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Börsen
Ernüchterung nach der Euphorie
Der Feierlaune an Europas Börsen nach dem EU-Finanzpaket folgen Gewinnmitnahmen und Verunsicherung über die Konjunkturaussichten.

Der Dax gab im Handelsverlauf 0,3 Prozent auf 13.133 Punkte nach. Der Eurostoxx50 notierte 0,8 Prozent niedriger bei 3379 Zählern. Auf die Stimmung drückten steigende Infektionszahlen in den USA. „Das Coronavirus breitet sich in den USA weiter rasant aus, selbst US-Präsident Trump warnte nun davor, dass das Schlimmste noch nicht hinter den Amerikanern liege“, sagte Marktanalyst Milan Cutkovic vom Broker-Haus Axitrader.

Auch das Finanzpaket der EU im Kampf gegen die Coronakrise wurde von Marktteilnehmern am Tag nach der Einigung nüchterner betrachtet. Einerseits liege die Verteilung der Gelder noch in weiter Ferne, sagte Analyst Michael Hewson vom Broker-Haus CMC Markets. Zum anderen seien die Zuschüsse für Spanien, Italien und Griechenland sowie osteuropäische Länder gering, wenn man sie mit dem riesigen Konjunkturpaket vergleiche, das Deutschland allein für seine Wirtschaft bereitgestellt habe.

Nach der Einigung der EU-Staaten auf das billionenschwere Finanzpaket rechnen Investoren nun in den USA mit weiteren Hilfen für die Wirtschaft, über deren Höhe aber noch gestritten wird. „Es bleibt abzuwarten, ob Republikaner und Demokraten die gleiche Entschlossenheit haben, die von den EU-Spitzen demonstriert wurde, um bis nächste Woche einen Mittelweg zu finden“, teilten Analysten der DBS Bank in Singapur mit.

Berichtssaison im Vordergrund

Börsianer beschäftigte auch, dass sich in Europa die Erwartungen für die Unternehmensergebnisse im zweiten Quartal weiter verdüstert haben, wie aus Daten des Anbieters Refinitiv hervorgeht. Bei den im Stoxx 600 gelisteten Firmen werde nun ein Rückgang der Quartalsgewinne um 58,6 Prozent erwartet. Vor einer Woche lag die Vorhersage noch bei einem Minus von 56,2 Prozent.

„Vor dem Hintergrund des schwer einzuschätzenden Verlaufs der Konjunkturerholung liegen die Erwartungen jedoch außergewöhnlich weit auseinander“, sagte Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege bei der Deutschen Bank zur Berichtssaison in Europa. „Wie in der Finanzkrise von 2008 dürfte es deshalb an den Kurstafeln zu starken Reaktionen auf die Unternehmensberichte kommen.“

Die Aktien der Software AG schossen nach Vorlage von Quartalszahlen bis zu zehn Prozent in die Höhe. Auch die Biotechfirma Evotec war gefragt. Evotec-Aktien zogen in der Spitze 6,2 Prozent an, nachdem eine US-Tochter vom US-Verteidigungsministerium einen Auftrag zur Entwicklung von Covid-19-Antikörpern erhalten hatte. (rtr)

 

22. Juli 2020