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Digitalisierungsindex 2020 / SVWL
Digitaler Nachholbedarf
Bei kleinen und mittleren Unternehmen in Nordrhein-Westfalen sei noch kein Corona-Digitalisierungsschub erkennbar, stellt der Sparkassenverband Westfalen-Lippe in einer Studie fest und empfiehlt Sparkassen als Finanzpartner.

Die kleinen und mittleren Unternehmen in Nordrhein-Westfalen treten bei der Digitalisierung weiterhin auf der Stelle, kritisiert der Sparkassenverband Westfalen-Lippe (SVWL) in seinem Digitalisierungsindex 2020. Der Verband hatte die repräsentative Studie bei der Fachhochschule des Mittelstands Bielefeld (FHM) in Auftrag gegeben.

Demnach erreichen mittelständische Betriebe auf einer Maximalskala von zehn Punkten im Durchschnitt lediglich einen Indexwert von 4,2 Punkten. Im Vergleich zur vorigen Untersuchung von 2018 sei keine Weiterentwicklung festzustellen.

Jedes vierte Unternehmen (25,3 Prozent) ist als eher nicht digitalisiert zu bezeichnen. Auch der vermutete Digitalisierungsschub wegen der Pandemie sei bislang ausgeblieben.

Digitalisierungsgrad je nach Branche unterschiedlich

Die Fachhochschule hat den Index in diesem Jahr für acht Branchen ermittelt. Die industrienahen Dienstleistungen erreichen 5,1 Punkte, die Branche Energie/Wasser/Abwasser/Entsorgung 4,9 Punkte und damit die vergleichsweise höchsten Werte.

Das Sozial- und Gesundheitswesen kommt auf einen Indexwert von 4,31 Punkten, der Handel erreicht 4,08 Punkte. Der Digitalisierungsstand in der Gastronomie/Hotellerie und im Handwerk mit Indexwerten von 2,5 und 2,8 sei eher gering.

Auch Baugewerbe und Industrieunternehmen kommen lediglich auf Werte von 3,6 und 3,7 Punkten. Die Unternehmen begründen diese Entwicklung mit einer aus ihrer Sicht unausgeglichenen Kosten-Nutzen-Bilanz. Jedes fünfte Unternehmen gibt an, die Kosten für die Digitalisierung seien zu hoch und ein Mehrwert nicht zu erkennen.

SVWL-Präsidentin Prof. Liane Buchholz: „Die Unternehmen müssen jetzt digital werden, das ist die Lehre aus der Coronapandemie.“

SVWL-Präsidentin Buchholz: Abwarten nicht empfehlenswert

„Die Unternehmen müssen jetzt digital werden, das ist die Lehre aus der Coronapandemie“, erklärte Professorin Liane Buchholz, Präsidentin des Sparkassenverbands Westfalen-Lippe. Handlungsfelder seien beispielsweise die Weiterentwicklung innovativer Arbeitsformen und die digitale Qualifizierung von Arbeitskräften.

Der Nachholdbedarf sei offensichtlich und ein weiteres Abwarten nicht zu empfehlen: „Die Coronapandemie und ihre Folgen haben die Bedeutung und die Chancen der Digitalisierung wie unter einem Brennglas aufgezeigt“, erklärte Buchholz.

In der Digitalisierung fortgeschrittene Unternehmen seien robuster und besser durch die Krise gekommen: „Die Sparkassen haben ihre Berater für das Thema Digitalisierung fit gemacht und stehen als Finanzpartner an der Seite der Unternehmen.“

Pandemie fördert Nutzung von Konferenzsystemen – vorübergehend

An der Web-Konferenz zur Vorstellung der Studienergebnisse nahm Christoph Dammermann teil, nordrhein-westfälischer Staatssekretär des Wirtschafts- und Digitalministeriums. Nach einem Jahr Digitalstrategie des Landes NRW sei festzuhalten: „Nordrhein-Westfalen macht Tempo beim Ausbau der Gigabitnetze und beim mobilen Breitband, bei digitalen Dienstleistungen für Bürgerinnen und Bürger und für die Wirtschaft.“

Der Digitalisierungsindex NRW zeige aber, dass in manchen Bereichen noch viel Luft nach oben bestehe, sagte Dammermann. Die Landesregierung unterstütze kleine und mittlere Unternehmen dort, wo es möglich sei. Kluge Ideen und digitale Geschäftsmodelle seien das beste Mittel, um auch in der Zukunft erfolgreich zu sein.

