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Spanien
Smartes Geld für Lebrija
Der Bürgermeister einer südspanischen Kleinstadt führt eine Digitalwährung ein. Das soll die lokale Wirtschaft beleben und Pleiten abwenden.

José Benito Barroso ist 48 Jahre alt, Sozialdemokrat und Bürgermeister der spanischen Kleinstadt Lebrija in der andalusischen Provinz Sevilla. Andalusien gilt als eine der korruptesten und ärmsten Regionen des Landes. Da fällt es nicht leicht, Barroso zu glauben, er suche mithilfe einer digitalen Währung den Weg zu mehr Transparenz.

Barroso sagt, er wolle verhindern, dass die Armut in Lebrija weiter zunimmt. Daher führte er in der 30.000-Einwohner-Stadt im Januar den Elio ein, eine digitale Währung, die nach einem großen Sohn der Stadt benannt ist. Der Humanist Elio Antonio de Nebrija ließ 1492 eine kastilische Grammatik drucken, die erste einer romanischen Sprache überhaupt.

José Benito Barroso, Bürgermeister von Lebrija, will mithilfe einer digitalen Währung Transparenz schaffen und die Armut bekämpfen.

Momentan geht es in Lebrijas Stadtregierung um die Belebung der lokalen Wirtschaft: „Aber langfristig wollen wir damit auch zusammen mit dem Unternehmerverband APYME andere lokale Subventionen steuern“, sagt Barroso über seine Digitalwährung. Ein Elio hat die Kaufkraft von einem Euro.

Barrosos Partei PSOE hat zwar über Jahrzehnte in Andalusien Vetternwirtschaft betrieben und öffentliche Gelder veruntreut. Dennoch hat der Bürgermeister bei diesem Projekt auch die Opposition auf seiner Seite.

Lebrija, Kleinstadt im Süden Andalusiens, eine der ärmsten Regionen in Spanien.

Die Investition in das „intelligente Geld“ sei relativ günstig gewesen. 12.000 Euro habe den Steuerzahler die APP-Entwicklung und die Implementierung des Systems gekostet: „Und die neue Währung ist gekommen, um zu bleiben“, sagt vollmundig Miguel Marín, Chef der lokalen Unternehmervereinigung APYME.

Marín sieht in der Digitalwährung auch ein Möglichkeit, die Bevölkerung des spanischen Agrarlands schneller an die Digitalwirtschaft zu gewöhnen und langfristig neue Jobs zu schaffen.

Die Arbeitslosigkeit liegt umständehalber derzeit bei fast 23 Prozent. Auch ohne Corona ist der Jobmarkt sehr saisonabhängig und die Jugendarbeitslosigkeit hoch.

Andalusische Sparkassen wie die Caja Rural haben eine große Bedeutung. Sie haben es zwar schwer, neben Riesen wie BBVA, Santander und Caixa zu überleben, genießen aber normalerweise mehr Vertrauen beim lokalen Handel.

Lebrija setzt auf den Elio und die lokale Wirtschaft

Viele Geschäfte in Spanien haben 2020 geschlossen. Nach zweieinhalb Monaten hartem Lockdown waren die Schulden nicht mehr zu tragen. Viele Betriebe tragen schwer an hohen Mieten und noch immer an den Folgen der Finanzkrise von 2008.

Auch jetzt haben haben viele Städte im Umland von Lebrija Geschäfte und Restaurants wegen der hohen Inzidenzzahlen erneut geschlossen. Die staatlichen Hilfen reichten vielen nicht.

Filiale der Sparkasse La Caixa Lebrija: Auch ohne Pandemie sieht es im Winter rund um Gibraltar, Sevilla und Cadiz düster aus, weil es außer Landwirtschaft und Tourismus nicht viele Erwerbsmöglichkeiten gibt.

Andere Gastronomen und Einzelhändler in Spanien sind es müde, neue Kredite aufzunehmen, ohne zu wissen, wann die Pandemie wirklich vorbei sein werde. Vielen Geschäftsleuten sitzt die Angst im Nacken, dass weitere Katastrophen folgen könnten. 

Barroso sagt, mit der Einführung von Digitalgeld sei etwas erreicht, was vielen nicht gelinge: „Wir haben den Lokalpatriotismus belebt. Die 600 Haushalte, die von uns Anfang Januar eine einmalige Hilfe zwischen 50 und 200 Elios bekamen, haben drei Monate Zeit, das Geld in unserer Stadt auszugeben.“

Weil die Hälfte der Digitalwährung mit Euros gegenfinanziert werden muss, hofft Barroso, dass die geförderten Haushalte am Ende das Doppelte ausgeben. 64 Unternehmen aus Lebrija machen bei der Initiative bisher mit, zumal keine zusätzlichen Kosten für sie entstehen. Bis zum 31. März läuft das Programm noch, danach sollen weitere virtuelle Beihilfen folgen.

