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Retrospektive / Interview
Eine künstlerische Vorstellung von Welt
Die Sparkassen-Finanzgruppe ermöglicht eine umfangreiche Retrospektive von Michael Schmidt im Hamburger Bahnhof. Rolf Gerlach, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt, und Thomas Weski, Kurator und Vorstandsmitglied der Stiftung, über die Ausstellung.

Herr Weski, Sie gehörten zu der von Frau Grütters ernannten Expertenkommission für ein zukünftiges Bundesinstitut für Fotografie. Der Schwerpunkt Ihrer kuratorischen Tätigkeit ist dieses Medium und Sie beschäftigen sich seit Langem mit den Arbeiten von Michael Schmidt, besonders intensiv in den letzten fünf Jahren. Was zeichnet sein Werk aus? 

Thomas Weski: Michael Schmidt bezieht in der deutschen Gegenwartsfotografie eine einzigartige Position. 1945 in Berlin geboren, fand er Mitte der 1960er-Jahre als Autodidakt zur Fotografie als künstlerischem Ausdrucksmittel. Sein komplexes Lebenswerk unterscheidet sich von anderen, weil er für jede seiner Werkgruppen einen individuellen fotografischen Zugang zur Wirklichkeit entwickelt hat. Durch die von ihm ständig weiterentwickelte Methode der fotografischen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit sowie die verschiedenen Arten, seine Arbeiten in Ausstellungen und Künstlerbüchern zu präsentieren, hat sein Werk Vorbildcharakter, auch für eine jüngere Generation.

 

Ausstellungseröffnung mit (von links) Prof. Thomas Weski, Helmut Schleweis, Heike Kramer, Rolf Gerlach und Gabriele Knapstein.

 

Könnten Sie das erläutern? Die Beweggründe von Schmidt? 

Thomas Weski: Sein Lebenswerk umfasst Porträts, Selbstporträts, Stadtlandschaften, Landschaften und Stillleben. In seinen Arbeiten widmete er sich der Bedeutung des Stadtraums, der andauernden Aktualität von Geschichte, dem Selbstbildnis, dem Selbstverständnis der Frauen, der Rolle der Provinz und der Bedeutung von Natur. In seinem letzten großen Projekt vor seinem Tod thematisierte er die zeitgenössische Lebensmittelproduktion und die Bedeutung von Nahrung als existenzieller Ressource. In seinen Werkgruppen geht es weniger um traditionelle dokumentarische Sichten auf die Wirklichkeit als vielmehr um eine künstlerische Vorstellung von Welt, die Michael Schmidt über den Zeitraum seiner fotografischen Auseinandersetzung, die fast fünf Jahrzehnte andauerte, entwickelt hat.  
 

Wie sind Sie an die Werkschau im Hamburger Bahnhof herangetreten und wie haben Sie die Hürden, die durch die Coronapandemie entstanden sind, bewältigt?

Thomas Weski: Zusammen mit Laura Bielau, der langjährigen Assistentin von Michael Schmidt, die mich künstlerisch unterstützt hat, haben wir eine chronologische Hängung vorbereitet, die die Ausstellungsbesucherinnen und besucher durch das Lebenswerk führt. Dabei haben wir noch von Michael Schmidt selbst eingesetzte Präsentationsformen übernommen und auf die Ausstellungsräume angepasst. Durch die coronabedingten Auflagen, die das Museum beim Publikumsbetrieb erfüllen muss, haben wir auf einige Elemente verzichtet. So fehlen zum Beispiel die sonst üblichen Wandtexte. Zu meiner Freude scheint sich die Ausstellung aber auch so zu erschließen. 

 

Blick in einen Ausstellungsraum.

 

Eine Eröffnung mit Rednern und Gästen aus dem In- und Ausland, wie sie bisher im Kulturbetrieb die Regel war, war leider in der aktuellen Situation auch nicht möglich. Aber der Kreis der Förderer und Freunde konnte sich einen ersten Eindruck der Retrospektive in einer Vorbesichtigung verschaffen. Es war schön, so einen Auftakt für die Ausstellung zu haben. Über die positiven Reaktionen auf die Vorbesichtigung sowie den Ausstellungsbesuch freuen wir uns. Viele sind begeistert, dass sie nach der langen Schließung der Museen nun endlich die Retrospektive sehen können.    
 

Herr Dr. Gerlach, was bedeutet Ihnen diese Ausstellung?

Rolf Gerlach: Seit mehr als 20 Jahren fördert die Sparkassen-Finanzgruppe Michael Schmidts Lebenswerk. In den vergangenen fünf Jahren hat Thomas Weski in der Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt das künstlerische Werk von Michael Schmidt aufgearbeitet. Es freut mich sehr, dass die Arbeit hier im Hamburger Bahnhof einen würdigen Höhepunkt findet.

Mein besonderer Dank gilt den Förderpartnern Berlin Hyp, Berliner Sparkasse, Dekabank Deutsche Girozentrale, Deutsche Leasing, Feuersozietät Berlin Brandenburg, Finanz Informatik, NordLB Kulturstiftung, Sparkassen-Kulturfonds des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes und Sparkassenverband Westfalen-Lippe. Unter den doch neuartigen Bedingungen der Coronapandemie hat die Sparkassen-Finanzgruppe gezeigt, dass sie ein starker Partner an der Seite ihrer Kultur-Förderpartner ist. 

 

„Michael Schmidt – Retrospektive. Fotografien 1965–2014“ im Hamburger Bahnhof in Berlin.

 

Woher kommt diese Verbundenheit der Sparkassen-Finanzgruppe mit dem Werk von Michael Schmidt?

Rolf Gerlach: Das Fördern von zeitgenössischer Fotografie stellt seit mehreren Jahrzehnten einen Schwerpunkt innerhalb des Kulturfonds sowie der Sparkassen-Stiftungen dar. Mit Michael Schmidt sind wir zudem besonders verbunden, da der Deutsche Sparkassen- und Giroverband und die Norddeutsche Landesbank Girozentrale zusammen mit dem Künstler 1999 die Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt errichtet haben und seitdem sein aktiver Arbeitsprozess bis zu seinem Tode 2014 begleitet wurde. Um diese exklusive und auch eng mit dem Hause verbundene Ausstellung für Sparkassenkunden und Sparkassenmitarbeiter leichter zugänglich zu machen, gilt auch hier der Rabatt von 25 Prozent auf Eintrittspreise im Rahmen der Kooperation mit den Staatlichen Museen zu Berlin.

 

Ohne Titel, aus Waffenruhe/Ceasefire, 1985–87.

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Die Ausstellung zu Michael Schmidt zeigt Werke zwischen 1965 und 2014. Sie umfassen Porträts, Selbstporträts, Stadtlandschaften, Landschaften und Stillleben. Neben den Werkgruppen „Waffenruhe“ (1987), „Einheit“ (1996), „Lebensmittel“ (2012) und weiteren Originalfotografien stellt die Ausstellung anhand von unveröffentlichten Arbeitsabzügen, Buchentwürfen und Archivmaterialien die Entwicklung von Schmidts künstlerischer Arbeit vor. Die Ausstellung ist bis zum 17. Januar 2021 im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen.

 

Die Fragen stellte Alexa Wolff von der Sahl. 
 

16. Oktober 2020