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Geldpolitik / Inflation
Ein Gespenst geht wieder um
Die Inflation ist zurück, vorerst nur als Thema. Viele Experten rechnen mit zunehmender Teuerung, wenn sich die Wirtschaft nach der Pandemie wieder belebt.

Laut Isabel Schnabel, deutsches Mitglied im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), ist die Inflation „nicht tot“. Kurzfristig könnte sich durchaus eine gewisse Dynamik bei der Teuerung entwickeln.

Nachdem die Inflationsrate in Deutschland seit Mitte 2020 in den negativen Bereich abgeglitten war und im Dezember minus 0,3 Prozent erreichte, kletterte sie im Januar 2021 deutlich auf plus ein Prozent im Vergleich zum Vormonat.

Das ist bemerkenswert, aber noch kein Unglück, zumal die EZB ihr Inflationsziel für die Eurozone auf „nahe aber unter zwei Prozent“ festgelegt hat. Allerdings haben die Notenbanker diesen Wert bisher nie erreicht.   

Warum blieb die expansive Geldpolitik bisher ohne Folgen?

Viele Jahre war Inflation kein Thema, trotz einer zehn Jahre währenden wirtschaftlichen Aufwärtsbewegung, einer überaus expansiven Geldpolitik mit niedrigem Notenbankzins und intensiver Ankäufe von Staatsanleihen.

Bis zum Sommer wird die EZB insgesamt drei Billionen Euro an Papieren öffentlicher Institutionen mit frisch gedrucktem Geld gekauft haben, und sie bleibt auf Expansionskurs.

Als Gründe, dass die Inflation auf die Geldmengenvermehrung nicht reagiert hat, werden vor allem die Globalisierung und die zunehmende Alterung der Bevölkerung in den Euroländern genannt. 

Fließt Liquidität in die Realwirtschaft, wird sie inflationswirksam

Laut Hans-Werner Sinn, ehemaliger Präsident des Münchner ifo Instituts, ist die Liquiditätsschwemme nicht nachfrage- und deshalb auch nicht inflationswirksam geworden, weil das Geld gehortet wurde. Aber es ist auch in Immobilien und vor allem an die Börsen geflossen.

Das könnte sich ändern. Bei einem im weiteren Jahresverlauf erwarteten allgemeinen  Wirtschaftsaufschwung dürfte mehr der wegen der Coronahilfsmaßnahmen des Staats zusätzlich erhöhten Liquidität in Investitionen und den Konsum fließen und damit in die Realwirtschaft. Dort könnte sie inflationswirksam werden.  

Viele Beobachter befürchten sogar Inflationsraten, die rasch über das von der Notenbank anvisierte Ziel hinausschießen könnten. Bundesbankpräsident Jens Weidmann erwartet für den Euroraum kurzfristig Inflationsraten von drei Prozent und mehr. 

 

Bundesbankpräsident Jens Weidmann erwartet für den Euroraum kurzfristig Inflationsraten von drei Prozent und mehr.

Doch die Inflation ist nicht nur ein europäisches Phänomen. In den USA hat sie mit 2,3 Prozent bereits den höchsten Stand seit acht Jahren erreicht und erfahrungsgemäß treffen Entwicklungen in den USA Europa mit Zeitverzögerung. 

Das sorgt auch diesseits des Atlantiks für Beunruhigung, vor allem bei den Akteuren an Finanz- und Immobilienmärkten, da sich deren hohe Bewertungen nur rechtfertigen lassen, solange Inflation und Zinsen weiter niedrig bleiben.

Inflationsschub im laufenden Jahr

Der jüngste Schub bei den Verbraucherpreisen in Deutschland wird vor allem mit dem Fortfall des vergünstigten Mehrwertsteuersatzes sowie der Einführung eines CO2-Preises für Kraftstoff und Heizöl seit Beginn des Jahres begründet.

Überwiegend wird damit gerechnet, dass die Inflation im Jahresverlauf einen weiteren Schub bekommen wird. Nach der jüngsten Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) blickt die Industrie im Gegensatz zu anderen Wirtschaftszweigen optimistisch in die Zukunft, trotz eines Produktionseinbruchs von fast elf Prozent im Jahr 2020.

Dabei setzt der sehr exportintensive Wirtschaftszweig wegen der florierenden Weltwirtschaft in hohem Maße auf seine Ausfuhren. Der Optimismus der Industrie bedeutet mehr als einen Hoffnungsschimmer, zumal sie mehr als 22 Prozent zur hiesigen Bruttowertschöpfung beiträgt.

Wirtschaftserholung könnte Teuerungsrate erhöhen

Trotz Verzögerungen beim Impfen und anderer Irritationen im Kampf gegen das Coronavirus rechnen Verantwortliche derzeit überwiegend damit, dass sich die deutsche Wirtschaft auch insgesamt im Jahresverlauf kräftig erholen wird.

Bei vermehrten Test- und Impftätigkeiten und einem jahreszeitlich bedingten Abklingen der Virusaktivitäten im Sommer ist die Hoffnung groß, dass auch die übrigen Wirtschaftszweige wie der stationäre Einzelhandel, die Reisebranche sowie Hotels, Gastronomie, Kunst und Theater und andere Dienstleister wieder öffnen können.

Der Nachholbedarf der Verbraucher dürfte erheblich sein. Vor allem Angebotsengpässe könnten rasch zu Preissteigerungen führen. Hinzu kommt, dass in diesem Jahr für mehr als zwölf Millionen Beschäftigte Tarifverhandlungen anstehen.

Sollten dabei angesichts der Preissteigerungen auch deutlich höhere Löhne herausspringen, dürften die Unternehmen versuchen, diese auf ihre Preise zu überwälzen. Der sehr angespannte Markt für Fachkräfte verschärft die Situation zusätzlich.  

 

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Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud rechnet in diesem Jahr ebenfalls mit einem Inflationsanstieg auf drei Prozent.

 

Die Sparkassen-Chefvolkswirte rechnen für 2021 mit einer höheren Inflation. LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert hat seine Inflationsprognose für das laufende Jahr von 1,3 Prozent auf 1,9 Prozent nach oben korrigiert.

Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud, in der Vergangenheit bei Prognosen auffallend treffsicher, rechnet sogar mit einem Inflationsanstieg auf drei Prozent.

Nach Volker Wieland, Mitglied der sogenannten Wirtschaftsweisen, ist das Risiko gestiegen, dass die Inflation auch in den nächsten Jahren höher ausfällt und das Ziel der EZB überschreiten wird. Entscheidend werde sein, ob die Notenbank ihr Inflationsziel verteidigen und intervenieren werde.

Doch die EZB könnte wegen ihrer extrem expansiven Geldpolitik sozusagen in eine Schachmatt-Position geraten sein. Wegen Corona hat hat sich die Verschuldung vieler Euroländer erheblich ausgeweitet, sodass hoch verschuldete Länder Zinserhöhungen nicht verkraften könnten. Dann würde es erneut zu einer gefährlichen Eurokrise kommen. Reagiert die Notenbank zu spät oder gar nicht, könnte sich die Inflation verselbstständigen.

Dieter W. Heumann
– 9. April 2021