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Chancengleichheit / Porträt
Die Frauenversteherin
Mit „BeWoman“ hat Annett-Katrin Wohlgemuth bei der BW-Bank ein Projekt gestartet, um die finanzielle Sicherheit von Frauen zu verbessern.

Offene Ansagen können große Vorteile haben. „Machen Sie mal was für Kundinnen!“ Als Annett-Katrin Wohlgemuth Ende 2018 diesen Auftrag von einem Vorstand der BW-Bank bekam, schreckte sie die doch recht allgemein gehaltene Formulierung keinesfalls.

Im Gegenteil. Beherzt machte sich die Projektmanagerin der LBBW-Tochter ans Werk, lud 200 Privatkundinnen und Mitarbeiterinnen zu einem Barcamp ein. „In offenen Workshops haben wir gemeinsam Schwerpunktthemen entwickelt, selbst der Projektname stand am Ende eines Tages“, erinnert sich die gebürtige Erfurterin. Schon wenige Monate später, im Sommer 2019, startete das Projekt „BeWoman“, das Mitarbeiterinnen bei LBBW und BW-Bank vorantreiben, neben ihrem eigentlichen Job.

Sie alle verfolgen dieselben Ziele. „Wir wollen kompetente Beratung von Frauen für Frauen in allen Lebensphasen und Lebensperspektiven anbieten, eine Plattform für Services und Dienstleistungen bereitstellen, einen Mehrwert schaffen durch ein außergewöhnliches Netzwerk und die Außenwahrnehmung der Bank als attraktive Bank für Kundinnen steigern.“

Zustand passt nicht mehr in die Zeit

Als „Wegbegleiterin für Frauen zu finanzieller Sicherheit, Freiheit und Teilhabe an finanziellen Chancen“ will „BeWoman“ einen Zustand ändern, der eigentlich gar nicht mehr in die Zeit passen dürfte. Das Vermögen der Frau wird durch die Eheschließung der Verwaltung ihres Mannes unterworfen. So wollte es der Gesetzgeber. Bis 1958. Seitdem hatten die Frauen mehr als 60 Jahre lang Zeit, um zu lernen, wie man das Geld selber mehrt. Das hat offenbar nicht gut geklappt.

Noch immer hängen Frauen bei der finanziellen Teilhabe hinterher.

„Wir setzen deshalb schon bei den Schülerinnen und Schülern an, um möglichst früh für das Thema Finanzen zu sensibilisieren“, sagt Wohlgemuth. Für Stuttgarter Schulen haben sie und ihre Mitstreiterinnen ein interaktives, hybrides Workshop-Konzept entwickelt. In fünf Modulen geht es um Finanzthemen wie Gehalt, Geldanlage, Versicherungen. Mit von der Partie sind in den Unterrichtseinheiten auch die beiden Gründerinnen des Stuttgarter Start-ups Bill.less, die einen digitalen Kassenbon entwickelt haben.

„So wollen wir gleichzeitig zum Gründen motivieren. Außerdem ist es wichtig, dass Mädchen Role Models sehen.“ Eine reine Frauenveranstaltung soll das Schulprojekt keinesfalls sein. Es nimmt immer die gesamte Klasse teil. Und auch bei den Referenten wird auf die Quote geachtet.

Darüber hinaus lädt „BeWoman“ zu Veranstaltungen ein, vernetzt sich mit anderen Frauen-Netzwerken und bietet zusammen mit einem Mint-Mentoring-Programm Online-Kurse zur Finanzbildung an. In Kürze soll die Landingpage des „BeWoman“-Projekts in der Internet-Filiale der BW-Bank an den Start gehen. Via Podcasts, Intranet und Newslettern wird das Thema bankintern gepusht. Auf einem digitalen Neujahrsempfang ging es um Digitalisierung, im März 2020 veranstaltet „BeWoman“ einen Frauenkongress rund um Finanzthemen.

„Beruf und Familie schließen sich keineswegs aus“, sagt Annett-Katrin Wohlgemuth.

