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Kreissparkasse Tuttlingen /Interview
„Ländliche Bescheidenheit ist ein Erfolgsfaktor"
Wie sich 100 Unternehmen, eine Hochschule und ein Geldinstitut für die Medizin engagieren, erklärt Markus Waizenegger, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Tuttlingen.

Herr Waizenegger, mit Tuttlingen verkörpert die sogenannte Welthauptstadt der Medizintechnik doch eher ländliche Bescheidenheit. Ist das gegenüber den großen, urbanen Zentren von Nachteil?

Markus Waizenegger: Ganz im Gegenteil. Tuttlingen und die Region hat sich über viele Jahrzehnte hinweg zum größten Med-Tec Cluster entwickelt. Die Strukturen haben sich hier immer weiter auf die Entwicklung und die Herstellung von Medizintechnik und auch allen angeschlossenen Dienstleistungen angepasst und spezialisiert.

Mehrere Hundert kleine und mittelständische Unternehmen sowie die Global Player der Branche finden dadurch hervorragende Rahmenbedingungen vor und bilden ein weltweit einzigartiges Kompetenzzentrum für die Medizintechnik. So haben wir uns auf nationaler als auch internationaler Ebene einen Namen im Gesundheitswesen erarbeitet. Unsere, wie Sie es nennen, „ländliche Bescheidenheit“ ist also vielleicht sogar ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Wie sieht es mit den Fachkräften aus, auf die die Medizintechnik angewiesen ist?

Waizenegger: Als Hausbank des Mittelstands in der Region bin ich sehr oft persönlich in den Unternehmen vor Ort. Gemeinsam sprechen wir über die unternehmerischen Chancen und Perspektiven. Und ein Thema, das uns dabei tatsächlich sehr häufig begegnet, ist der Fachkräftemangel.

Gute Chirurgiemechaniker werden nach wie vor sehr gesucht. Die Unternehmen bilden ihren Nachwuchs daher konsequent selber aus – auch und gerade, um den hohen Anspruch an Know-how und Qualität sicherstellen zu können.

Ingenieure müssen die Unternehmen natürlich über den Arbeitsmarkt und Kooperationen mit Hochschulen gewinnen. Der hervorragende Ruf der Medizintechnik-Unternehmen und gute Gehaltsmöglichkeiten sind sicherlich gewisse Vorteile gegenüber anderen Branchen.

„Als Hausbank des Mittelstands in der Region bin ich sehr oft persönlich in den Unternehmen vor Ort. Gemeinsam sprechen wir über Chancen und Perspektiven.“

Markus Waizenegger, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Tuttlingen


Und die kommen dann auch alle gerne nach Tuttlingen?

Waizenegger: Natürlich steht der Landkreis Tuttlingen bei der Gewinnung von Fachkräften in Konkurrenz zu anderen attraktiven Ballungs- und Wirtschaftsräumen. Die Medizintechnik hat sich in den letzten Jahren immer stärker zu einer, auch für junge Menschen, sehr attraktiven Branche entwickelt. Wenn die Entscheidung für die Medizinbranche getroffen wurde, ist Tuttlingen  ein relevanter Standort, da hier die führenden Unternehmen mit den entsprechenden Arbeitsplätzen angesiedelt sind.

Aber nur auf eine gewisse Leitwirkung darf man nicht vertrauen. Um junge, an Medizintechnik interessierte Menschen in die Region zu holen, wurde bereits vor über zehn Jahren der Hochschulcampus Tuttlingen gegründet. Derzeit studieren mehr als 600 Studentinnen und Studenten in Tuttlingen. Durch das Studium und den gemeinsamen Austausch haben die jungen Menschen bereits früh Kontakt zu den ansässigen Unternehmen – rund zwei Drittel bleiben nach ihrem Abschluss dann in der Region.

Der Campus scheint eine Art Turbo für die Branche und die Region zu sein?

Waizenegger: Ja, das kann man sicherlich so sagen. Der Hochschulcampus Tuttlingen ist für den gesamten Industriestandort von großer Bedeutung. Die Expertise und Themenvielfalt kommen dabei nicht nur den Fach- und Nachwuchskräften von morgen zugute. Durch den gemeinsamen Austausch entstehen für alle Seiten wertvolle Synergien. Diese haben uns in den vergangenen zehn Jahren als Wirtschaftsstandort nochmals deutlich nach vorne gebracht und werden das auch in den kommenden Jahren.

