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Geldpolitik
„Rezept für hohe Inflation“
Die Modern Monetary Theorie unterstützt massive staatliche Konjunkturpakete, finanziert durch Anleihekäufe der Zentralbanken, und findet zunehmend Anhänger. Kritiker befürchten eine Explosion der Teuerungsrate. Experten raten Sparkassen, den Kunden als sichere Investments Aktien- und offene Immobilienfonds zu empfehlen.

Jenseits ökonomischer Fachzirkel ist Georg Friedrich Knapp kaum jemandem ein Begriff. Dabei hat der 1842 in Gießen geborene und 1926 in Darmstadt verstorbene Volkswirt den gedanklichen Überbau für eine Geldpolitik geschaffen, die heute von Japan über Nordamerika bis nach Europa zunehmend zum Tragen kommt: die Modern Monetary Theorie, kurz MMT.

Laut Theorie sollten sich Staaten stark verschulden, um die Wirtschaft in Krisenzeiten mit mächtigen Kapitalspritzen zu stützen. Die dafür nötigen Finanzmittel sollen die Zentralbanken liefern, indem sie die Leitzinsen senken und massiv Anleihen aufkaufen.

Selbst wenn das die Geldmenge immer weiter anwachsen lasse, drohe keine Inflation, argumentierte Knapp, Professor für Nationalökonomie an der Universität Straßburg, in seinem 1905 veröffentlichten Werk „Staatliche Theorie des Geldes“.

Denn eine Währung werde solange ihren Wert behalten, „wie der Staat die Macht hat, Steuern zu erheben, die in dieser Währung aufzubringen sind“. Geld, postulierte Knapp, sei mithin „ein Geschöpf der Rechtsordnung“.
 

Modern Monetary Theory (MMT) als Rechnertaste mit Silver-Dime. Mittlerweile hat die Theorie der Staatsverschuldung zahlreiche Befürworter, nicht nur unter US-Ökonomen.

Das sind Überlegungen, die heute zahlreiche renommierte Fürsprecher finden. Der deutsche Staatswissenschaftler und Makroökonom Dirk Ehnts wirbt ebenso dafür, dass Politik und Notenbanken die MMT anwenden sollten, wie die US-Wirtschaftswissenschaftler James K. Galbraith, Michael Hudson und Larry Randall Wray.

Auch der australische Ökonom Bill Mitchell, die US-Finanztheoretikerin Stephanie Kelton und die am New Yorker Institute for New Economic Thinking tätige Makroökonomin Pavlina Tcherneva machen sich für MMT stark.

Geldpolitik ähnelt bereits Monetarisierung von Staatsschulden

Zwar nimmt bislang keine Notenbank direkt Staatsanleihen auf, wenn diese von Regierungen emittiert werden. Indirekt sorgen viele Zentralbanken jedoch längst dafür, dass Staaten sehr günstig an das von ihnen benötigte Fremdkapital gelangen, indem sie regelmäßig für Milliardenbeträge Government Bonds am Kapitalmarkt aufnehmen.

Banken und Investoren, die Staatsanleihen zeichnen, wissen, dass sie sie jederzeit an die Zentralbanken weiterreichen können.

EZB, Bank of England und die Fed haben in der Finanzkrise von 2008 in großem Stil mit Anleiheaufkäufen begonnen und in der Coronapandemie weitere Programme zum Bond-Erwerb aufgelegt. Sie wollen so den Regierungen zu minimalen Zinsen die nötige Liquidität verschaffen, damit diese die Wirtschaft aus der Rezession reißen können.

Die EZB hat ihr PEPP-Anleihekaufprogramm zur Bekämpfung der Pandemie-Folgen im Dezember auf 1850 Milliarden Euro erhöht und zeigt sich gewillt, noch stärker zu intervenieren: „Wir stehen bereit, alle unsere Instrumente immer wieder anzupassen“, verkündet Zentralbank-Präsidentin Christine Lagarde.

In den USA erwirbt die Fed derzeit jeden Monat Bonds im Volumen von 120 Milliarden US-Dollar und steht ebenfalls bereit, den Geldhahn noch weiter aufzudrehen: „Die Konjunkturerholung in den US-Bundesstaaten entwickelt sich weiterhin uneinheitlich und ist längst nicht abgeschlossen“, sagt Notenbank-Chef Jerome Powell.
 

MMT hat die Staatspraxis erreicht: Fed-Chef Jerome Powell, hier im US-Staatsfernsehen, kauft monatlich Bonds im Volumen von 120 Milliarden US-Dollar und steht bereit, weiter zu erhöhen.