In der Studie wurden Unternehmen mit zehn bis 499 Mitarbeitern zum Digitalisierungsstand, zu Wettbewerbsfähigkeit, Investitionsvorhaben und Informationsbedarf beim Thema befragt.

Demnach finden künstliche Intelligenz, Big-Data-Analysen, Virtual und Augmented Reality in den meisten Unternehmen keine Anwendung. Über alle Unternehmen hinweg wird lediglich ein Wert von 1,0 bei zehn möglichen Punkten erreicht. Das Handwerk weist mit 0,3 Punkten den geringsten Wert auf.

Am besten bewerten die Unternehmen ihre Infrastruktur und erreichen für diesen Teilbereich einen Indexwert von 5,8 Punkten. Bei der Digitalisierung der Produktion und Leistungserstellung liegt der Indexwert bei nur 3,1 Punkten. Dagegen sind Einkauf und Logistik mit 4,4 Punkten schon etwas digitaler aufgestellt.

SVWL-Präsidentin Prof. Liane Buchholz bei der Vorstellung der Studie: „Die Sparkassen haben ihre Berater für das Thema Digitalisierung fit gemacht und stehen als Finanzpartner an der Seite der Unternehmen.“

Unternehmen sehen oft keinen Handlungsbedarf

Vor der Coronapandemie zeigte sich zudem eine geringe Ausprägung im Bereich Management, HR und Innovation mit einem Indexwert von 3,6 Punkten. Bei der virtuellen Zusammenarbeit in Form von Videokonferenzen oder agilen Arbeitsmethoden wurde sogar nur ein Wert von 2,5 Punkten erreicht.

Wie eine ergänzende Untersuchung zeigt, hat die Pandemie zwar vorübergehend zu einer vermehrten Nutzung von Videokonferenzen und anderen Formen der digitalen Zusammenarbeit geführt. Von einem allgemeinen Digitalisierungsschub durch Corona könne jedoch keine Rede sein.

40 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, auch künftig keine zunehmende Bedeutung des Themas Digitalisierung zu erkennen. Mehr als jedes vierte Unternehmen will auch künftig keine eigene Stelle dafür einrichten.

IT kommt nicht als Ganzes in den Blick

Investitionen in Industrie-4.0-Technik lehnen mehr als 60 Prozent der Unternehmen ab. Das mobile Arbeiten wollen 43 Prozent der Unternehmen zumindest teilweise ausbauen, 39 Prozent wünschen das gar nicht.

Obwohl Kapazitäten für einen Zugriff auf Programme und Systeme für Mitarbeiter im Homeoffice zuletzt ausgebaut wurden, geben mehr als 60 Prozent an, dass nicht in gleicher Weise in IT-Sicherheit investiert worden sei. 

Die Beschränkung auf Homeoffice-Anwendungen allein genüge nicht, erklärte Professorin Buchholz: „Wer sein Unternehmen digitaler aufstellen will, wird sich auch über einen soziokulturellen Wandel Gedanken machen müssen: über Anpassungen in der Arbeitswelt und über Veränderungen in der Unternehmenskultur.“

Der Digitalisierungsindex NRW 2020 enthält auf knapp 130 Seiten die Untersuchungsergebnisse und Handlungsempfehlungen für Unternehmen. Eine Datei steht im Anhang und auf der Homepage des Sparkassenverbands Westfalen-Lippe zur Verfügung.

Das Foto oben zeigt bei der Präsentation der Studie (von links): Andreas Löbbe, Pressesprecher Sparkassenverband Westfalen-Lippe (SVWL); Staatssekretär Christoph Dammermann; SVWL-Präsidentin Prof. Liane Buchholz; IfM-Leiter Friedel Heuwinkel, Fachhochschule des Mittelstands (FHM) Bielefeld; FHM-Forschungsdirektorin Prof. Ellena Werning; Prof. Volker Wittenberg, Prorektor FHM.

14. Oktober 2020