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Umgangsformen – Essay
Hat Anstand ausgedient?
Cum-Ex-Geschäfte sind ein Paradebeispiel für Business ohne Moral. Signale, die von unanständigen Menschen oder Unternehmen ausgesandt werden, häufen sich und sind oft laut. Frei nach dem Motto: „Wir können uns das erlauben, wir dürfen uns nur nicht erwischen lassen.“

Fehlender Anstand in Unternehmen wird zum Problem, wenn sein Fehlen keine absolute Ausnahme ist, sondern einer Haltung von Menschen entspricht, die eine exponierte Stellung einnehmen – etwa eine Führungskraft.

Erreicht diese Haltung sogar die Spitze von Unternehmen, können auch DAX-Konzerne ins Trudeln geraten, wie aktuelle Beispiele zeigen. Und wie im Strafrecht ist es auch in moralischer Hinsicht: Es geht nicht nur um aktives Handeln, sondern auch um Unterlassen, Zulassen, Augen zudrücken. So kann eine Mani­pu­lation an Fahrzeugen, um ungünstige Abgaswerte zu vermeiden, zu einem Problem werden, das Konzerne Millionen oder gar Milliarden kostet.

Gier kontra Moral: „Cum-Ex-Geschäfte waren doch legal“

Fehlender Anstand kann aber auch die Taschen füllen. Dann kann das Motiv Gier, der Versuch der Gewinnmaximierung über unanständiges Verhalten, kurzfristig tatsächlich wirtschaftliche Vorteile in ganz erhebli­chem Umfang generieren.

Mittel- und langfristig zeigt sich allerdings in der Regel, dass die Rech­nung nicht aufgeht, dass das Risiko zu hoch war und die Person des Unanständigen, aber auch das Unternehmen im Ganzen Schaden nummt – oft mehr, als das Fehlverhalten eingebracht hat. Ganz zu schweigen von den Kollateralschäden, den eintretenden Ar­beits­platzverlusten, der Schädigung der Anleger und vieles mehr.

Hinzu kommen zuweilen Rechtfertigungsmechanismen, die sich in den Augen der „Täter“ bewährt zu haben scheinen, weil sie auch eine gewis­se gesellschaftliche Akzeptanz erfahren. Zum Beispiel Korruption: „Wenn wir das nicht machen, dann haben wir einen erheblichen Wettbewerbs­nachteil gegenüber anderen Unternehmen, die solche Skrupel nicht ha­ben.“

Oder die Diskrepanz zwischen Legalität und Legitimität: „Cum-Ex-Ge­schäfte waren doch legal, sie waren ja nicht verboten, wir haben nur eine gesetzliche Lücke genutzt.“ Legitim waren diese Geschäfte jedenfalls nicht, aber dieser feine Unterschied hat sie nicht verhindert.

Oder die Frage, wie weitgehend Unternehmen ihre Lieferketten kennen, verantworten und damit auch kontrollieren müssen, um Fehlverhalten in der Kette wie Kinderarbeit oder unzureichende Sicherheitsbedingungen in der Produktion zu verhindern – ein Thema, das aktuell bis auf Bundesmi­nister­ebene kontrovers diskutiert wird.

Beispiele für „Kollateralschäden“ unanständigen Verhaltens gibt es leider genügend. Das betrifft auch die mittelbaren Auswirkungen, die Signale, die dieses Verhalten aussendet.

Schamgrenze sinkt

Sind das nicht dennoch nur ganz wenige Einzel-Phänomene? Ich fürchte nein, genauso wenig wie eine Pauschal-Verurteilung („die Wirtschaft“, „die Banken“) angemessen ist. Es ist vielmehr das Problem der allmählichen Grenzverschiebung und damit verbunden der Aushöhlung von Werten.

Irreführende Angaben auf Verpackungen, verschleierte Preiserhöhungen bei Produkten (Reduktion des Inhalts bei gleichzeitiger Preiserhöhung) kommen immer wieder vor und führen in einigen Medien zu monatlichen „Auszeichnungen“ der Spitzenreiter im Mogeln.

Also doch „Wir machen das, aber wir dürfen uns nicht erwischen lassen“? Nein. Das ist nicht nur unmoralisch, es ist mittel- und langfristig auch wirtschaftlich unvernünftig.

Was genau ist Anstand von Unternehmen?

