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Bankengipfel
„Nicht laufen – rennen!“
Bankenvertreter und Aufsicht sprachen in Frankfurt über den nötigen Anpassungsbedarf in der Finanzbranche – und über den Fall Wirecard.

Bafin-Chef Felix Hufeld startete in seinen Redepart auf dem Podium des „Handelsblatt“-Bankengipfels mit einer düsteren Prognose. Angesprochen auf die Situation der Kreditwirtschaft, sagte er: „Wir haben das Schlimmste noch nicht gesehen.“ Die ersten Corona-Effekte in den Bilanzen seien noch milde ausgefallen, doch im zweiten Quartal habe es bereits steigende Risikopositionen gegeben. Die Prognose der Bafin sei: „Das dicke Ende steht noch aus.“

Die Aufsicht arbeite derzeit mit unterschiedlichen Szenarien und achte darauf, dass „man sich die Entwicklung nicht gesundbetet“. Er sehe zum Beispiel einen starken Unterschied in den Kenngrößen des gewerblichen Immobiliengeschäfts und den Verlautbarungen der Kreditwirtschaft dazu.

 

Von links: Kathrin Jones, „Handelsblatt“; Felix Hufeld, Bafin; Hans-Walter Peters, BdB; Helmut Schleweis, DSGV; Theodor Weimer, Deutsche Börse; Sven Afhüppe, „Handelsblatt“.

 

Wachsamkeit und Sorge

Vor allem gelte es jedoch zu unterscheiden: Je nach Szenario könnten zwischen zwei und sieben Prozent Kernkapital in den Instituten durch die Krise verzehrt werden. „Im Aggregat ist das unter den Aspekten der Finanzstabilität verkraftbar.“ Das sei aber noch keine Aussage über das untere Drittel der Institute. Es gebe daher große Wachsamkeit und Sorge für viele Institute, die schon vor Corona „schwach auf der Brust waren“. Hufeld weiter: „Wir werden stärkere Ausleseprozesse sehen.“

Die Anpassungsfähigkeit der deutschen Finanzbranche war in den letzten Jahren oft hinterfragt worden – vor allem auch hinsichtlich ihrer technologischen Leistungsfähigkeit. DSGV-Präsident Helmut Schleweis zeichnete dazu für die Sparkassen ein anderes, positives Bild. Die Verbindung von Apple Pay mit der Girocard habe gezeigt, dass die technische Leistungsfähigkeit des Verbundes unterschätzt werde.

Demokratisierung von Innovationen

„Wir haben hier die Situation, dass sich ein amerikanischer Internetkonzern in Deutschland auf ein nationales System einstellt“, argumentierte Schleweis. Der Fall zeige aber auch, dass es eben nicht reiche, „die Krawatte auszuziehen, um technologischer Vorreiter zu sein“. Das sei harte Arbeit. „Und die haben wir gemacht.“ Mit Apple Pay und der Girocard sei das mobile Bezahlen potenziell 46 Millionen Sparkassenkunden zugänglich geworden. „Das ist Demokratisierung von Innovationen. Und das ist unsere Aufgabe“, so Schleweis weiter.

Das deutsche Bankensystem mit seinen drei Säulen habe in der Krise sehr gut funktioniert, so der DSGV-Präsident. „Die Zahlen der Sparkassen zeigen, dass Kunden mit uns zufrieden sind.“ Dezentral aufgestellte Kreditwirtschaft und Wirtschaft seien auch das Beste, um aus dieser Krise herauszukommen. „Um eine Gesellschaft zu stabilisieren, sind wir mit unserem Bankensystem sehr gut aufgestellt.“

Innerhalb der Institute werde aber der Veränderungsdruck sehr wohl aufgenommen. „Nicht laufen – rennen“ gelte für alle in der Kreditwirtschaft. Die Sparkassen-Finanzgruppe befinde sich daher in guten Gesprächen innerhalb der Deutschen Kreditwirtschaft für gemeinsame Lösungen im Payment-Bereich und auch zu Infrastrukturthemen rund um den Zahlungsverkehr auf europäischer Ebene. „Das zu tun, macht sehr viel Sinn“, bekräftigte Schleweis.

 

„Die Demokratisierung von Innovationen ist unsere Aufgabe“, bekräftigte DSGV-Präsident Helmut Schleweis beim Bankengipfel in Frankfurt am Main. 

 

Elefant im Raum

Der Elefant im Raum war der Fall Wirecard. Die Erwartung des Finanzmarkts war, einen herausragenden digitalen Finanzdienstleister zu haben. Deshalb sei auch Wirecard so gefeiert worden.

Theodor Weimer, Chef der Deutschen Börse, wertete den Sturz des Dax-Neulings als „ganz bittere Erfahrung für den deutschen Kapitalmarkt“. Nun werde geprüft, wie etwa das Börsenrecht verändert werden könne, um die Transparenz zu erhöhen und säumige Konzerne zur rechtzeitigen Herausgabe ihrer Quartalsberichte zu zwingen. Für die Bewertung von Dax-Unternehmen könnten zukünftig auch Aspekte der Unternehmensführung herangezogen werden.

„Wir waren nicht blind“

Ähnlich wie Weimer gab auch Bafin-Chef Hufeld zu: „Wir waren nicht blind. Aber es hat nicht gereicht, technisch formal korrekt zu handeln.“ Auf die Frage nach der Verantwortung seiner Behörde sagte Hufeld, man könne kriminelle Energie nicht fundamental ausschließen. Er habe mit einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss gerechnet und werde dort seiner Verantwortung auch nachkommen: „Wir haben jeden Krümel darzulegen.“

Für weitergehende Reformschritte im Aufsichtshandeln deutete Hufeld in den privatwirtschaftlichen Bereich. Niemand wolle eine staatliche Wirtschaftsprüfung. Die Finanzaufsicht müsse sich auf die Wirtschaftsprüfung verlassen können. Das gelte weltweit so. „In der Bafin müssen wir aber unsere Instinkte schärfen, wo in komplexen Konzernen Untiefen sind.“ Rein formale Prüfungen in den Teilbereichen der Zuständigkeit könnten in Zukunft zu kurz gegriffen sein.

 

Anke Bunz, DSGV
– 2. September 2020