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Währungspolitik
Starker Euro – schwache Weltwährung
Der Euro notiert gegen Dollar auf dem höchsten Stand seit Mai 2018. Das liegt weniger an Eurostärke als an Dollarschwäche. Der EZB-Rat beobachtet die Entwicklung sehr genau.

Noch im März des Jahres galt der US-Dollar als sicherer Hafen. Plötzlich wertete der US-Dollar ab. Nach 1,08 US-Dollar im März/April mussten Mitte September 1,18 US-Dollar für einen Euro gezahlt werden – Ende August sogar bis zu zwei Dollar.

Ähnlich dramatisch hat die US-Valuta gegenüber den meisten wichtigen Währungen abgewertet, was für eine ausgesprägte Dollarschwäche spricht.

Ausschlaggebend für den Wertverfall des Greenback dürfte das Management der Coronakrise sein. Das Virus wurde von der US-Politik zunächst verharmlost. Das verhinderte rechtzeitige Gegenmaßnahmen und hat in den USA zu höheren wirtschaftlichen und sozialen Schäden als in Europa geführt. Aber die heftig wütende Coronakrise war nur der Auslöser der Dollarschwäche. 

US-Militär beim Verteilen von Hilfsgütern an Bedürftige. Die Schwäche der US-Regierung angesichts der Coronakrise gilt als Auslöser für die Dollarschwäche, die allerdings schon zuvor auffällig wurde.

Coronakrise gilt als Auslöser der Dollarschwäche

Rasch fiel der Blick der Dollarinvestoren auf andere erhebliche, schon länger virulente Schwachstellen der US-Wirtschaft, etwa auf das hohe US-Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit. Beide weiten sich immer stärker aus.

Nach Prognosen von Währungsexperten dürften die USA 2020 die höchste Budgetdefizitquote unter den Industrieländern aufweisen. Sollten weitere fiskalische Stützen für coronageschwächte private Haushalte auf den Weg gebracht werden, wird ein Anstieg des Haushaltsdefizits auf mehr als 20 Prozent des Bruttoinlandprodukts erwartet.

Bedeutsam für die Entwicklung des Dollars war aber vor allem die neue Strategie der US-Notenbank Fed. Sie hat ihren Leitzins – auch coronahalber – gegen null Prozent gesenkt, nach bis zu 1,75  Prozent in 2019.

Die USA bräuchten ein Sparprogramm

Das schmälert die Renditen und das Interesse internationaler Anleger und schwächt die Nachfrage nach dem US-Dollar, der lange Zeit – neben dem Kanada-Dollar – die am höchsten verzinste G-10-Währung war. Der Zinsvorteil ist passé. Die Politik niedrigster Zinsen mag das Tragen hoher Schulden erleichtern, nachhaltiger wären ein Sparprogramm oder eine höhere Inflation.

Ein Inflation soll aber im Rahmen der Fed-Strategiewende nur „moderat“ ausfallen. Auf dem diesjährigen virtuellen Treffen der Notenbanker in Jackson Hole Ende August verkündete Fed-Präsident Jerome Powell, dass eine Punktlandung auf dem Inflationsziel von zwei Prozent nicht mehr angestrebt werde.

Zwar sieht sich die Fed weiterhin der Sicherung maximaler Beschäftigung und der Preisstabilität verpflichtet. Allerdings wird die Inflationsmarke von zwei Prozent künftig nur noch als durchschnittlicher Wert betrachtet. Das heißt, die Fed wird auch dann eine höhere Inflation zulassen, wenn die Zweiprozentmarke zuvor über einen längeren Zeitraum unterschritten wurde.

Das passiert schon seit Längerem. Seit Anfang 2019 summiert sich die Abweichung vom Ziel auf acht Prozentpunkte. Um diese wieder auszugleichen, müsste nach Berechnungen von „Finanz und Wirtschaft“ die Inflation laut Expertenmeinung 16 Monate hintereinander bei 2,5 Prozent liegen, bevor die Fed die Zinsen erhöht.

