Zurück
Kulturförderung
Stubenarrest für große Gefühle
Die Kreissparkasse Köln fördert mit ihrer Serie „Die Kölsche Heimat“ Musikszene und Liedgut aus der Region. Die Produktion der sechsten Folge zum Thema Liebe verlief pandemiehalber außergewöhnlich. Unter widrigen Bedingungen ist ein besonderes Musik- und Zeitdokument entstanden.

Mit ihrem Musikprojekt Die Kölsche Heimat will die Kreissparkasse Köln unabhängig vom Karneval die regionale Musikszene fördern und Interpreten unterstützen.

Die sechste Folge ist eine künstlerische Suche nach Liebe, Leid und anderen Herzensangelegenheiten in der kölschen Musik. Die Produktion unter dem Motto Vun Liebe, Leid un ander Hätzenssache stand coronahalber zwar unter keinem guten Stern, gelang am Ende aber doch.

Bei der Präsentation der neuen Kölsche-Heimat-Folge (von links): Helmut Frangenberg, Produzent und künstlerischer Leiter; Musikerin Peggy Sugarhill; Alexander Wüerst, Vorstandvorsitzender der Kreissparkasse Köln; Musiker und Textdichter Ludwig Sebus und Musiker Jörg P. Weber.

Die bei neuen Folgen bis dahin übliche Kundenveranstaltung der Kreissparkasse musste ausfallen. Vorstandschef Alexander Wüerst stellte die neuen Lieder bei einem Pressetermin in der Kölschen Stube am Neumarkt vor.

Mit von der Partie war Helmut Frangenberg, künstlerischer Kopf, Leiter und Produzent von Kölsche Heimat. Mit dabei waren ebenfalls die Musiker Jörg P. Weber, Ludwig Sebus und Peggy Sugarhill, die ein berühmtes, 1837 entstandenes Gedicht des Schriftstellers Carl Cramer über eine unerfüllte Liebe vertonte und für die neue Kölsche-Heimat-Folge einspielte.

CD-Cover der sechsten Kölsche-Heimat-Folge. Alle neuen Stücke stehen auch zum Herunterladen zur Verfügung (Link am Ende des Artikels).

„Die vergangenen Monate haben uns allen gezeigt, wie wertvoll persönliche Freiheit und zwischenmenschliche Begegnungen für jeden Einzelnen sind“, sagte Vorstandschef Wüerst bei der Präsentation. Viele entdeckten den verbindenden Wert von Familie und Heimat neu: „Unsere kölsche Region ist schön, facettenreich und kann Halt geben.“ Dazu trage „die Kölsche Musikkultur wunderbar bei“.

Liebeslieder mit Witz und Pathos

In der sechsten Kölsche-Heimat-Folge singen 17 Musikerinnen und Musiker mit Witz und Pathos über große Gefühle. Produzent Helmut Frangenberg schreibt in einem Presseartikel, die neue Folge sei ungeplant „ein besonderes Zeitdokument für kölsche Kultur in den Monaten mit Kontaktverboten und anderen gravierenden Einschränkungen geworden“.

Studioproduktionen und nahe Begegnungen seien nicht möglich gewesen, insbesondere nicht für den 95-jährigen Ludwig Sebus. Doch der Altmeister habe allem zum Trotz zusammen mit seinem Musikerkollegen Jörg P. Weber einen Song des legendären Kölner Liedkomponisten und -texters Willi Ostermann aufnehmen können.

Der 95-jährige Ludwig Sebus und sein Musikerkollege Jörg P. Weber (rechts) nahmen einen raren Titel des legendären Kölner Komponisten Willi Ostermann auf. Die getrennt voneinander entstandenen Audioaufnahmen wurden später zusammengeschnitten. 

Sebus und Weber interpretierten Ostermanns Komposition Eu-Eu-Eugenie neu. Diesen Titel gab es bis dahin nur als knisternde Schellackplatte aus den frühen 20er-Jahren, als man noch akustisch aufnahm, denn das Mikrofon war noch nicht erfunden.

Rechner und Internet ermöglichen Produktion und Austausch

Weber brachte das technische Equipment von heute zu Sebus nach Ossendorf, schreibt Frangenberg: Sebus „sang einzelne Passagen des Lieds in ein Mikro, das am Laptop angeschlossen war, während Weber – mit Abstand – auf der Gitarre begleitete“.

