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Vermögensbarometer 2020
„Drastische Auswirkungen auf das Sparverhalten“
Die Menschen in Deutschland legen im Zuge der Corona-Pandemie wieder mehr Geld zur Seite. Die Krise wirke sich aber auf das Sparverhalten aus, erläuterte DSGV-Präsident Helmut Schleweis in Berlin.

Wie der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) in einer repräsentativen Umfrage zum Weltspartag ermittelt hat, haben 33 Prozent der Befragten ihr Sparverhalten angesichts der Corona-Krise angepasst oder planen dies – knapp zwei Drittel dieser Gruppe (65 Prozent) wollen dabei mehr sparen. Die Sparquote der privaten Haushalte lag im zweiten Quartal bei 21,1 Prozent – das ist doppelt so hoch wie im Durchschnitt der vergangenen Jahre.

„Die Corona-Krise hat damit drastische Auswirkungen auf das Sparverhalten der Menschen in Deutschland“, sagt DSGV-Präsident Helmut Schleweis. Besonders die 14- bis 29-jährigen, für die die Pandemie die erste persönlich fühlbare Krise im Leben darstellt, passen sich an: „54 Prozent der Jüngeren verändern ihr Sparverhalten – unter ihnen wollen vier von fünf Befragten mehr sparen“, sagte DSGV-Präsident Helmut Schleweis in Berlin bei der Präsentation des Vermögensbarometers.

Jüngere diesmal im Fokus

Insgesamt gehen die Jüngeren aber besonders optimistisch mit der Krise um: 46 Prozent von ihnen sind mit ihrer finanziellen Situation zufrieden oder sogar sehr zufrieden. 63 Prozent rechnen sogar mit einer Verbesserung in den kommenden Jahren – über alle Altersgruppen hinweg liegt dieser Wert bei 33 Prozent.

„Die Einschätzungen der Menschen zu ihrer finanziellen Situation und ihrem Sparverhalten  sind über den Sommer konstant geblieben“, so der DSGV-Präsident. Die Studie hat in diesem Jahr die Ergebnisse zweier Befragungen analysiert, eine umfassende im Juni und Juli, eine weitere, ergänzende Befragung Anfang Oktober.

Lesen Sie hier die Ergebnisse im Detail

Der Anteil derer, die mit ihrer finanziellen Situation sehr zufrieden sind, ist gegenüber 2019 nur um einen Prozentpunkt auf 42 Prozent gesunken. Der Anteil der Unzufriedenen ist mit 18 Prozent gleichgeblieben.

Ein Drittel der Befragten hat während der Krise das Sparverhalten angepasst oder plant, dies zu tun. Gleichwohl sei die Pandemie nicht die Hauptsorge der Deutschen bei der Ersparnisbildung, so Schleweis, sondern Sorgen wegen niedriger Zinsen und der lockeren EZB-Geldpolitik.

Die meisten Befragten gaben an, mehr sparen zu wollen. Investmentfonds haben dabei in der Gunst zugelegt. Das Thema Nachhaltigkeit gewinne bei der Geldanlage an Relevanz, so Schleweis.   

Jüngere reagieren mit erhöhtem Sparwunsch

In diesem Jahr hat das Vermögensbarometer einen Fokus auf die unter 30-Jährigen gelegt. „Sie reagieren hierauf mit Optimismus, erhöhtem Sparwunsch und einem stärkeren Bewusstsein für Nachhaltigkeit als im Durchschnitt der Bevölkerung“, erklärte der DSGV-Präsident.   

Doch die Spuren der Corona-Krise zeigten sich auch im Vermögensbarometer: 39 Prozent der Befragten mussten coronahalber Einbußen hinnehmen, 29 Prozent leichte, zehn Prozent gaben sogar gravierende Einbußen an. Freiberufler und Selbständige sind hiervon überdurchschnittlich betroffen. Auch Auszubildende und Studierende haben Corona-bedingt weniger verdient.

Mehr Zurückhaltung beim Konsum

Beim Konsum zeigten sich die Pandemiefolgen deutlicher als bei der als bei der finanziellen Zufriedenheit, so Schleweis. Rückblickend auf die vergangenen zwölf Monate sagten 57 Prozent der Befragten im Sommer, ihr Konsumverhalten nicht verändert zu haben, 36 Prozent gaben Einschränkungen an. „Das sind zwei Prozentpunkte mehr als im vergangenen Jahr, und das ist der höchste Wert seit 2013“, sagte Schleweis. Von Konsumausweitung sprächen nur sieben Prozent.

