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Kreissparkasse Tuttlingen
Corona-Impfstoff aus dem Ultra-Kühlschrank
Ein Besuch in Tuttlingen, der Welthauptstadt der Medizintechnik. Die örtliche Kreissparkasse spielt eine wichtige Rolle in diesem Cluster.

Lesen Sie hier ein Interview mit Markus Waizenegger, dem Vorstandsvorsitzenden der Kreissparkasse Tuttlingen.

Das soll ein Weltzentrum der Medizintechnik sein? Nein, so ländlich hatte sich der Besucher die "Große Kreisstadt" Tuttlingen, nicht vorgestellt. Eingebettet in eine Hügellandschaft, zwischen Streuobstwiesen und Fichtenwäldern, breiten sich hübsche Dörfer aus. Dazwischen fließt ein kleines Bächlein namens Donau.

Dann die Stadt selbst: 36 891 Einwohner und eine Mixtur aus Fachwerkhäusern, Gewerbeflächen und unspektakulären Gebäuden. Anderthalb Autostunden südlich von Stuttgart und anderthalb nördlich von Zürich, aber keine eigene, stadtnahe Autobahnabfahrt, vom International Airport ganz zu schweigen. Allenfalls die „Scala“, ein Kino-Klotz mit  fünf Sälen und 830 Plätzen, ragt hier in den Himmel und zeigt in eine andere Welt. Doch jetzt ist auch hier wieder Lockdown.

Marktplatz in Tuttlingen: Links die Geschäftsstelle der Kreissparkasse Tuttlingen.

 

Doch Tuttlingen und Umgebung ist der Standort von 400 medizintechnischen Unternehmen, vom Fünf-Mann-Betrieb bis zum Weltkonzern. Eine derartige Konzentration ist tatsächlich weltweit einmalig, nicht zuletzt deshalb, weil hier sehr viele Familienbetriebe mitmischen. Dann wundert es kaum, wenn von den 26.000 Arbeitsplätzen rund 10.000 in der Medizintechnik angesiedelt sind.

400 medizintechnische Unternehmen

Vis-á-vis vom Hauptbahnhof breitet sich hinter einer 250 Meter langen Straßenfront das eindrucksvolle Revier der Gesellschaft B.Braun Vet Care aus. Die rot-gelbe Backsteinfassade der Hauptgebäude erinnert an die Anfangszeit der Aesculap-Werke, die seit 1976 zum weltumspannenden Imperium der Melsunger gehören.

Hier werden in erster Linie chirurgische Instrumente produziert, also Geräte für die operative Behandlung der Bauchorgane, einschließlich der Speiseröhre und des Verdauungstrakts ebenso wie für die Herz-/Thorax-Chirurgie und Neurochirurgie sowie orthopädischen Gelenkersatz. Im vergangenen Jahr setzte das Unternehmen rund 1,9 Milliarden Euro um.

Chirurgische Instrumente für den Weltmarkt

B.Braun/Aesculap, Karl Storz, Stryker, Fetzer, HEB, Simeon, Lawton, kls martin, OTEC, Binder  und so weiter, und so weiter: „Die Exportquote der Tuttlinger Unternehmer liegt bei 67 Prozent“, berichten die „Stuttgarter Nachrichten“ – das ist eine schöne Quote, jedenfalls liegt sie höher als jene 41 Prozent, die das ohnehin schon ziemlich exportstarke Bundesland Baden-Württemberg insgesamt auf die Waage bringt.

 

Auch das gibt es in Tuttlingen: Herstellung von Infusionslösungen bei B.Braun.

Kein Wunder, die Tuttlinger Produktionspalette hält fast alles bereit, was in Arztpraxen und Operationssälen rund um den Globus benötigt wird. Für das das meiste, was gerade aktuell ist, hat man Lösungen erarbeitet. Dann werden sogar Kleinserien aufgelegt oder Sonderanfertigungen realisiert. Insgesamt 10.000 Artikel.