Die Stiftung Club of Hamburg hat den Anstand von Unternehmen durch ihr Entwicklungsmodell „Erfolg mit Anstand“ für Unternehmen und andere Organisationen wie folgt definiert:[1]:

  • Eine langfristig angelegte kontinuierliche Entwicklung der Unter­nehmensorganisation mit dem Ziel, dauerhaft herausragende Leistungen zu erbringen, bei gleichzeitiger, konsequenter und durchgängiger Beachtung grundlegender ethischer Prinzipien und Normen, der legitimen Interessen ihrer jeweils eigenen Stakeholder und ihrer spezifischen Verantwortung gegenüber Gesellschaft und Umwelt.

Zusammenfassend: Unternehmen können als anständig gelten, wenn ihr Erfolg auf anständige Art und Weise zustande kommt.

Hier begegnet uns das Phänomen, dass ethisch-moralische Anforde­rungen, ökologische Themen und die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen mittel- und langfristig angelegt sind und wirken. Demgegenüber scheint der wirtschaftliche Erfolg sich in der allgemeinen Wahrnehmung aber nur kurzfristig zu bemessen an Monats-, Quartals- und Jahresergebnissen, Börsenkursen, Ausschüttungen oder der Frist bis zur Vertragsverlängerung für den Vorstand.

Wen interessiert in manchen Unternehmen schon, was in drei oder vier Jahren ist, wie weit die Digitalisierung fortgeschritten ist, wie Motivation, Kreativität und Innovation im Unternehmen gelebt werden, wie zukunfts­fähig das Unternehmen wirklich ist? Entscheidend ist oft offenbar das Heute, sind die aktuellen Herausforderungen und die möglichen Wege, damit fertig zu werden.

So werden gesellschaftliche Trends, aber auch nachhaltige politische Entwicklungen verschlafen. Und beim Hinterhereilen erhöht sich dann die Versuchung, zu Mitteln zu greifen, die sich nicht gerade als anständig erweisen, um Versäumtes aufzuholen.

Wirtschaft denkt oft zu kurzfristig

Diese Kurzfristigkeit des Denkens, die ein Phänomen unserer Zeit zu sein scheint, hat sich leider auch im wirtschaftlichen Umfeld zu etablieren begonnen. Dabei verbietet sie sich mindestens dann, wenn die Unternehmensverantwortlichen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind – etwa für die Arbeitsplätze –, wenn sie ökologische Ziele und Anforderungen ernsthaft verfolgen wollen, um zu einer auch für ihre Kinder lebenswerten Zukunft beizutragen.

Sie verbietet sich auch, wenn ihnen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und deren Motivation am Herzen liegen, wenn sie zu ihren Zulieferern eine langfristige, für beide Seiten vorteilhafte Beziehung anstreben und wenn sie über den eigenen Horizont, die eigene Vertragslaufzeit hinausdenken und „ihr“ Unternehmen fit für die Zukunft machen wollen.

Noch einmal: Auf viele Unternehmen und ihre Lenkerinnen und Lenker trifft dieses kritische Bild nicht zu. Aber wenn es Anfänge sind, sollten wir den Anfängen wehren. Und hat sich diese Haltung etabliert und beginnt, kein singuläres Phänomen mehr zu sein, ist es höchste Zeit, darüber zu reden.

Anstand muss möglich sein

Gerhard Lippe: „Anstand, bestimmte Werte und das daran ausgerichtete Verhalten müssen von der Kultur im Unternehmen ermöglicht, ja: gefordert  werden.“

„Niemand ist eine Insel“.[2] Mitarbeitende sind in die Kultur ihres Unter­nehmens eingebettet, Unternehmen in die Branche, die Volkswirtschaft, die Region und in die Kultur dieser Gesamtheiten. Damit wird ein Rahmen gesetzt, in dem sich die Mitarbeitenden bewegen, auch die Führungskräfte, auch die Unternehmensleitungen.

Zugleich bestehen Spielräume, die zu definieren sind. Dieser Rahmen, diese Kultur setzt sich aus Werten zusammen, die sie gestalten und, wenn sie bekannt, anerkannt und verständlich sind, auch beachtet werden.

Hier liegt die Chance, Anstand nachhaltig zu etablieren, Raum für Motivation der Mitarbeitenden zu geben, sich der gesellschaftlichen Verantwortung bewusst zu sein, Klimaziele zu setzen und zu beachten, Ethik und Moral nicht als etwas Abstraktes, Abgehobenes zu betrachten, sondern sie zu schätzen und zu pflegen.

Doch hier beginnt oft zugleich das Problem: Die Kultur ist nicht beschrieben. Oder sie ist beschrieben, aber als Schubladenpapier, das nicht gelebt wird. Es findet keine Kommunikation über Werte statt. Die Füh­rungskräfte interpretieren die Kultur unterschiedlich. Jeder lebt nach seinen eigenen Werten und Vorstellungen. Die Haltung von Führungskräften und Mitarbeitenden passt nicht zur beschriebenen Kultur.

