastige Nasdaq Composite sogar ein Plus von 12,1 Prozent. 

Können Aktien den Schwung ins dritte Quartal mitnehmen? Im langfristigen Durchschnitt war dies eigentlich die schwächste Phase für Aktien. Aber in Zeiten von Corona ist die Aussagekraft historischer Saisonmuster – mehr noch als sonst – mit Fragezeichen zu versehen.

Keine eindeutigen Muster

Kann stattdessen aus der Performance des ersten Halbjahrs auf die im zweiten geschlossen werden beziehungsweise von der des zweiten Quartals auf die des dritten? Wir haben diese Fragestellung für den Dax auf Basis von Rückrechnungen bis 1965 untersucht.

Zwischen der Kursentwicklung des ersten und des zweiten Halbjahres existiert ein positiver Zusammenhang. Die negative Performance während der ersten sechs Monate legt somit auch für die zweite Jahreshälfte per saldo eine schwache Entwicklung von Aktien nahe. 

 

Unsere Gastautorin Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin/Leitung Research der Helaba Landesbank Hessen-Thüringen.

 

Allerdings ist dieser Zusammenhang zu vage, um darauf Anlageentscheidungen aufzubauen. Lassen sich auf Basis von Quartalsentwicklungen zuverlässigere Aussagen ableiten? Im Gegenteil: Zwischen der Performance des Vorquartals und der des Folgequartals existiert nahezu überhaupt kein signifikanter Zusammenhang. Daher können aus den Zuwächsen des Dax im zweiten Quartal von knapp 24 Prozent weder weitere Kursgewinne noch Rückgänge abgeleitet werden.

Ungünstiges Chance-Risiko-Verhältnis

Letztendlich bleibt die alte Frage: Was haben Aktien eingepreist und wo liegen Überraschungspotenziale? Die Panik und der Wachstumspessimismus im ersten Quartal legten die Basis für die positiven Konjunkturüberraschungen im zweiten Quartal. Aktien haben diese positive Entwicklung der Konjunkturdaten allerdings schon vorweggenommen. Das dritte Quartal dürfte nun unter der Überschrift „Realitätscheck“ stehen. 

Können Wachstumsdaten und Unternehmensgewinne das halten, was deutlich verbesserte konjunkturelle Frühindikatoren zuletzt in Aussicht stellten? Die Gefahr negativer Überraschungen ist angesichts des gestiegenen Erwartungsniveaus unseres Erachtens höher als die Chance auf positive Überraschungen, zumal die Coronakrise längst noch nicht ausgestanden ist. 

Wenig Aufwärtspotenzial

Dies zeigt sich an der wieder deutlich steigenden Zahl an Infektionen in den USA, die von den Anlegern recht gelassen hingenommen wird. Vermutlich ist derzeit die Angst etwas zu verpassen zu groß. Angesichts recht hoher Bewertungen sind Aktien aber verwundbar. Immerhin notieren deutsche Blue-Chips auf Basis der wichtigsten absoluten Bewertungskennziffern leicht oberhalb des fairen Bereichs.

Selbst gegenüber Staatsanleihen weisen sie inzwischen nur noch eine unterdurchschnittliche Risikoprämie auf. Bei US-Titeln ist die Bewertungssituation sogar noch angespannter. 

Für die kommenden Monate besteht somit kaum Aufwärtspotenzial. Für den Kauf von Aktien sollten daher mögliche Schwächephasen abgewartet werden.
 

Gertrud R. Traud
– 17. Juli 2020