Neustart in den Sechziger Jahren

Ein kurzer Ausflug in die Historie zeigt, was geschehen kann, wenn eine Region mit plötzlichen Veränderungen konfrontiert wird und damit fertig werden muss. In Tuttlingen war das in den 50er- und 60er-Jahre mit dem rasanten Einbruch der Schuhindustrie der Fall. Doch statt – wie etwa in der deutschen Schuhmetropole Pirmasens –  in Trauer und Selbstmitleid zu versinken, packten die Menschen am Schwarzwaldrand ihr Schicksal am Schopf und organisierten den Neustart.

Mit Aesculap, der „AG für Feinmechanik“ war schon ein großer und erfolgreicher Name am Platz, und was lag dann näher, sich an diesem Unternehmen zu orientieren? „Die können ja auch nicht alles auf einmal“, hieß es damals. Also etablierten sich Zulieferer und neue Innovateure.

Die Chefs dieser Unternehmen waren meist keine akademisch trainierten Spezialisten für niedrigen Blutdruck oder hohen Cholesterinspiegel, sondern oft Handwerksmeister, dafür aber jung an Jahren, hochambitioniert und voller Ideen.

Alles recht „ländlich“: Eingebettet in eine Hügellandschaft, zwischen Streuobstwiesen und Fichtenwäldern, breiten sich hübsche Dörfer aus. Dazwischen fließt ein kleines Bächlein namens Donau.

Beispielhaft Geschichte des Endoskopie-Unternehmens Karl Storz

Wie zum Beispiel Karl Storz. Der gelernte Instrumentenmacher, der seine ersten beruflichen Erfahrungen in einem Leipziger Sanitätshaus sammelte, gründete noch 1945 in seiner Geburtsstadt Tuttlingen die Firma „Karl Storz zur Herstellung von med. Produkten“. Der 34-Jährige spezialisierte sich zunächst auf Stirnlampen und Binokular-Lupen. Abnehmer war die Hals-Nasen-Ohren-Medizin. Gemeinsam mit Ärzten entwarf er ein eigenes Sortiment mit anwendungsorientierten Lösungen.

Mit mehr als 400 Patenten auf seine Erfindungen hat Karl Storz die Entwicklung der  Endoskopie maßgeblich beeinflusst. Bei Wikipedia heißt es: „Vor allem seine Idee des Einsatzes von Kaltlichtquellen zur Ausleuchtung des Körperinneren (ab 1960) war hier richtungweisend. Storz leitete das Familienunternehmen bis zu seinem Tode 1996.

Karl Storz' Tochter Sybill hat die Nachfolge des Unternehmens übernommen. Die Firma ist seitdem endgültig zum Weltmarktführer in der Produktion von Endoskopen aufgestiegen. Erfindungen von Karl Storz bereiteten der Entwicklung der minimalinvasiven Chirurgie und der Früherkennung von Krankheiten den Weg.

Hochschule für Medizintechnik

In den Unternehmen wird getüftelt und produziert. Zum Teil in Hinterhöfen oder in langweilig erscheinenden Gebäuden. Trotzdem: Weil alles in diesem globalen Wachstumsmarkt so zukunftsorientiert und insofern bedeutend ist, legen die Chefs großen Wert auf Abschottung.

Die Geheimniskrämerei und das gegenseitige Misstrauen seien auch der Grund dafür gewesen, dass es mit der Realisierung eines Hochschulcampus Medizintechnik bis zum Jahre 2009 gedauert habe. Aesculap und Karl Storz trauten sich nicht über den Weg, heißt es.

Heute hängt an dem Gebäude ein zehn Meter hohes Plakat an der Fassade: „Studieren gemeinsam mit über 100 Unternehmen!“ Und dann werden die Berufsfelder genannt: „Ingenieurpsychologie, Medizintechnik, Produktionstechnik, Mechatronik, Werkstoffethik“.