„Das hat mir so gut getan in dieser Zeit der Ungewissheit“, sagt Weber in Frangenbergs Bericht: „Der herzliche Empfang, das Arbeiten auf Augenhöhe, die Linsensuppe nach getaner Arbeit – das hat mich jede Lethargie, in die ich wie viele in den ersten Wochen des Lockdowns gefallen war, vergessen lassen.“

Auch die technische Nachbearbeitung der Aufnahme sei aufwendig gewesen. Weber habe zu Hause die gleiche Aufnahmesituation wie bei Sebus nachgestellt, um seinen Part einzusingen: „Dann wurden Tonspuren, Instrumente und Gesang zusammengepuzzelt. Das Ergebnis nach geschätzt 20 Stunden Arbeit ist großartig“, so Frangenberg.

Technik habe nicht nur den Austausch untereinander ermöglicht, sie habe auch Neues entstehen lassen. Die Band Stadtrand beispielsweise habe eine erste Version ihres Beitrags in einem eigenen Internet-Format eingespielt. Der Titel: Stadtrand hat Stubenarrest.

Die Kölner Gruppe „Stadtrand“ steuert den Titel „Stadtrand hat Stubenarrest“ bei, eine Reminiszenz an die besonderen Produktionsbedingungen im Jahr 2020.

Produzent Helmut Frangenberg: „Ein kleines Wunder“

Herausragend findet Frangenberg im Rückblick die Kooperation vieler Musiker bei einer Neuaufnahme der Bläck-Fööss-Hymne En unserem Veedel. Alle Beteiligten hatten sich zuerst selbst mit Laptops und Smartphones zu Hause aufgenommen, dann wurden die Schnipsel zusammenmontiert.

„Weil das Ergebnis ein ganz besonderes Zeugnis für die Zeit mit Corona ist, musste es als Zugabe mit auf die aktuelle Kölsche-Heimat-Folge“, erläutert Frangenberg.

Doch vieles Gelungene könne nicht darüber hinwegtäuschen, in welch tiefer Krise Musiker, Techniker und Veranstalter seit vergangenem März stecken. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie seien gravierend, die Folgen noch längst nicht absehbar.

Diese mehr als 30 Kölner Künstlerinnen und Künstler der „Veedel-Band“ haben für die neue Produktion den Bläck-Fööss-Klassiker „En unserem Veedel“ eingespielt. Jeder nahm pandemiehalber seinen Part zu Hause auf, dann wurde alles digital zusammengefügt.

„Hinzu kommt eine bleierne Schwere, die sich über Monate auf vieles gelegt hat. Kreativität braucht Lust und Laune, das gemeinsame Ausprobieren neuer Ideen mit einem Gegenüber. Und so hing viel vom persönlichen Empfinden jedes Einzelnen ab, ab wann er sich wieder mehr zutraute, Proben wieder möglich wurden und schließlich auch wieder die Angebote zur Studioproduktion nutzen wollte“, schreibt Frangenberg.

Im Rückblick sieht es der Produzent als „ein kleines Wunder, dass 16 von 17 geplanten Titeln einigermaßen pünktlich fertig wurden“. Nur beim Beitrag der Bläck Fööss habe das nicht geklappt, ausgerechnet im Jubiläumsjahr der berühmten Band mussten die Konzerte ausfallen.

Als Ersatz enthält die neue Folge einen 2018 aufgenommenen Live-Mitschnitt. Die Bläck Fööss singen ein Liebeslied mit einem Text, der laut Frangenberg „nicht nur zum Thema des Albums, sondern nun auch trotzig zu diesem seltsamen Jahr passt“: Mit all dä Bilder en mir drin, mit all dä Leeder, die ich sing. So hol ich mir dat Jeföhl zoröck. Schön dat mir zosamme sin.

Foto oben: Ein sehr gravierendes Thema: Sogenannte Liebesschlösser auf der Kölner Rheinbrücke. „Vun Liebe, Leid un ander Hätzenssache“ heißt auch die neue Kölsche-Heimat-Folge der örtlichen Kreissparkasse.

Alle sechs bisher erschienenen Folgen von Kölsche Heimat gibt es über die Internetseite der Sparkasse zum Herunterladen. Online-Kunden des Instituts zahlen fünf Euro für die gesamte Ausgabe und ein Booklet mit Infos zu den Musikern und ihren Stücken, Nicht-Kunden zahlen 8,99 Euro. Der Reinerlös aus dem Verkauf fließt an die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler, die längst nicht alle von ihrer Musik leben können und deren Leistung Respekt gezollt werden soll.

Christoph Becker
– 16. Oktober 2020