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Corona / Konjunktur
Mit den Infektionszahlen steigt die Nervosität
Ein drohender Lockdown mit der Schließung von Schulen würde laut Ifo-Institut die Konjunktur abwürgen. Volkswirte aus dem Verbund äußern sich zum sinkenden Ifo-Geschäftsklimaindex.

Ein drohender Lockdown mit der Schließung von Schulen würde dem Ifo-Institut zufolge die Konjunktur abwürgen. „Mit dem Anstieg der Infektionszahlen wächst die Nervosität der deutschen Wirtschaft“, sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe am Montag der Nachrichtenagentur Reuters.

Zwar zeichne sich bislang noch ein spürbares Wachstum für das laufende vierte Quartal ab. Das Ifo-Institut geht von einem Plus beim Bruttoinlandsprodukt von 2,1 Prozent aus. „Ein zweiter harter Lockdown ist darin aber nicht eingepreist“, fügte Wohlrabe hinzu.

„Knackpunkt wäre, wenn Schulen und Kitas geschlossen werden müssten.“ Viele Eltern könnten dann nicht arbeiten gehen. „Das würde sich massiv auf die Wirtschaft auswirken, auch auf die Industrie.“

Autoindustrie hält sich wacker

Die Exporterwartungen der Industrieunternehmen haben sich bereits eingetrübt: „Darin spiegelt sich der massive Anstieg der Infektionszahlen bei wichtigen Handelspartnern wie Frankreich, Spanien und Italien wider“, sagte der Ifo-Experte. Dort ist die Pandemie deutlich stärker als in Deutschland.

Dessen ungeachtet habe sich die exportabhängige Autoindustrie gut gehalten: „Die Autobauer stehen im Moment richtig gut da“, sagte Wohlrabe. Viele Verbraucher würden wegen der Pandemie weniger verreisen und ausgehen, oftmals fließe das Geld nun in ein neues Auto. Verlierer der Pandemie sei hingegen der Öffentliche Personennahverkehr, der von vielen Pendlern wegen der möglichen Ansteckungsgefahr gemieden werde.

Wesentlich schlechter sieht es derzeit bei den Dienstleistern aus, besonders in der Hotellerie und im Gastgewerbe. „Hier merkt man: Mit den steigenden Infektionszahlen gehen die Geschäfte wieder nach unten“, sagte der Ifo-Experte. Die Hoffnung auf eine Belebung habe hier einen deutlichen Dämpfer erhalten.

LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert: „Ein Vorgeschmack, was noch bevorstehen könnte, falls der Anstieg der Corona-Infektionszahlen nicht bald eingedämmt werden kann.“

Ifo-Geschäftsklimaindex fällt wieder

Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel im Oktober auf 92,7 Punkte von 93,2 Zählern im Vormonat und damit das erste Mal nach zuvor fünf Anstiegen in Folge, wie das Münchner Institut mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten mit 93,0 Punkten gerechnet.

LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert sagt zu den neuen Ifo-Zahlen, die Zeit positiver konjunktureller Nachrichten dürfte erst einmal vorbei sein: „Nach zuvor fünf Anstiegen in der Folge ist der vergleichsweise moderate Rücksetzer des Geschäftsklimas zwar noch kein Beinbruch, aber ein deutliches Warnsignal.“

Die zuvor dezidiert zuversichtliche Erwartungshaltung der Unternehmensentscheider mit Blick auf die kommenden Monate habe einen merklichen Dämpfer erhalten, so Burkert – „und dies ist wohl nur ein Vorgeschmack dafür, was noch bevorstehen könnte, falls der zuletzt explosionsartige Anstieg der Corona-Infektionszahlen nicht bald eingedämmt werden kann“.

Andreas Scheuerle: Rezession auch ohne neuen Lockdown

Dekabank-Analyst Andreas Scheuerle sieht eine Rezession näher rücken, auch ohne neuerlichen Lockdown, schon die exponentiell steigenden Infektionszahlen reichten aus: „Menschen in Quarantäne fehlen den Unternehmen, Haushalte und Unternehmen werden zunehmend verunsichert.“ Hinzu kämen zunehmende Einschränkungen des wirtschaftlichen Lebens, bis zu Lockdowns im Rest Europa.

Helaba-Volkswirt Ulrich Wortberg sagt, es sei fraglich, inwieweit der jüngste Anstieg der Corona-Neuinfektionen und die Diskussionen über weitere Einschränkungen in der Ifo-Umfrage berücksichtigt seien.

Vor allem der Dienstleistungssektor sei in Alarmbereitschaft. Konjunktursorgen nähmen zu und mit Blick auf die EZB-Ratssitzung am Donnerstag stellten sich Marktteilnehmer zunehmend die Frage, ob Präsidentin Lagarde bereits weitere Maßnahmen ankündigen werde, so Wortberg. (rtr/bec)

26. Oktober 2020