Die 100 Unternehmen, von denen hier die Rede ist, steuern Jahr für Jahr insgesamt zwei Millionen Euro zu diesem Projekt bei: „Ohne die Firmen gäbe es die Hochschule und damit das Modell Tuttlingen nicht“, meint denn auch Stadt-Sprecher Arno Specht. Der Hochschulcampus Tuttlingen gehört zur Hochschule Furtwangen. Nach 110 Studierenden im Jahr 2009 sind es jetzt 650 Immatrikulierte.

Studieren mit mehr als 100 Unternehmen

Stichwort „Ingenieurpsychologie“: Das interdisziplinäre Bachelorstudium verbindet Psychologie mit Technik. Die Absolventen  analysieren, entwickeln oder implementieren Produkte und sozio-technische Systeme. Das heißt – und auch das ist bislang einzigartig in Deutschland –  dass sie die Schnittstelle und Interaktion zwischen Mensch und Maschine gestalten.

„Studieren mit über 100 Unternehmen!“ – das Public-Private-Partnership-Konzept des Hochschulcampus Tuttlingen ist eine für deutsche Verhältnisse einzigartige Form der Kooperation von Hochschule, Wirtschaft und Staat. Bei diesem Schulterschluss tragen die Partner nicht nur die Kosten gemeinsam, sondern schauen sich gegenseitig über den eigenen Tellerrand.   

Vereinigung übernimmt Lobbyarbeit

Zu dieser konzertierten Aktion gehört auch der Auftritt der von Medical-Mountains. Die von Stadt und Landkreis getragene Clustervereinigung betreibt Lobbyarbeit für die gesamte  Medizintechnik-Region. Sie könnte auch als Interessenvertretung der Branche gelten – vor allem jetzt, wo Brüssel die sogenannte Medical Device Regulation ausgeheckt hat, jene Verordnung 2017/745, die die Antwort auf den französischen Brustimplantate-Skandal sein soll.

Eine Folge: Jetzt sollen auch die kleinen Hersteller aus Tuttlingen, deren Spezialscheren schon vor Jahrzehnten das staatliche Okay erhalten haben, mit dem Ausfüllen von Antragsformularen ihre kostbare Zeit verplempern. Gleiches gilt auch auf für Unternehmen, deren innovative Produkte jetzt in eine Bürokratie-Schleife müssen.

Während der Corona-Zeit unterscheiden sich Tuttlingen und das obere Donautal kaum von anderen Regionen. Die Menschen scheinen sich an die Umstände zu gewöhnen – und sie hoffen dennoch inständig, dass es mit diesem surrealen Zauber bald vorbei ist.  

Medizinische Hochschule in Tuttlingen. Studien-Schwerpunkt liegt in der Medizintechnik.

Hoffnungsschimmer in Coronazeiten: Laborkühlschrank

Für eine Hochburg der Medizintechnik ist so etwas ein doppelter Schlag. Erstens drücken schon die Beschränkungen des Alltags auch hier aufs Gemüt, und zweitens erzeugt das verrückte Virus jetzt auch noch zusätzlichen Frust, weil man das Gefühl hat, nichts oder nur wenig dagegen unternehmen zu können –  ausgerechnet hier, wo man doch direkt an der „Front“ steht. Der herbeigesehnte  Impfstoff, wird gerade in Tübingen und Mainz entwickelt. Und wie lange das dauert, weiß niemand genau.

Trotzdem taucht gerade ein Hoffnungsschimmer auf, und Tuttlingen kann  bei der Pandemie-Bekämpfung tatsächlich noch mithelfen. Denn in den von der Firma Binder GmbH (400 Mitarbeiter, 74 Millionen Euro Umsatz) produzierten Kühlschränken, den „Freezern“, kann der Impfstoff gegen COVID-19 dauerhaft bei Minus 80 Grad Celsius gelagert werden.

