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Konjunktur
Wachstum bestenfalls mittelfristig
2021 soll es wieder aufwärts gehen mit der Wirtschaft, das Vorkrisenniveau wird aber wahrscheinlich noch nicht erreicht. Und wer schon im Frühjahr zu den Verliererbranchen gehörte, verliert jetzt noch mehr. Sparkassen haben eine Gratwanderung vor sich.

Der Hotel- und Gaststättenverband spricht von einem erneuten „Berufsverbot“. Nach Umfragen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) stufen 42 Prozent der befragten Gastronomiebetriebe ihre Geschäftslage als schlecht ein, 34 Prozent leiden unter Liquiditätsengpässen und 55 Prozent beklagen eine rückläufige Eigenkapitaldecke. Damit liegt die Gastronomie in allen drei Bereichen weit über dem gesamtwirtschaftlichen negativen Durchschnitt.

Damit setzt sich das Leiden in einigen Wirtschaftsbereichen fort. Laut Ifo-Institut gehen die Umsätze des Gastgewerbes von 75 Prozent des im Sommer erreichten Normalniveaus auf etwa 20 Prozent zurück.

Die Umsätze der übrigen Anbieter von Dienstleistungen des sozialen Konsums, also Freizeit und Kultur, Pauschalreisen und Dienstleistungen der Körperpflege, dürften auf nunmehr zehn Prozent sinken. Laut Michael Hüther, Direktor des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), gibt es hier zurzeit keine Chance auf Gesundung.

Die deutsche Wirtschaftsleistung wird 2020 um bis zu sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr schrumpfen.

Überbrückungshilfen sorgen für stabile Einkommen

Laut Ifo-Institut ist immerhin die Einkommenssituation hierzulande stabil geblieben. Im Juni gaben 76 Prozent der Befragten an, das Einkommen im Haushalt sei im Vergleich zum Februar unverändert. Im Oktober hat sich für 77 Prozent das monatliche Nettoeinkommen nicht verändert.

Ifo-Präsident Clemens Fuest zufolge liegt das „zu einem guten Teil an den von der Politik beschlossenen Überbrückungshilfen“, wie dem Kurzarbeitergeld. Laut DSGV-Präsident Helmut Schleweis zeigen sich die Pandemiefolgen „beim Konsum indes deutlicher als bei der finanziellen Zufriedenheit“. 

Nach den DSGV-Umfragen wird das Geld zunehmend gespart. Die Chefvolkswirte der Sparkassen-Finanzgruppe erwarten für das laufende Jahr eine Reduktion der privaten Konsumausgaben um 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für das kommende Jahr rechnen sie mit einer leichten Erholung um 3,9 Prozent. 

Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands: „Die Pandemiefolgen zeigen sich beim Konsum deutlicher als bei der finanziellen Zufriedenheit.“

Vor allem der Online-Handel wird wachsen

Auch die derzeit eingeschränkte Mobilität der Verbraucher dürfte sich hemmend auf den privaten Konsum auswirken und auch den Einzelhandel nicht völlig verschonen. Das Konsumbarometer des Handelsverbands Deutschland (HDE) signalisierte Anfang November eine deutliche Verschlechterung in den kommenden drei Monaten.  

Profitieren dürfte weiterhin der Online-Handel. Der HDE zeigt sich gleichwohl optimistisch für das Weihnachtsgeschäft und prognostiziert im Einzelhandel ein Umsatzplus von insgesamt 1,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Für den Online-Handel werden plus 19 Prozent erwartet.

Anhaltend gut entwickelt hat sich seit dem Sommer neben dem Baugewerbe auch die Industrie. Anders als im Frühjahr leiden Industriebetriebe mittlerweile nicht mehr unter ausbleibenden Warenlieferungen nach Grenzschließungen. Die Lieferketten funktionieren wieder.  

Neuer Schwung für die Autobranche, banger Blick auf kleine Dienstleister

Das Überwinden der Pandemie in China hat vor allem der Automobilindustrie neuen Schub verliehen. Aber auch andere Industriebranchen dürften mit dem erneuten Lockdown gut zurechtkommen. Nach jüngsten Ifo-Umfragen fährt die Industrie das Produktionstempo derzeit zwar etwas herunter, laut Ifo-Experte Klaus Wohlrabe planen jedoch die meisten Branchen, die Produktion auszuweiten.

Der bange Blick richtet sich vor allem auf typisch mittelständische Dienstleister, die zur Kundenklientel der Sparkassen zählen. Die Bundesregierung hat ein Finanzpaket in Höhe von etwa zehn Milliarden Euro angekündigt, die vor allem an kleine und mittlere Unternehmen fließen sollen.

Doch könnten sich Kreditausfälle zeitverzögert auch in Sparkassenbilanzen spiegeln.  Die Chefvolkswirte im Verbund warnen, das Kreditrisiko werde „perspektivisch zunehmen, die Geldhäuser haben eine Gratwanderung vor sich“.

Helaba-Analyst Umlauf: Die mittelfristige Perspektive heißt Wachstum

Laut Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser wird der Lockdown den Anstieg der Wirtschaftsleistung im vierten Quartal 2020 auf alle Fälle „deutlich bremsen“. Ralf Umlauf von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba): „Die mittelfristige Perspektive für die deutsche Wirtschaft heißt aber Wachstum.“

Sobald 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, bedarf es nach Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, wohl gar keiner Einschränkungen mehr. Felbermayr rechnet 2021 mit einem deutlichen Wirtschaftswachstum.

Das Bundeswirtschaftsministerium rechnet für das laufende Jahr mit einem wirtschaftlichen Einbruch von 5,5 Prozent und sieht für 2021 ein gesamtwirtschaftliches Wachstum in Höhe von 4,4 Prozent.

Die fünf Wirtschaftsweisen rechnen in ihrem jetzt vorgelegten Jahresgutachten mit einem Minus von 5,1 Prozent für 2020 und einem Wirtschaftswachstum in Höhe von 3,7 Prozent im kommenden Jahr.

 

Dieter W. Heumann
– 12. November 2020