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Gamestop
Für Kleinanleger nicht empfehlenswert
Private US-Investoren organisieren sich in Internetforen, um gegen Hedgefonds zu spekulieren. Leerverkäufer erleiden Verluste von mehr als 20 Milliarden US-Dollar. Experten von Deka und Landesbanken warnen allerdings vor derlei Spekulationen. Anleger sollten sich besser am fundamentalen Research der Landesbanken und Sparkassen ausrichten.

Das wichtigste in Kürze  

Es ist ein Novum in der Börsengeschichte: Erstmals haben Kleinanleger in einer konzertierten Aktion in den USA milliardenschwere Hedgefonds in Bedrängnis gebracht.

Ein Ereignis, das weitreichende Konsequenzen haben könnte: „Hedgefonds erleben erstmals, dass es sehr riskant für sie sein kann, Leerverkäufe zu tätigen“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank.

Dies könnte dazu führen, dass Hedgefonds-Manager künftig sehr viel genauer überlegen, in welchen Fällen es für sie sinnvoll sei, als Shortseller zu agieren, so der Deka-Chefvolkswirt.

Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen Kleinanlegern und Profiinvestoren steht die US-Handelskette Gamestop mit 7500 Filialen in den USA, Australien und vielen europäischen Ländern, darunter auch Deutschland.

Gamestop
Gamestop-Läden gibt es auch in Deutschland. Doch das Geschäftsmodell gilt als wacklig, Gamer laden sich ihre Spiele mittlerweile im Internet herunter.

Befeuerte Kurskapriolen eines Spielehändlers

Gamestop vertreibt Computerspiele, ein Geschäftsmodell, an dessen Erfolgsaussichten viele Investoren zweifeln. Studien zeigen, dass Computerspiele meist über das Internet heruntergeladen und nicht im stationären Handel erworben werden.

Die Gamestop-Aktie ist deshalb von 2015 bis zum Spätherbst vergangenen Jahres um 89 Prozent auf 4,75 US-Dollar eingebrochen. Seither ist ihr Kurs allerdings förmlich explodiert. Mehr als 347 US-Dollar kostete ein Papier Ende Januar. Die Notierung erreichte damit ein Niveau, das 458 Prozent oberhalb des einstigen Höchststands von 62,11 US-Dollar im Jahr 2007 lag.

Der Grund für die Kurskapriole: Zehntausende Kleinanleger haben sich im Online-Finanzforum WallStreetBets, Teil der Diskussionsplattform Reddit, verbündet, um Hedgefonds den Kampf anzusagen.

Hedgefonds hatten seit Beginn der Coronapandemie zunehmend Gamestop-Aktien leerverkauft, um deren Kurs zu drücken. Wegen der in zahlreichen US-Bundesstaaten, Australien und Europa verhängten Corona-Lockdowns sahen Hedgefonds-Manager Gamestop von der Insolvenz bedroht.

Rechnung der Leerverkäufer ging nicht auf

Bei Leerverkäufen oder Short Selling leihen sich Investoren Aktien eines Unternehmens und veräußern diese an der Börse in der Hoffnung, sie bei fallenden Kursen später günstiger wieder zurückzukaufen. Die Differenz aus dem Verkaufs- und dem späteren Rückkaufspreis streichen Leerverkäufer als Gewinn ein.

Bei Leerverkäufen oder Short Selling leihen sich Investoren Aktien eines Unternehmens und veräußern diese an der Börse, in der Hoffnung, sie bei fallenden Kursen später günstiger wieder zurückzukaufen. Bei der Gamestop-Aktie ging das nach hinten los.

Doch die Rechnung ging nicht auf. „Kleinanleger haben sich gegen die Hedgefonds verbündet“, sagt Volker Sack, Leiter Corporate Research bei der NordLB. Über WallStreetsBets haben sie sich zusammengefunden und gemeinsam Gamestop-Aktien erworben, um deren Börsennotierung in die Höhe zu treiben.

Dies zwang die Hedgefonds, die zuvor leer verkauften Papiere zurückzuerwerben, was den Aktienkurs nach oben trieb – und weitere Hedgefonds zu Rückkäufen auf extrem hohen Kursniveau weit über dem früheren Verkaufspreis zwang.

Nach Berechnungen des New Yorker Analysehauses S3 Partners addierten sich die Verluste der Leerverkäufer bis Freitag, 29. Januar, auf mehr als 20 Milliarden US-Dollar. „Die Hedgefonds bekamen ihre Grenzen aufgezeigt“, sagt Sack.