Insbesondere während der ersten Krisenphase zeigte sich eine deutliche Verschärfung der Konsumzurückhaltung. In der Sommer-Befragung gaben 54 Prozent an, ihren Konsum nicht verändert zu haben. 41 Prozent gaben Einschränkungen an.

Nur zehn Prozent der im Sommer Befragten gaben an, künftig mehr konsumieren zu wollen. 67 Prozent planen keine Veränderung. Damit haben sich die Werte gegenüber den Vorjahren leicht verschlechtert. Diese Tendenz hat sich in der Herbst-Befragung erneut bestätigt.

Auch die Chefvolkswirte der Sparkassen-Finanzgruppe erwarten laut ihrer im Sommer vorgelegten Konjunkturprognose für das Jahr 2020 im Median eine Reduktion der privaten Konsumausgaben um 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Von diesem niedrigen Niveau aus rechnen sie im kommenden Jahr mit einer leichten Erholung um plus 3,9 Prozent gegenüber 2020.

Sparquote schießt im zweiten Quartal nach oben

Die Sparquote stieg im ersten Quartal 2020 auf 12,2 Prozent, im zweiten Quartal schoss sie mit 21,1 Prozent in bisher ungekannte Höhen. In den vergangenen 25 Jahren schwankte die Sparquote der privaten Haushalte zwischen neun und elf Prozent. „Hier schlagen sich wohl die noch relativ stabilen Einkommen und die coronabedingte Konsumzurückhaltung nieder“, erläuterte Schleweis.  

Die Chefvolkswirte der Sparkassen-Finanzgruppe prognostizierten im Sommer einen deutlichen Anstieg der Sparquote auf 14,1 Prozent für 2020. Im kommenden Jahr erwarten sie eine leichte Normalisierung auf 11,6 Prozent. „Abzuwarten ist, ob die hohe Sparneigung temporär ist, oder in ein dauerhaftes und bewusstes Vorsichtssparen mündet“, sagte der DSGV-Präsident.

Beim Sparen weisen junge Menschen den Weg. 54 Prozent der jüngeren Befragten haben ihr Sparverhalten während der Pandemie angepasst oder planen, dies zu tun. Hiervon wollen 78 Prozent mehr sparen.

Der Bundesländervergleich zeigt hier zwar eine deutliche Spreizung. Spitzenreiter sind die jungen Menschen in Schleswig-Holstein mit 91 Prozent. Aber selbst der niedrigste Wert im Bundesländervergleich liegt noch über dem Durchschnitt aller Altersklassen. 67 Prozent der 14 bis 29-Jähigen in Thüringen wollen mehr sparen. Über alle Altersklassen hinweg liegt dieser Wert bei 65 Prozent.

Größte Sorge: Die Geldpolitik

Als größte wirtschaftliche Sorge nennen 18 Prozent der Befragten nach wie vor Geldpolitik und Niedrigzins. Kurzarbeit oder andere berufliche Sorgen nennen vier Prozent. Viele sorgen sich nicht mehr um die Rendite ihrer Anlagen, sondern eher darum, ob sie überhaupt noch etwas zum Sparen haben. 59 Prozent der Befragten zeige sich dagegen unbesorgt.

Die Herbst-Befragung zeigt hier nur leichte Verschiebungen. Coronasorgen steigen leicht auf acht Prozent. Sorgen wegen Kurzarbeit oder andere berufliche Sorgen nennen nun drei Prozent. Der Niedrigzins und die EZB-Geldpolitik bleiben für 19 Prozent der Befragten die größte Sorge.

Neben Edelmetallen werden zurzeit vor allem Immobilien und Investmentfonds als besonders geeignete Anlageformen angesehen. Aktien und Direktinvestitionen belegen dagegen den letzten Platz. Auch bei der Frage nach den bereits in Anspruch genommenen Maßnahmen zur Altersvorsorge legen Investmentfonds im Vergleich zum Vorjahr um drei Prozentpunkte auf 27 Prozent zu.