Das deutschlandweit in dieser Form einzigartige Konzept der privat-öffentlichen Partnerschaft, zeigt eindrucksvoll den Unternehmergeist und die Flexibilität unserer gesamten Region. Wir freuen uns, als Kreissparkasse Tuttlingen, von Anfang an Teil dieser bundesweit einmaligen Kooperation aus Hochschule, Stadt und Landkreis sowie über 100 Unternehmen zu sein. Der Hochschulcampus ist uns wichtig, daher engagieren wir uns über den Förderverein als einer der größten Sponsoren neben dem Landkreis und anderen großen Unternehmen.

Was können Sie mit diesem Engagement bewirken?

Waizenegger: Wir haben durch unser Engagement über die Jahre hinweg eine ganz enge Bindung zum Hochschulcampus aufgebaut. Und auch unsere Beziehungen zu den beteiligten Unternehmen haben sich nochmals intensiviert. Wir nehmen wahr, wie der Campus die Stadt Tuttlingen und die Region sehr positiv beeinflusst. Und wir als Kreissparkasse sehen es eben auch als Teil unserer Aufgabe an, die Strukturen vor Ort aktiv zu fördern und mitzugestalten.

Die Gründung des Campus hat etwas auf sich warten lassen.

Waizenegger: Wir alle waren uns damals bei den ersten konzeptionellen Gesprächen zum Hochschulcampus Tuttlingen natürlich schnell einig: Wir müssen in Bildung und Lehre direkt in unsere Region investieren. Wir wollten eine Hochschule ganz nah an den Bedürfnissen der hiesigen Betriebe und Strukturen.

Aber natürlich saßen dann unterschiedliche Player an einem Tisch. Da braucht es eine gute Abstimmung und eine gute Kommunikation. Und natürlich musste auch erstmal die Finanzierung sichergestellt und Sponsoren gewonnen werden.

Sparkassen-Forum der Kreissparkasse Tuttlingen an der Bahnhofstraße.


Und das funktioniert jetzt?

Waizenegger: Absolut. Der Hochschulcampus in Tuttlingen steht für eine Erfolgsgeschichte und ist eine der bedeutendsten Errungenschaften für unsere Region im letzten Jahrzehnt. Die Kooperation aus Landkreis, Hochschule und Unternehmen hat sich hervorragend eingespielt. Und sie hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass sich die Unternehmen untereinander noch besser vernetzt haben und ihre Kräfte, da wo es sinnvoll ist, stärker bündeln.
 

Inwiefern erleichtert das den Marktauftritt?

Waizenegger: Nehmen wir nur das Beispiel MDR – die europäische Medizinprodukte-Verordnung. Alle spüren, dass man hier nur gemeinsam etwas erreichen kann. Der Verbraucherschutz ist vor allem in der Medizintechnik natürlich sehr wichtig.

Eine zu enge Auslegung und praxisfremde Regelungen können aber auch dazu führen, dass die Unternehmen in ihren Produktinnovationen gebremst werden und sich auf andere Märkte konzentrieren. Es ist wichtig, dass die führenden Medizinunternehmen hier mit einer Stimme sprechen.

Wie ist das Verhältnis der Kreissparkasse zu den Unternehmen?

Waizenegger: Anders als andere Banken haben wir es von Anfang an so gehalten, dass bei uns der Vorsitzende des Vorstands für den Vertrieb verantwortlich ist und damit auch direkter Ansprechpartner vieler Unternehmen in der Region ist. So haben das bereits meine Vorgänger praktiziert. Wir sind dadurch sehr eng an den Unternehmen dran und diskutieren mit den Kunden kontinuierlich die branchenspezifischen Herausforderungen.

Unser Know-how befähigt uns natürlich auch, die Unternehmen und die wirtschaftlichen Strukturen mit einer aktiven Kreditpolitik zu unterstützen. Schaut man auf die Region, erkennt man die sehr stark mittelständisch geprägte Wirtschaftsstruktur. Wir sind mit dem Landkreis Tuttlingen ein geografisch eher kleiner Landkreis.

Eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Unternehmen, besonders aus der Automobilzulieferer- und Medizintechnikbranche, führen zu einer hohen Wirtschaftsdichte. Wenn man ins Kreditportfolio schaut, so findet sich diese Struktur und unser gutes Verhältnis zu unseren Unternehmen auch 1:1 in der Bilanzstruktur der Kreissparkasse wieder: Zwei Drittel der Kredite sind Kredite an mittelständische Unternehmen.

 

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Reinold Rehberger
– 20. November 2020