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Bankenregulierung / Interview
Ein Wirtschaftsmodell steht auf dem Spiel
Eine formalistisch und bürokratisch handelnde Aufsicht gefährde hierzulande Hausbankprinzip und regionale Kreditversorgung, kritisiert Bankenprofessor Hans-Peter Burghof. Das verändere nicht zuletzt die Geschäftsmodelle der mittelständischen Unternehmen selbst.

Herr Professor Burghof, Sie waren kürzlich im Bundestag bei einer öffentlichen Anhörung des Finanzausschusses eingeladen. Worum ging es?  

Burghof: Der Finanzausschuss hatte mehrere Experten und Vertreter zuständiger Behörden und Interessenverbände geladen, um die Fragen der Ausschussmitglieder zu einem Antrag der FDP-Fraktion zum Thema „Basel-III-Finalisierung und die Kreditversorgung in Deutschland“ zu beantworten. Dabei war ich vermutlich von der FDP-Fraktion vorgeschlagen worden, einige der anderen Experten auch von anderen Fraktionen. Es fiel jedenfalls auf, dass einige Parteivertreter nur ihre Experten befragten. Andere waren da offener.

 

Wofür haben sich die Ausschussmitglieder interessiert?

Burghof: Im Vorfeld konnten die Geladenen eine schriftliche Stellungnahme abgegeben, die auf dem Server des Bundestags öffentlich verfügbar ist. Coronabedingt geschah das von meiner Seite sehr kurzfristig, und ich hatte etwas Sorge, dass mein Text oder die anderer Teilnehmer gar nicht mehr wahrgenommen würden. In der Hinsicht wurde ich positiv überrascht: Einige der Fragen der Abgeordneten bezogen sich erkennbar auf Inhalte aus den Positionspapieren. Man hatte sich offenbar gut vorbereitet.

 

Prof. Hans-Peter Burghof über die öffentliche Anhörung des Finanzausschusses am 1. Juli 2020, an der er als Experte teilnahm:

„Es fiel auf, dass einige Parteivertreter nur ihre Experten befragten. Andere waren da offener.“

 

Was ist Ihnen in der Anhörung sonst aufgefallen?

Bemerkenswert war, dass trotz der perfekten Technik des Bundestags ein online zugeschalteter Experte die an ihn gerichteten Fragen kaum verstehen konnte. Aber ganz unabhängig von diesen technischen Problemen erscheint mir der unmittelbare Austausch wichtig, wenn man überhaupt zu einem Diskurs kommen will. Parlament lebt eben doch, auch in einer solchen Ausschusssitzung, von der Präsenz.

 

Und doch verlangen Coronazeiten überall nach neuen Lösungswegen. Gilt das auch für das Thema Basel III und Bankenregulierung?

Burghof: Ich denke schon. Tatsächlich haben das Europäische Parlament und die Bankaufsichtsbehörden als Krisenmaßnahme in einem sogenannten Quick Fix einige Anforderungen beim Eigenkapital abgemildert und manche Normverschärfungen und Belastungen zumindest verschoben.

 

„Es wäre an der Zeit, darüber nachzudenken, welche Art von Regulierung man wirklich braucht, um ein Versagen der Bankenmärkte zu verhindern.“

 

Es wäre jetzt aber auch an der Zeit, darüber nachzudenken, welche Art von Regulierung man wirklich braucht, um ein Versagen der Bankenmärkte zu verhindern, und ob nicht vieles nur kleinlicher Regulierungs- und Ordnungsdrang ist. Am Ende geht es darum, großen Schaden von der Volkswirtschaft abzuwenden und nicht jeden kleinen Missstand regulatorisch auszuräumen.

 

Hat die Bankenaufsicht das Wohl der Volkswirtschaft nicht im Blick?

Burghof: Im Prinzip doch. Aber die Fokussierung der Aufsicht auf die tatsächlichen wirtschaftlichen Probleme ist unzureichend, die Aufsicht viel zu formalistisch. Die Coronakrise hat ja gezeigt, dass in außergewöhnlichen Situationen vieles leicht verzichtbar ist. Entscheidend war, dass man die aufsichtlichen Vorgaben nicht weiter angezogen, sondern rasch gelockert hat. Das hat die deutsche Bankenaufsicht sehr gut umgesetzt und so dabei mitgewirkt, den wirtschaftlichen Schaden der Krise einzugrenzen.

Aber wir brauchen auch künftig eine Aufsicht, die Probleme in erster Linie aus der ökonomischen Perspektive angeht, und das ist eine Frage der Sichtweise und der fachlichen Kompetenz der Aufseher. Ich finde auch, in der Bankenaufsicht mangelt es dazu angesichts der Normenfülle an diskretionären Spielräumen. Menschen brauchen solche Gestaltungsfreiheiten, um in einer komplexen Welt das Richtige tun zu können. Das gilt für die Aufseher, aber auch für die Mitarbeiter der Kreditinstitute, die in Krisen riskante Entscheidungen treffen müssen.