Das Hand-in-Hand von Geld- und Fiskalpolitik trage Charakterzüge einer Monetarisierung von Staatsschulden, sagt Carsten Wesselmann, Chefvolkswirt der Kreissparkasse Köln und Professor für Wirtschaft der Hochschule Fresenius: „Das geht in Richtung der Modern Monetary Theorie, wobei aktuell die institutionalisierte Unabhängigkeit der Notenbanken nicht zur Disposition steht.“

In den kommenden Jahren wollen EU und USA noch weit mehr Geld aufbringen. Um den Klimaschutz voranzutreiben, planen sie „Green New Deals“. Der Name ist bewusst gewählt in Anlehnung an die New Deal genannten Infrastrukturinvestitionen, mit denen der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt die USA in den 1930er-Jahren aus der Weltwirtschaftskrise holte.

Ambitionierte Klimaziele – milliardenschwere Klimapakete

Die EU-Kommission will bis 2030 den stattlichen Betrag von 485 Milliarden Euro aufwenden, um die Staatengemeinschaften bis 2050 klimaneutral zu machen. Weitere 280 Milliarden Euro will die Kommission an Garantien für private Kapitalgeber aufbringen, die in Solar- und Windparks investieren. Finanziert werden soll all dies durch Anleihen, die letztendlich die EZB in hohem Umfang aufnehmen könnte.

Noch ambitionierter sind die Pläne des neuen US-Präsidenten. Biden plant ein Klimapaket über 2000 Milliarden US-Dollar, umgerechnet rund 1650 Milliarden Euro, um die Vereinigten Staaten bereits bis zum Jahr 2035 CO2-neutral zu machen. Zehn Millionen neue Arbeitsplätze sollen dadurch entstehen. Auch hier wäre die Zentralbank letztendlich der Geldgeber.

MMT-Befürworter begrüßen diese Pläne: „Einige Reformvorschläge mit dem Ziel der Erhöhung des Gemeinwohls, wie der Green New Deal, basieren auf der Modern Monetary Theorie und könnten sich auch in der Eurozone relativ einfach umsetzen lassen“, sagen Makroökonom Ehnts und Wirtschaftswissenschaftler Michael Paetz von der Universität Hamburg in ihrem Papier „Die Modern Monetary Theorie – Staatsschulden als Steuergutschriften“.

Konzept der schwarzen Null gerät in die Kritik

„Die Erzählung der schädlichen Staatsverschuldung“ habe seit der Finanzkrise „eine Erholung der Eurozone  verhindert“, schreiben die Ökonomen. „Während Japan, China, die USA und andere Länder ihre staatlichen Ausgaben erhöhten, bis ihre Volkswirtschaften sich stabilisiert hatten, wurde in der Eurozone eine weltweit einzigartige Kürzungspolitik umgesetzt, welche sich jeder makroökonomischen Logik verwehrt und die Eurozone in eine immer tiefere Krise zog.“

Deshalb sei es Zeit, das „Konzept der schwarzen Null, welches aus der einzelwirtschaftlichen Sichtweise einer schwäbischen Hausfrau abgeleitet wird“, durch die MMT zu ersetzen, fordern Ehnts und Paetz.

Wie einst Knapp argumentieren die Anhänger der Theorie auch heute, eine starke Ausdehnung staatlicher Verschuldung sei möglich, ohne eine Inflation auszulösen. Den Beweis dafür liefere Japan.

Japan: Niedrige Inflationsrate trotz hoher Anleihenkäufe

Seit dem gleichzeitigen Crash am Aktien- und Immobilienmarkt im Jahr 1990 hat die Bank of Japan immer höhere Staatsausgaben durch Anleihenkäufe finanziert.

Die Staatsverschuldung ist dadurch zwar auf 238 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gewachsen – und damit auf das mit Abstand höchste Niveau in den Industrienationen. Die Inflationsrate bewegt sich seit 1990 aber im Schnitt unter der Marke von einem Prozent.

Zu einem ganz anderen Urteil kommen Kritiker der MMT. In einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung urteilt der US-Makroökonom Thomas Palley, die Theorie basiere „auf unbewiesener Ökonomie“.
 

Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater: MMT beraubt Notenbanken und Politik der Möglichkeit, Zinsen wieder anzuheben, wenn die Inflation mit Macht zurückkehrt.