Wertpapiergeschäft: Kunden verhalten sich strategisch klug

Das Sparbuch sehen viele als ungeeignete Anlageform in der aktuellen Krise. Dennoch geben 24 Prozent der Befragten an, bereits Rücklagen auf ihrem Sparbuch gebildet zu haben, um für ihr Alter vorzusorgen. Das sind fünf Prozentpunkte mehr als im letzten Jahr – so viel hat keine andere Anlageform dazugewonnen. „Dies ist vermutlich auch ein Ausdruck der aktuellen Unsicherheit“, sagte der DSGV-Präsident.

Bezogen auf das Wertpapiergeschäft haben die Sparkassen-Kunden während der Pandemie besonnen reagiert: Der Nettoabsatz – also Käufe minus Verkäufe – war mit einem Plus von fast zwölf Milliarden Euro erfreulich positiv und lag weit über den Vorjahren.

Zugelegt haben vor allem Investmentfonds mit einem Plus von knapp 9 Milliarden Euro und Aktien mit einem Plus von reichlich 3,5 Milliarden Euro.

Insgesamt verzeichneten die Sparkassen im Wertpapiergeschäft mit Privatkunden in den ersten neun Monaten dieses Jahres Umsätze weit über dem Niveau des schwachen Vorjahrs. Ähnlich hohe Umsätze hatte es zuletzt in den Jahren 2007 und 2008 gegeben.

„Die Pandemie hat also zu keiner Flucht aus der Wertpapieranlage geführt, die Kunden haben sich strategisch sehr klug verhalten“, erläuterte der DSGV-Präsident.

Vor allem Jüngere legen nachhaltig an

Ein knappes Drittel der Befragten hat sich bereits mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt. Vor allem Jüngere und Menschen mit höheren Einkommen legen auf Nachhaltigkeit besonders viel Wert.

43 Prozent der Befragten erwarten, mit einer nachhaltigen Geldanlage viel mehr oder etwas mehr Rendite erzielen zu können als bei einer normalen Geldanlage. Nur 19 Prozent erwarten etwas weniger oder deutlich weniger Rendite. Keinen Unterschied sehen rund 34 Prozent.

Bei der Vertrauensfrage schneiden Sparkassen am besten ab

Unverändert zu den Vorjahren genießen die Sparkassen mit einem Anteil von 55 Prozent der Nennungen am meisten Vertrauen. Und auch insgesamt ist das Vertrauen in die Kreditinstitute gegenüber den beiden Vorjahren gewachsen.

„Die angesichts der Corona-Krise beschlossenen aufsichtsrechtlichen Erleichterungen begrüßen wir sehr“, sagte Schleweis. Bereits im Frühjahr 2020 haben Politik und Aufsichtsbehörden begonnen, Kreditinstitute bei der Abfederung der wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 zu entlasten.

Ziel ist eine Entlastung auf der Kapital- und Liquiditätsseite der Banken, um die Kreditversorgung der Realwirtschaft anzukurbeln. Daneben wurde in vielen Ländern die Reduzierung des antizyklischen Kapitalpuffers sowie systemischer Risikopuffer angestoßen.

aber auch der Blick in die Zukunft entscheidend. Teile der nun beschlossenen Maßnahmen nutzen Spielräume des geltenden Regulierungsrahmens in Form von variablen Pufferanforderungen, die Banken in Krisenzeiten Entlastungen ermöglichen.

Beim Zurückfahren der temporären Lockerungen sollte aber mit Blick auf die zu erwartenden Zweit- und Drittrundeneffekte der aktuellen Krise behutsam vorgegangen werden.

Schleweis: Regulatorischen Aufwand minimieren

An eine Rückkehr zur Normalität – in jeder Hinsicht – sei auf längere Sicht noch nicht zu denken, erklärte Schleweis. Auch für geplante Verschärfungen der regulatorischen Anforderungen habe die Coronakrise durch die absehbare Schwächung der Bankbilanzen die Ausgangslage geändert. „So ist insbesondere vor einer zu schnellen Einführung von Basel IV Vorsicht geboten“, sagte der DSGV-Präsident.

Auch gelte es weiterhin, Übergänge nicht abrupt zu gestalten und auf strikte Proportionalität zu achten, um regulatorischen Aufwand zu minimieren. Schleweis: „Daneben sollten Belastungen aus Einzahlungen in den EU-Abwicklungsfonds überprüft werden, um die Eigenkapitalbasis der Kreditinstitute zu stärken. Denn nur starke Sparkassen und Kreditinstitute insgesamt können den Menschen und Unternehmen stützend zur Seite stehen“. bec

30. Oktober 2020
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