 

Haben der Aufsicht diese Spielräume auch im Fall Wirecard gefehlt?

Burghof: Das ist ein Aspekt. Es fehlte aber auch der Wille, die vorhandenen Spielräume zu nutzen. Man hat sich hinter möglichst eng gefassten Zuständigkeiten verbarrikadiert und notwendige Aktivitäten unterlassen oder verzögert. Aufgaben wurden zwischen den Behörden hin- und hergeschoben wie heiße Kartoffeln. Offenbar regierte die Angst vor der Übernahme persönlicher Verantwortung.

 

Prof. Hans-Peter Burghof zum Fall Wirecard: „Aufgaben wurden zwischen den Behörden hin- und hergeschoben wie heiße Kartoffeln. Offenbar regierte die Angst vor der Übernahme persönlicher Verantwortung.“

 

Wir brauchen aber keine Duckmäuser, sondern eine starke Aufsicht, die Verantwortung übernimmt und sich auf die wichtigen Fragen und Probleme konzentriert. Davon ist die Bafin leider ebenso weit entfernt wie die EZB. Denn Wirecard flog keineswegs unter dem Radar. Es war ein Dax-Unternehmen, und dass es im Zusammenhang mit Wirecard Sachverhalte gab, die dringend der Aufklärung bedurften, war seit Langem bekannt.

Jede dieser Behörden muss dies gesehen haben und hätte aktiv werden können. Die Situation erinnert an manche tragischen Notfälle im öffentlichen Raum: Viele sind da, aber keiner hilft, weil keiner sich verantwortlich fühlen will.

 

Wie beurteilen Sie das Zusammenwirken von deutscher und europäischer Aufsicht?

Burghof: Die Endverantwortung der EZB für Aufsichtsfragen hat zwei Effekte. Einmal kann die EZB die nationalen Aufseher immer hinterfragen und korrigieren, wenn sie anderer Ansicht über das richtige Vorgehen ist. Das dämpft den Mut und die Entscheidungsfreude in der nationalen Aufsicht.

Der zweite Effekt betrifft eher kleinere Geldinstitute wie die Sparkassen: Es scheint zwischen nationaler und europäischer Aufsicht eine Art Wettbewerb entstanden zu sein, wer sich als der härtere Regulierer erweist. Die deutsche Aufsicht möchte sich bei der Regulierungsintensität von der EZB ungern etwas vorwerfen lassen. Daher tut man so, als wären die kleinen Institute in ihrer Zuständigkeit ein ganz kapitales Wild, das unbedingt eingefangen werden muss. Dabei stellen die kleinen Institute gar kein systemisches Risiko dar.

 

Wird das Regulierungsprinzip Proportionalität in der Aufsichtspraxis noch nicht hinreichend beachtet?

Burghof: Das ist leider der Fall. Im Verhältnis zur Größe der Institute ist die Aufsicht bei den kleinen Häusern relativ teurer und stellt diese vor große Kosten- und Ressourcenprobleme. Diese Beobachtung steht im Gegensatz zur ökonomischen Aufgabe einer solchen Aufsicht, die gesamtwirtschaftlichen Kosten eines möglichen Systemversagens wenigstens teilweise zu internalisieren, das heißt im Ergebnis die großen, systemischen Institute relativ stärker zu belasten. So, wie es ist, entstehen aus den Aufsichtskosten Anreize zu Fusionen und der Bildung immer größerer Institute mit entsprechend höherem systemischem Risiko.

 

„So, wie es ist, entstehen aus den Aufsichtskosten Anreize zu Fusionen und der Bildung immer größerer Institute mit entsprechend höherem systemischem Risiko.“

 

Auch in der Sparkassen-Finanzgruppe wächst der Fusionsdruck. Aus demselben Grund?

Tatsächlich sind in Deutschland die Aufsichtskosten heute der wesentliche Treiber für Bankfusionen. Die Aufsicht ist also bei der Umsetzung der Proportionalitätsprinzipien klar gescheitert. Es gibt mit der Small Banking Box einen ersten systematischen Ansatz zu einer Korrektur. Aber Proportionalität darf kein fernes Zukunftsziel bleiben, sondern muss möglichst schnell umgesetzt werden, sonst wird dauerhafter ökonomischer Schaden entstehen.

 

Welchen ökonomischen Schaden haben große Bankhäuser zu befürchten?

Burghof: Die großen Häuser werden natürlich intensiver, umfassender und hinsichtlich des absoluten Wertes auch kostenträchtiger reguliert. Was mir hier besondere Sorgen bereitet, ist der intensive Einfluss der Aufsicht auf die Gestaltung der Geschäftspolitik. Der marktliche Entdeckungsprozess wird durch die aufsichtliche Kontrolle der Geschäftsmodelle ersetzt.

Dabei kann die Geschäftspolitik in den eigentlich dafür zuständigen Gremien Vorstand und Aufsichtsrat wegen der kontinuierlichen Präsenz der Aufsicht und der Dominanz der Aufsichtsthemen kaum noch frei und mit ausreichender Intensität diskutiert werden. Ein klarer Fall von schlechter Corporate Governance, die allerdings in diesem Fall der Aufsicht geschuldet ist.