Was Wohlgemuth jungen und auch älteren Frauen mit auf den Weg gibt, hat sie selbst schon früh beherzigt. Aufgewachsen in Thüringen, als Tochter einer immer berufstätigen Mutter, war für sie früh klar: „Beruf und Familie schließen sich keineswegs aus.“ Wohlgemuth studierte Deutsch und Geschichte und schloss mit dem Diplom ab. Kurz danach kam die Wende.

Statt wie geplant Lehrerin zu werden, machte die junge Frau einen Cut und sagte sich: „Ich muss jetzt mal Geld verdienen!“ Bei der Hypo in Nürnberg und Leipzig, bei der Dresdner Bank und schließlich seit 1997 bei der BW-Bank in Stuttgart sammelte sie breite Erfahrungen, in der Kreditabteilung, in der Baufinanzierung, als Vermögensmanagerin und Marktbereichsleiterin. „Für unser Projekt ist es wichtig, wirklich alle Kundengruppen im Blick zu haben.“

Beim Thema Frauen in Führungspositionen sieht Wohlgemuth noch großen Nachholbedarf.

Für deutlich ausbaufähig hält die Projektleiterin das Thema Frauen in Führungspositionen, das aktuell wegen der geplanten Quote für Frauen in Vorständen wieder mal für Schlagzeilen sorgt. Noch in dieser Legislaturperiode will der Gesetzgeber börsennotierte und paritätisch mitbestimmte Unternehmen mit einem mehr als dreiköpfigen, rein männlichen Vorstand verpflichten, bei Neubesetzungen eine Frau zu bestellen.

Sparkassen, deren Frauenquote in den Vorständen laut einer Erhebung der Barkow Consulting aktuell bei 5,8 Prozent liegt, sind von dieser Regelung allerdings ausgenommen. (Die SparkassenZeitung hatte im November eine eigene Recherche zum Thema veröffentlicht.)

LBBW und BW-Bank erfüllen Quoten

Umso mehr freut sich Wohlgemuth, dass beide Institute – LBBW und BW-Bank – die Regel ohnehin erfüllen. Seit 2005 sitzt Claudia Diem im aktuell dreiköpfigen Vorstand der BW-Bank, und mit Stefanie Münz zog Anfang des Jahres erstmals eine Frau in den Konzernvorstand der Landesbank ein. Sie wird das neu geschaffene Finanzressort übernehmen und beweist damit, dass Frauen nicht nur Personal und Recht können.

Dabei sollte es nicht bleiben, findet Wohlgemuth. „Um die digitale Komplexität zu bewältigen, müssen die Führungsetagen viel diverser werden. Wir brauchen Manager, die sich unterscheiden, beim Geschlecht, Alter, bei der Herkunft und in ihren Lebensformen.“

„Unternehmen würden ein starkes Zeichen setzen, wenn sie mehr Führungspositionen in Teilzeit anbieten würden“, sagt Annett-Katrin Wohlgemuth.

Als alleinerziehende Mutter einer heute 17-jährigen Tochter und eines 16-jährigen Sohnes hat sie sich trotz Unterstützung ihres Arbeitgebers oft genug gewünscht, dass alternative Lebenskonzepte stärker berücksichtigt werden, und findet, dass alle Unternehmen, nicht nur die Banken, ein starkes Zeichen setzen würden, wenn sie explizit auch mehr Führungspositionen in Teilzeit anbieten würden. (Die Versicherungskammer ist hier ein gutes Beispiel.)

Um Frauen zu stärken, geht Wohlgemuth nicht nur beim Job mit gutem Beispiel voran. Jüngst hat sie das Sozialunternehmen AFQ Alleinerziehende Finanzqueen gegründet. „Alleinerziehende Mütter sollen auf einer Plattform im Netz auf einen Blick sehen, wo sie welche Unterstützung bekommen können, sei es beim Staat, bei Beratungen oder auch im Gesundheitswesen.“

Wenn Wohlgemuth mal einen freien Kopf bekommen möchte, dann geht sie zum Kickboxen. Und ab und an greift sie zur Stricknadel. Typisch Mann? Typisch Frau? Für Wohlgemuth spielt das keine Rolle.

Hier lesen Sie einen Kommentar zum Thema Gendererechtigkeit.

Eli Hamacher
– 1. Februar 2021