Fed wird ein Überschreiten des Inflationsziels tolerieren

In den USA wird das Inflationsziel also künftig nur noch als langjähriger Durchschnitt gesehen. Experten folgern daraus, dass die US-Notenbank ein „Überschreiten des Inflationsziels nicht nur tolerieren, sondern auch anstreben“ wird.

Das erlaubt eine längere expansivere Geldpolitik, die den Zins niedrig hält, was die Nachfrage nach dem Greenback schwächt. Niedrige Zinsen fordert seit geraumer Zeit auch US-Präsident Donald Trump; das verdeutlicht auch eine verstärkte politische Einflussnahme auf die Fed.

Doch neben wichtigen Entwicklungen, die den Dollar schwächen, gibt es auch solche, die den Euro stärken. So stößt der 750-Milliarden-Euro-Wiederaufbauplan für die europäische Wirtschaft international auf positive Resonanz.

Der Plan ist verbunden mit dem Schritt in Richtung Euro-Bonds-Anleihen, für die keine einzelnen Länder, sondern die Staaten der Währungsunion gemeinsam haften. Damit verringert sich das Risiko, dass die EZB mithilfe expansiver Geldpolitik den Euro-Währungsraum auf Dauer zusammenhalten muss.

Laut Bert Rürup, ehemaliges Mitglied des Sachverständigenrats, ist damit sogar eine zentrale Voraussetzung geschaffen worden, dass der Euro sich zu einer Weltwährung entwickeln kann. Rürup sieht die Möglichkeit, dass Zentralbanken außerhalb der Eurozone bald Anleihen der EU als Reserven halten.

Weltwährung Euro, warum nicht? Bert Rürup, ehemaliger Wirtschaftsweiser, sieht die Möglichkeit, dass Zentralbanken außerhalb der Eurozone bald Anleihen der EU als Reserven halten.

Der Euro auf dem Weg zur Weltwährung?

Gute Aussichten also für den Euro und die Importeure im Euroland, die dann währungsbedingt billiger im Dollarraum einkaufen können. Doch für Exporteure beeinträchtigt ein aufwertender Euro die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Güter und Dienstleistungen.

„Unsere Branche wird dies auch mit Blick auf die ohnehin angespannte wirtschaftliche Situation zu spüren bekommen“, sagt Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Verbands deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).

Betroffen sind auch Unternehmen der Auto- und Industriebranche, besonders wenn sie nicht selbst im Dollarraum produzieren, sondern aus dem Euroraum wie vor allem mittelständische Unternehmen.

Vieles deutet darauf hin, dass sich das Wechselkursrisiko Euro/Dollar weiter verschärfen und länger andauern könnte. So rechnen einige Devisenstrategen zum Jahresende mit 1,21 und für Ende des nächsten Jahres mit 1,24 US-Dollar für den Euro.

Der hohe Eurokurs beeinflusst indirekt die europäische Geldpolitik, sagt EZB-Chefin Christine Lagarde.

EZB könnte als Reaktion ihre Geldpolitik noch weiter lockern

Allerdings betrachtet auch die EZB diese Entwicklung des Euro mit Argwohn. Zwar ist Währungspolitik Sache der Regierungen, doch EZB-Chefin Christine Lagarde sagte Anfang September, der relativ hohe Eurokurs spiele indirekt eine Rolle bei der Geldpolitik, weil er Einfluss auf die Preise habe.

Auf seiner jüngsten Sitzung konnte sich der EZB-Rat allerdings nicht auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik einigen. Namhafte Volkswirte rechnen aber damit, dass dies zur Jahreswende passieren könnte, zumal es im Rat Stimmen gibt, die Entsprechendes fordern. 

So signalisierte EZB-Chefvolkswirt und Ratsmitglied Philip Lane, dass die EZB die von ihr kritisch beäugte Euro-Aufwertung in ihrer Politik berücksichtigen könnte. Und Robert Holzmann, österreichischer Notenbankchef und EZB-Ratsmitglied, mahnt, „wenn der Euro zu stark würde, könnte das auch die Entwicklung der hiesigen Wirtschaft beeinträchtigen. Wir beobachten diese Entwicklung ganz genau.“

Dieter W. Heumann
– 16. September 2020