Fahne der Kleinstadt Lebrija: Mit virtuellem Geld versucht der Bürgermeister die wirtschaftliche Not seiner Stadt zu lindern.

Auch Rocio Rubio hat eine Elio-Hilfe bekommen. Die 34-Jährige hat sich entschieden, ein paar Schuhe für ihre kleine Tochter zu kaufen: „Es ist eine gute Sache, weil das Geld hier in unserer Stadt bleibt.“ Rubio glaubt, es sei sinnvoll, solche Hilfen zu steuern.

Der Elio-Handel zeigt sich zufrieden

Auch wenn dieser erste Versuch noch ein Tropfen auf den heißen Stein bedeutet, zeigt sich Maria José Nuñez, Inhaberin eines Modegeschäfts, zufrieden, vor allem, weil es nach dieser Aktion noch weitergeht. 

„Es ist alles sehr einfach“, sagt Nuñez. „Der Kunde sucht uns in der App. Er bezahlt mit Euro und Elio jeweils zu 50 Prozent, wir machen ein Foto von der Rechnung und schicken diese via App an die Gemeinde, die uns den virtuellen Anteil dann in Euro erstattet.“

Hinter der App steht eine regionale Firma, die sich auf lokales virtuelles Geld spezialisiert hat: „Wir helfen Stadt-Regierungen, öffentliche Hilfen besser zu steuern“, erklärt ein Unternehmenssprecher.

In Spanien gibt es bisher nur Pilotversuche dieser Art: „Der Elio ist einer der größten Fortschritte in diesem Bereich“, sagt Lorenzo Fuentesal, Chef von Clickoin. Das andalusische Digitalgeldunternehmen arbeitet mit dem in Sevilla ansässigen Wettbewerber Tier zusammen.   

Die Elio-App soll Stadt-Regierungen helfen, öffentliche Hilfen besser zu steuern.

Es gibt auch Gegenstimmen

Fuentesal sieht große Möglichkeiten, öffentliches Geld durch eine virtuelle Steuerung besser einzusetzen, vor allem im lokalen Bereich: „Wenn wir uns die Gegenwart anschauen, wo alles um uns herum smart ist – Telefone, Autos, Geräte – warum sollte Geld in Zukunft nicht auch intelligent sein?“

Aber gerade in Spanien gibt es es auch Gegenstimmen und Gegner des Projekts. Noch immer werden zwischen 25 Prozent und 40 Prozent des BIPs am Fiskus vorbeigewirtschaftet, wie Schätzungen ergeben.

Das geschieht vor allem in  Gastronomie und Tourismus und besonders in armen Regionen wie Andalusien, wo die Wirtschaft wenig diversifiziert und saisonabhängig ist: „Ich bin gegen virtuelles Geld, weil doch alles am Ende nur darauf hinausläuft, dass wir immer mehr kontrolliert werden“, sagt Unternehmer Jordi Franco Espada, der gerade Lebrija besucht.

Mit digitalem Geld die Schattenwirtschaft reduzieren

Espada ist Katalane und Inhaber des Gitarren-Unternehmens Solera Flamenco. Er organisiert gerade ein Gitarren-Festival in Lebrija. Vom Elio hat er schon gehört, in Geschäften und im Fenster einiger Restaurants hängen Informationen.

„Ich bin gegen die Abschaffung von Bargeld“, sagt Espada. „Jeder würde gerne alles legal machen, aber leider sind die Steuern hier in Spanien zu hoch beziehungsweise die Nettolöhne sind zu gering. Ohne Schattenwirtschaft können viele nicht überleben“, sagt der Gitarren-Unternehmer.

Katalonien gehört zu den reichsten Regionen des Landes, Andalusien zu den ärmsten. Das ist auch in der abgelegenen Provinz von Cadiz deutlich sichtbar und spürbar. Die Fassaden der Häuser brauchen einen neuen Anstrich, viele Menschen hängen auf Plätzen herum und scheinen in Gebäudeeingängen zu leben.

Überall scheint es an staatlichen Investitionen zu fehlen. Auch ohne Pandemie sieht es im Winter rund um Gibraltar, Sevilla und Cadiz düster aus, weil es außer Landwirtschaft und Tourismus nicht viel zu tun gibt.

Smartes Geld – eine Lösung?

Smartes Geld könnte das langfristig ändern. Zwar sehen darin einige Ökonomen eine Form von Protektionismus, aber Initiativen wie der Elio könnten ein Weg sein, politischer Korruption und der in Spanien verbreiteten Schattenwirtschaft ein Ende zu machen.

Wäre das Digitalgeld erfolgreich, bliebe das auch für die Finanzwirtschaft des Landes nicht ohne Folgen. Tech-Experte Fuentesal warnt: „Aus meiner Sicht werden wir bald alle digitales Geld verwenden. Banken und Sparkassen müssen sich anpassen und beginnen, ebenfalls intelligente Zahlungsmittel anzubieten, sonst werden sie obsolet.“

Stefanie Claudia Müller
– 17. Februar 2021