Privatanleger entdecken ihre Marktmacht

Dass Privatanleger in den USA zu einem Machtfaktor an den Finanzmärkten werden, hat sich seit geraumer Zeit abgezeichnet. Börsen-Internetforen finden immer mehr Zulauf. WallStreetBets habe inzwischen mehr als sieben Millionen Mitglieder, sagt Manuel Andersch, Senior Economist der BayernLB.

„Darunter sind auch ehemalige Wall-Street-Manager, die in ihren Posts profunde Analysen bieten“, sagt Andersch. Einige dieser Foren-Experten scharten große Gruppen von Anlegern um sich.

Dieter Münchow, Senior Analyst und Experte für Behavioral Finance der BayernLB, erläutert: „Wer auf Internet-Foren viele Follower hat, kann mit Empfehlungen großes Interesse an Einzelwerten oder sogar einen selektiven Herdentrieb auslösen und starke Kursbewegungen hervorrufen, die phasenweise auch losgelöst von der Geschäftsentwicklung oder der Bewertung eines Unternehmens einsetzen können.“

Zudem haben Onlinebroker wie Robinhood Anfang 2020 ihre Gebühren auf Null gesenkt und finanzieren sich seither durch den Verkauf von Informationen über Nutzeraufträge an Hochfrequenz-Trader und dem Margin Lending, dem Stellen von Sicherheitsleistungen bei Kontraktgeschäften.

Darüber hinaus habe auch die Coronakrise zu verstärkter Aktivität von privaten Anlegern an den US-Börsen geführt, sagt Münchow. „Inzwischen beeinflussen Kleinanleger rund ein Viertel des Geschehens am US-Aktienmarkt.“

Plattform Robinhood konzertiert Aktionen von Kleinanlegern

Internetforen und Trading-Plattformen wie Robinhood hätten „mit der Möglichkeit für schnelles, kostenloses Handeln einen neuen Faktor am Kapitalmarkt geschaffen“, sagt Dekabank-Chefvolkswirt Kater. „Eine Armee von Kleinanlegern kann sich für spekulatives, kurzfristiges Trading organisieren.“

Kann keinen Aktionismus an den Börsen empfehlen: Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater.

Einige Experten erwarten, dass es weitere konzertierte Aktionen von Privatanlegern geben wird – auch in Deutschland: „Kleinanleger haben erfahren, dass sie mit ihrem Kapital Einfluss auf den Markt nehmen und den großen Akteuren Paroli bieten können“, sagt Ökonom Andersch. „Das dürfte keine Eintagsfliege bleiben.“

Hingegen sieht Kater keinen neuen Trend: „Viele Soldaten in der Armee der Kleinanleger werden sehr viel Geld verlieren“, sagt der Dekabank-Chefvolkswirt. US-Analysten halten die Gamestop-Aktie auf dem Ende Januar erreichten Kursniveau für massiv überbewertet und prognostizieren einen massiven Kurseinbruch in der Zukunft.

Unter den Kleinanlegern, die gegen die Hedgefonds zu Felde ziehen, finden sich auch politisch motivierte Akteure, die mit der Aktion Leerverkäufe unterbinden wollen. Dafür sei der Aktienmarkt jedoch der falsche Ort, sagt Kater.

Kater: Börsen-Aktionismus wird für viele Kleinanleger zu teuer

„Wer das Short Selling verbieten will, wird erkennen, dass dies nur auf dem politischen Weg über die Parlamente möglich ist, nicht aber durch Aktionismus an den Börsen, weil dies für zu viele Beteiligte zu teuer würde“, sagt der Deka-Chefvolkswirt.

Grundsätzlich seien solche Aktionen nur für extrem risikobereite Spekulanten geeignet, die viel Zeit für die Analyse einzelner Werte haben, sagt Kater: „Anleger, die solide ihr Vermögen mehren wollen, sollten hingegen in Aktien von Unternehmen investieren, die über langfristige Ertragskraft verfügen oder ihr Kapital dafür einem Fonds anvertrauen.“

Anleger sollten nicht dem Raunen in Internetforen folgen, sagt auch NordLB-Researcher Sack. „Sie sollten ihre Anlageentscheidungen vielmehr am fundamentalen Research der Landesbanken und Sparkassen ausrichten.“

 

Weitere Infos zum Thema auf s.de: 
Das Phänomen Gamestop: David gegen Goliath?

Richard Haimann
– 8. Februar 2021