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Inflation / Geldpolitik
„EZB kann höhere Inflation zeitweise aushalten“
Laut EZB-Ratsmitglied Olli Rehn sollte die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank den Arbeitsmarkt stärker berücksichtigen, selbst wenn die Inflation vorübergehend über das Ziel hinausschießen sollte.

Die Wirtschaft könne höhere Beschäftigungsniveaus ohne einen schnellen Anstieg der Inflation aushalten, sagte das EZB-Ratsmitglied im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Europäische Zentralbank (EZB) würde damit dem Beispiel der US-Notenbank Fed folgen, die nach ihrem Strategieschwenk einen heiß laufenden Arbeitsmarkt für eine gewisse Zeit in Kauf nehmen will, um einkommensschwachen Haushalten zu helfen.

Viele Ökonomen sind inzwischen der Auffassung, dass eine zunehmende Beschäftigung nicht mehr notwendigerweise zu steigenden Inflationsraten führt.

„Falls das der Fall ist, ist es vom Standpunkt der ökonomischen und sozialen Fürsorge sinnvoll, eine gewisse Zeit ein Überschießen zu akzeptieren, wenn man Zeiten des Nicht-Erreichens berücksichtigt“, sagte Rehn.

Die EZB sollte ihr Mandat breiter auslegen als bisher, sagt EZB-Ratsmitglied Olli Rehn.

Die EZB würde damit ihr auf Preisstabilität ausgerichtetes Mandat etwas breiter auslegen als bislang. Auch Frankreichs Notenbankchef François Villeroy de Galhau argumentierte zuletzt, dass die Notenbank in ihrer Geldpolitik stärker die Beschäftigung und die Einkommensverteilung berücksichtigen sollte.

„Das Mandat ist sehr klar“, sagte Rehn. Die EZB habe sowohl ein vorrangiges Mandat als auch andere wesentliche Aufgaben, sofern die Preisstabilität dadurch nicht beeinträchtigt werde. „Das bedeutet, dass auf Basis des EU-Vertrags die Aufgabe der EZB darin besteht, die anderen Politikziele der Europäischen Union zu unterstützen wie Vollbeschäftigung, ausgewogenes Wachstum und eine nachhaltige Entwicklung.“ Die EZB solle diese Ziele fördern, solange dies mit der Preisstabilität nicht im Konflikt stehe.

EZB überprüft ihre erst mal geldpolitische Strategie

Die EZB prüft derzeit erstmals seit 2003 ihr Inflationsziel von knapp zwei Prozent, das sie bereits seit Jahren verfehlt. Obgleich die Diskussionen nach wie vor laufen, tritt Rehn für ein einfaches Punktziel ein, was die Streichung der bisherigen Formulierungen von „unter, aber nahe“ zwei Prozent nach sich ziehen würde.

„Daraus würde auch folgen, dass wir es akzeptieren, dass für eine gewisse Zeit die Inflation das Punktziel übertrifft oder das Punktziel nach unten hin verfehlt“, sagte Rehn. Vorausgesetzt sei dabei, dass die EZB sich auf dem Weg befinde, mittelfristig ihr Preisstabilitätsziel zu erreichen. (rtr)

16. Oktober 2020