Binder-Mitarbeiter Lothar Maresch blickt bereits weit in die Zukunft: „Binder trägt mit seinen Freezern für die Impfstofflagerung einmal mehr dazu bei, die Krise in den Griff zu bekommen.“ Und so könnten Binders Ultra-Tiefkühlschränke tatsächlich einmal bei der Produktion großer Massen von Impfstoff und damit bei der raschen Beseitigung dieser Seuche eine entscheidende Rolle spielen.

Kreissparkasse betreut 70 Prozent der Unternehmen

In der Kreissparkasse beobachtet man die Entwicklung mit gespannter Aufmerksamkeit. „Für uns ist es ganz wichtig, was sich in der Medizintechnik tut“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Tuttlingen, Markus Waizenegger, und ergänzt, dass die Regulierungsmanie der Politik  möglicherweise ein Hemmnis für Produktinnovationen sein könnten  (siehe Interview).  

Doch auch über die aktuelle Tagespolitik hinaus mache man sich bei der Kreissparkasse Gedanken über den Medical-High-Tech-Standort Tuttlingen. Nicht nur weil das Geldinstitut für 70 Prozent der Medizintechnik-Unternehmen die Hausbank ist, sondern weil Medizintechnik „Intelligenz und Zukunft in einem“ bedeute. So zählt die Kreissparkasse zu den Unternehmen, die den Hochschul-Campus mit jährlich 200.000 Euro massiv fördern – und zwar von Anfang an.

Kreissparkasse unterstützt Techniker-Nachwuchs

Die Verbundenheit mit dem Techniker-Nachwuchs kommt auch bei der Prämierung von Medizintechnik-Projekten zum  Ausdruck. So überreichte Sparkassen-Vorstandschef Markus Waizenegger kürzlich bei der Begrüßung der Erstsemester vier Studierenden den Preis der Kreissparkasse für ihre digitale Handprothese.

Was Katrin Bihr, Lukas Baier, Cornelius Machann und Sven Schumayer abgeliefert hätten, sei „das Beste im Zeitraum 2018/2019“. Das Besondere: Die Finger der künstlichen Hand sind über eine App per Smart-Phone oder Tablet steuerbar. Der betreuende Professor Sebastian Dörn kommentiert die Innovation mit dem Satz: „Die Prothese ist absolut alltagstauglich und könnte Patienten eine Alternative zu bisherigen Prothesen sein.“

Das Projekt zeige, „dass wir Ingenieure ausbilden, die medizinische Fragestellungen und die Digitalisierung vereinbaren können“.  Dörn: „Unser Medizintechnik-Studiengang geht damit in die richtige Richtung, ist praxisnah und anwendungsorientiert.“

Hightech für die Zukunft

Das kam auch bei der Auszeichnung der besten Bachelor-Studierenden des Grundstudiums 2019/20 zum Ausdruck. Die Preise der Kreissparkasse für die besten Projektarbeiten gingen an Lena Burger (Werkstofftechnik) und Marlen Schmidtmann (Mechatronik). Vorstandschef Waizenegger: „Sie und alle Absolventen sind so wertvoll für die Region, um Hightech in der Zukunft und den strukturellen Wandel zu gestalten.“

„Struktureller Wandel“: Der ist für die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg anscheinend immer wieder eine Herausforderung. „Hol‘ Dir Deinen Job!“ heißt es etwa am Zaun von Chiron. Was für den global aufgestellten Maschinenbauer gilt, gilt für die vielen Medizintechnik-Firmen ringsum erst recht.

„Wir bekommen zwar nicht so viele Bewerbungen von jungen Leuten wie wir vielleicht in Hamburg oder Berlin bekämen, aber wir bekommen sie“, sagt Julia Steckele, eine der Geschäftsführerinnen der Medical-Mountains GmbH. Über die Qualität der Neuen könne sie sich nicht beschweren, und das habe auch einen ganz speziellen Grund: „Wir haben halt erstklassige Firmen hier.“

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Reinold Rehberger
– 27. November 2020