Noch schärfer formuliert es US-Ökonom und Nobel-Wirtschaftspreisträger Paul Krugman: Die MMT sei „ein Rezept für hohe Inflation, vielleicht sogar für Hyperinflation“.

Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater rät ebenfalls davon ab, der Theorie zu folgen: „Notenbanken und Politik würden sich sonst der Möglichkeit berauben, die Zinsen wieder anzuheben, sollte die Inflation mit Macht zurückkehren.“

Werde zu spät und zu stark an der Zinsschraube gedreht, drohten Unternehmen Anschlussfinanzierungen nicht mehr stemmen zu können. Dies würde zwangsläufig zu Insolvenzen und einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führen.

Zurzeit jedoch scheint insbesondere die US-Notenbank entschlossen, die Wirtschaft zu stützen, ohne auf die Teuerung zu achten: „Die Leitzinsen werden bis 2023 auf dem heutigen Niveau gehalten – auch wenn die Inflation in dieser Zeit über die Marke von zwei Prozent steigen sollte“, hat Fed-Präsident Powell jüngst verkündet.

Rohstoffe werden bereits teurer, vor allem Öl

Dabei regt sich bereits jetzt die Teuerung, wie der jüngste Anstieg von Rohstoffpreisen zeigt: „Die Ölnotierungen sind in den vergangenen drei Monaten um mehr als 45 Prozent gestiegen“, sagt Helaba-Analyst Stefan Mitropoulos. Die Frachtraten auf Containerschiffen zögen stark an.

Nach Berechnungen des Fracht-Brokers Freightos haben sich die Transportpreise für einen Standard-40-Fuß-Container auf den Asien-Europa-Routen seit Oktober vergangenen Jahres verdoppelt. Notierte die Inflationsrate in Deutschland im Dezember 2020 noch minus 0,7 Prozent unter dem Vorjahresmonat, vermeldet das Statistische Bundesamt für Januar ein Plus von 1,6 Prozent.

Nach der jüngsten Helaba-Prognose soll die Inflationsrate in der Eurozone bis zum vierten Quartal dieses Jahres auf 2,3 Prozent und in Deutschland sogar auf 2,5 Prozent anziehen, danach jedoch wieder unter die Marke von zwei Prozent sinken.

Kater: Sondereffekte erhöhen die Teuerungsrate

Der zuletzt starke Zuwachs beim Verbraucherpreisindex bedeutete nicht, dass die Teuerung nun dauerhaft zurückkehre, sagt Dekabank-Chefvolkswirt Kater. „Wir haben es vielmehr mit zahlreichen Sondereffekten zu tun.“

Dank der fortschreitenden Impfungen nähere sich die Pandemie weltweit ihrem Ende. Unternehmen führen deshalb wieder ihre Fertigung hoch und bestellten verstärkt Vorprodukte. Die Schifffahrtsbranche habe aber bislang noch längst nicht alle auf Reede liegenden Containerfrachter wieder flottgemacht.

„Diese Welle an Preisanhebungen wird im Herbst ausrollen, wenn sich die Lage wieder normalisiert hat“, sagt Kater. „Die Notenbanken wissen, dass durch diesen Einmaleffekt kein dauerhafter Inflationsschub entsteht und werden deshalb ihre Geldpolitik vorerst nicht ändern.“

Inflation könnte nach 2025 tatsächlich steigen

Hingegen könnte die Teuerung ab der zweiten Hälfte der 20er-Jahre nachdrücklich zulegen: „In Europa und Nordamerika werden Arbeitskräfte dann knapp werden, weil immer mehr Babyboomer in Rente gehen“, sagt Kater.

Gleichzeitig seien weitere Kostensenkungen im Zuge der weit fortgeschrittenen Globalisierung nicht zu erwarten: „In China und anderen asiatischen Staaten steigen die Löhne“, so der Deka-Chefvolkswirt.

Die in den kommenden Monaten zunächst steigenden Inflationsdaten dürften besorgte Sparkassenkunden zu ihren Beratern treiben. Kater empfiehlt Aktien- und offene Immobilienfonds: „Sachwerte sind langfristig inflationsresistent.“

Unternehmen könnten mit der Teuerung ihre Preise anpassen und so Gewinne und Dividenden steigern. Gewerbeimmobilien seien mit Indexmietverträgen ausgestattet, sodass die Mieten im Einklang mit der Teuerung wachsen. Gold sollte hingegen dem Depot allenfalls klein beigemischt werden, sagt der Chefvolkswirt: „Das Edelmetall zahlt keine Dividenden.“

 

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Richard Haimann
– 9. April 2021