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Digitaler Euro / Interview
​​​​​​​ „Wir brauchen ganz neue Formen von Geld“
Der digitale Euro soll das Bezahlen rund um den Globus sicher, komfortabel und sekundenschnell machen. Aus Sicht der deutschen Banken und Sparkassen muss er aber mehr sein als nur „digitales Bargeld“, um Wirtschaft und Verbrauchern zu dienen. Fragen an Karl-Peter Schackmann-Fallis, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes.

Die EZB plant die Einführung eines digitalen Euros. Nach aktuellen Schätzungen könnte es 2025 soweit sein. Warum befassen wir uns schon jetzt damit?
Schackmann-Fallis:
Viele Veränderungen geschehen, bevor sie in der Breite wahrgenommen werden. Deshalb muss man sich frühzeitig, und bei großen Veränderungen auch mit viel Kraft und Einsatz darum kümmern, dass etwas Gutes für die Kunden dabei herauskommt. Die Sparkassen-Finanzgruppe und die gesamte deutsche Kreditwirtschaft haben das erkannt.

Beim digitalen Euro geht es um den Kern von allem, was mit Geld zu tun hat, und das verändert natürlich noch viel mehr, als wir es mit der digitalen Beratung oder den digitalen Prozessen erlebt haben. Digitales Zentralbankgeld ist der Anfang einer völlig neuen Bezahlwelt, die wir technisch und organisatorisch jetzt schon vordenken müssen, um unseren Kunden weiterhin das bestmögliche Angebot zu unterbreiten.

Wie stellt sich die EZB den digitalen Euro vor?
Nach den Plänen der EZB wird der digitale Euro eine Art digitales Bargeld, das von jedermann genutzt werden kann. Dafür wird ein digitales Portemonnaie, eine sogenannte „Wallet“ verwendet, die von Kunden über ihre Hausbank genutzt und mit digitalem Euro aufgeladen werden kann.

Der digitale Euro existiert also neben dem klassischen Guthaben auf den Girokonten und dem heutigen Bargeld und kann für verschiedene Anwendungsfälle genutzt werden als gesetzliches Zahlungsmittel. Dabei ist wichtig, dass Bargeld nicht ersetzt, sondern eben durch ein weiteres gesetzliches Zahlungsmittel ergänzt werden soll.

 

Bargeld nicht ersetzen, sondern ergänzen: Karl-Peter Schackmann-Fallis, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes.


Nun haben Banken und Sparkassen die Planungen der EZB in mehreren Punkten aufgegriffen und weiterentwickelt. Vielleicht können Sie noch mal erklären – was schlägt die Deutsche Kreditwirtschaft mit dem Blick auf Privatkunden vor?
Ein digitaler Euro sollte so ausgestaltet sein, dass er den Kunden die gewohnte Sicherheit bei gleichzeitig mehr Komfort bietet. Wir unterstützen daher die Idee eines Kontos oder einer Wallet bei der Hausbank. Hierüber sollte eine begrenzte Verfügungssumme an digitalen Euros gehalten werden können. Die Höhe dieses Betrags könnte sich an der typischen Bargeld-Menge orientieren, die unsere Kunden heute schon bei sich führen.

Eine solche, komfortabel nutzbare Zentralbankwährung für die Breite der Kunden („Retail CBDC“) können wir uns als Ergänzung zum Bargeld gut vorstellen. Die Einbettung in das regulierte Banksystem und auch die Deckelung der Summe je Bürger sind dabei allerdings sehr wichtig, damit beispielsweise die Sparkassen nach wie vor den Markt mit Liquidität versorgen können.

Aber der eigentliche Vorstoß der Deutschen Kreditwirtschaft bezieht sich auf Firmenkunden, richtig?
Tatsächlich müssen wir hier in zwei Richtungen denken. Ganz praktisch wird es natürlich auch darum gehen, unseren gewerblichen Kunden Angebote zu machen, mit denen sie einen digitalen Euro als normales gesetzliches Bezahlmittel akzeptieren können. Aber das schaffen wir sicher, dazu haben wir eine gute Infrastruktur.

Sehr spannend ist darüber hinaus, wie zukünftige Geschäftsvorfälle mithilfe der Distributed Ledger Technologie oder von Blockchains organisiert werden, vor allem, wenn immer häufiger Computer direkt miteinander kommunizieren. Dann bringt die Maschine nicht nur den Vertrag, sondern auch gleich das Geld mit. Dafür braucht es ganz neue Formen von Geld. Und dazu schlagen wir den sogenannten „Giralgeldtoken“ vor.

Was ist die Botschaft an die EZB und politische Entscheider?
Wir werben sehr dafür, dass solche weitergehenden Überlegungen frühzeitig von der EZB aufgegriffen werden, damit die europäische Wirtschaft wirklich den Sprung in eine Wirtschaft 4.0 schafft. Und wir stehen als Deutsche Kreditwirtschaft dazu auch im aktiven Austausch mit vielen Entscheidern auf deutscher und europäischer Ebene.

Facebook hat mit der Währung „Diem“ ja schon konzeptionell vorgelegt, China etabliert digitale Währungen – und in El Salvador kann man mit Bitcoins bezahlen. Ist denn Europa insgesamt früh genug dran?
Es gibt weltweit viele – aber auch sehr viele unterschiedliche – Aktivitäten, aber nicht alle sind vergleichbar mit dem digitalen Euro. Die Sparkassen sprechen sich jedenfalls dafür aus, dass digitale Währungen aus der Hand der Zentralbanken entstehen, schon damit wir es hier mit einem international verzahnten und regulierten Umfeld zu tun bekommen – und nicht mit dominanten privaten Anbietern.

Warum ist der digitale Euro ein Sparkassenthema?
Diese Entwicklung hat sehr viel mit unserem Gründungsauftrag zu tun, der uns verpflichtet, die Teilhabe von Menschen am Wirtschaftsleben auf einfache Weise möglich zu machen und unter den Bedingungen der jeweiligen Zeit auch sicherzustellen.

Der digitale Euro ist für uns auch deshalb so wichtig, weil er diesen Punkt berührt: Entscheidend ist, dass wir als Sparkassen neben modernen Bezahlformen auch zukünftige, neue Geldsysteme mitgestalten, die den deutschen Mittelstand für die Industrie 4.0 zukunftsfähig machen. Das ist unser unternehmerischer Auftrag – und unser wirtschaftliches Interesse.

 

Mehr zum Thema:

Der Konzeptvorschlag der Deutschen Kreditwirtschaft.

Der Kommentar der Deutschen Kreditwirtschaft zum Vorschlag der EZB.

Erläuterungen rund um das Thema digitaler Euro für Verbraucher.
 

Anke Bunz (Bild oben: Shutterstock/Jim Rakete)
– 15. Juli 2021