Mit anderen Worten: Anstand, bestimmte Werte und das daran ausgerichtete Verhalten müssen von der Kultur im Unternehmen ermöglicht, ja: gefordert werden. Sie müssen zur Bedingung bei der Einstellung von Mitarbeitenden und Führungskräften gemacht werden und damit auch die Personalauswahl beeinflussen. Sie müssen in der Unternehmenswirklichkeit gelebt und vorgelebt werden. Sie müssen nicht nur kommuniziert, sondern auch kontrolliert werden.

Die Kultur muss anständig sein

Und es muss ein Dialog auf Augenhöhe dazu stattfinden, der auch Kritik am Verhalten von Vorgesetzten beinhaltet. Whistleblowing ist eine mögliche Lösung dazu, aber genaugenommen eine Krücke, aus der Not geboren, um auch in einer anders ausgerichteten „Kultur“ des Unternehmens immerhin die Thematisierung von allzu groben Verstößen gegen den Anstand möglich zu machen. Nein, die Kultur selbst muss anständig sein.

Das hat Konsequenzen, und diese erklären auch, warum manche Unternehmen davor zurückschrecken. Denn die Frage nach dem Anstand richtet sich direkt an die Unternehmensleitung. Sie hinterfragt die bestehende Hierarchie. Sie fragt nach einer Verantwortung, die sich gerade nicht nur auf rein numerische Werte bezieht, auf die Umsatzhöhe, die Erlöse, den Gewinn, den Börsenkurs. Sie fordert nachhaltige Verhaltensänderungen.

Sie erfordert die Auseinandersetzung des Managements mit den Eigentümern, den Trägern, den Investoren (wobei diese manchmal weiter sind in ihrer Einstellung zur Nachhaltigkeit als das Management selbst, wenn sie nämlich mehr an einem langfristigen Erfolg ihres Engagements als an kurzfristiger Rendite interessiert sind).

Fazit

Anstand hat nicht ausgedient, ganz im Gegenteil. Der Blick auf Unternehmen und die für sie Verantwortlichen wird zunehmend kritischer. Die gesellschaftlichen und ökologischen Anforderungen und Forderungen werden drängender und lauter. Klimaschutz ist dafür nur ein Beispiel. Unmoral wird – das ist zumindest die Hoffnung – künftig häufiger entdeckt.

Das wird von Entscheidern nicht immer so gesehen. Wenn es um das Überleben des Unternehmens geht – wie in Corona-Zeiten, auf die niemand vorbereitet war -, gilt das als der überragende Wert. Aber auch sonst gibt es genügend echte oder vermeintliche Gründe, sich nicht mit Anstand und seinen Werten zu befassen: Wichtiger ist dann das Tagesgeschäft und sind laufende oder anstehende Projekte wie Digitalisierung, Expansion usw.

Dabei geht es in Wirklichkeit nur zusammen mit Anstand: Die Corona-Folgen anständig zu bewältigen (zum Beispiel was das Bemühen um den Erhalt von Arbeitsplätzen angeht), Digitalisierung nicht ohne Bedenken der Folgen für die beteiligten bzw. betroffenen Menschen umzusetzen, den wirtschaftlichen Erfolg nachhaltig auszurichten zum Wohl des Unternehmens, aber auch unter Wahrung der berechtigten Interessen der Mitarbeitenden und ihrer Familien und der Gesellschaft.


Autor
Gerhard Lippe war 32 Jahre für die Hamburger Sparkasse tätig. Seine Schwerpunkte waren neben den Fachaufgaben Personal- und vor allem Führungsarbeit. Derzeit ist er als Berater, Gutachter, Dozent und Schriftsteller tätig. Er ist Botschafter der Stiftung Club of Hamburg, um ihr Managementmodell „Erfolg mit Anstand“ zu verbreiten und Unternehmen auf dem Weg in den „DEX Deutscher Ethik Index“ zu begleiten. Er ist Mitglied der Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg e.V.

 

[1] Vgl. Website der Stiftung Club of Hamburg, https://clubofhamburg.de/erfolg-mit-anstand-dex/

[2] Titel eines Buches von Johannes Mario Simmel. Das Zitat geht zurück auf den englischen Dichter John Donne (geb. 1572), siehe Seite „John Donne“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 23. Juli 2020, 22:52 UTC. Zugegriffen am 22. September 2020: URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=John_Donne&oldid=202155416

 

Gerhard Lippe
– 19. November 2020