 

Basel III muss bis 2022 umgesetzt sein, der Deutsche Bundesrat hat Entlastungen für Sparkassen und Volksbanken gefordert – Zeit genug, um dem Regulierungsprinzip der Proportionalität mehr Geltung zu verschaffen?

Burghof: Nein, wahrscheinlich nicht. Neue Aufsichtsnormen entstehen oft nach Skandalfällen oder Krisen bei großen Instituten, die eine politische Reaktion auslösen. Entsprechend werden die Normen an diesen Instituten ausgerichtet, sind aber im Grundsatz auch von den kleineren Instituten einzuhalten.

 

„Neue Aufsichtsnormen entstehen oft nach Skandalfällen oder Krisen bei großen Instituten. Entsprechend werden die Normen an diesen Instituten ausgerichtet.“

 

Die Großbanken sind verständlicherweise aus Wettbewerbsgründen daran interessiert, dass kleine Geldinstitute die den großen Häusern aufgebürdeten Lasten ebenfalls tragen müssen, und Aufseher sind per se nicht sehr risikofreudig. Eine Anpassung im Sinne der Proportionalität kann daher nur gegen starke Widerstände erfolgen.

 

Die Großbanken bestimmen also die Aufsichtsnormen. Welches Ziel sollte die Aufsicht stattdessen anstreben?

Burghof: Eine sinnvolle Lösung wäre es, die Aufsicht vom Kopf auf die Füße zu stellen und ein unkomplexes Aufsichtsregime für die kleinen Institute zu schaffen, die ja den aus systemischer Perspektive unkritischen Normalfall darstellen. Für systemische Institute oder besondere Risikolagen bedürfte es dann zusätzlicher Vorgaben, die das Basisregime für diese Institute ergänzen oder teilweise ersetzen. Aber eine solche grundlegende Neukonzeption ist leider nicht in Sicht.  

 

Der europäischen Aufsicht ist daran gelegen, dem grenzübergreifenden Geschäft großer Geschäftsbanken den Weg zu ebnen. Würde es mit solchen Großbanken gelingen, hierzulande die Kreditvergabe zu gewährleisten, auf die der Mittelstand angewiesen ist?

Burghof: Angebote zusätzlicher Wettbewerber sind für die mittelständischen Kunden zunächst einmal erfreulich. Allerdings braucht der mittelständische Unternehmer in vielen Situationen auf der Bankenseite ein ebenso unternehmerisch denkendes Gegenüber. So etwas ist in der Filialstruktur einer Großbank nicht ganz leicht zu realisieren. Damit möchte ich aber nicht ausschließen, dass gerade große Mittelständler in gut aufgestellten ausländischen Geldinstituten einen attraktiven Partner finden können.

 

„Der mittelständische Unternehmer braucht in vielen Situationen auf der Bankenseite ein ebenso unternehmerisch denkendes Gegenüber.“

 

In der politischen Diskussion über das deutsche Bankensystem heißt es oft, Deutschlands Bankenmarkt sei gerade im Mittelstandssegment überbesetzt – mehr Wettbewerb wäre insofern sogar negativ zu werten. Wie ist Ihre Meinung?

Burghof: Diese Sicht teile ich nicht. Ob die zusätzlichen Wettbewerber allerdings noch zu großen Effizienzsteigerungen führen, kann mit Blick auf die bestehende Wettbewerbsintensität bezweifelt werden.

Wirkliche Bedenken habe ich in einer anderen Hinsicht: Man kann beobachten, dass sich international tätige Banken in gesamtwirtschaftlichen Krisen gerne auf ihren Heimatmarkt konzentrieren. Das ist für die mittelständischen Kunden dieser Banken in den anderen Märkten ein echtes Problem, da sie gerade in der Krise von ihrer Bank nicht die Unterstützung bekommen, die sie benötigen.     

 

Im Mittelstand gewinnen neben Krediten auch andere Finanzierungsformen an Bedeutung. Was sind die Folgen?

Burghof: Mittelständler lassen sich nicht gerne von Dritten in ihr Geschäft reinreden. Sie nehmen lieber ein geringeres Wachstum in Kauf, als sich mit externen Financiers einzulassen. In dieser Kultur der unternehmerischen Selbstbestimmung ist der Kredit das Mittel mit dem geringsten Risiko des Kontrollverlusts. Viele der heute diskutierten alternativen Finanzierungsformen bringen dagegen einen höheren Einfluss Dritter mit sich und sind daher für etablierte Mittelständler keine echte Alternative.

 

„Mittelständler lassen sich nicht gerne von Dritten in ihr Geschäft reinreden.“

 

Und dann ist da noch das Transaktionskostenproblem: Es hat immer wieder Versuche gegeben, den Mittelstand mit Anleihen an den Kapitalmarkt zu bringen. Der Erfolg dieser Bemühungen ist überschaubar. Viele Investoren konnten die Risiken solcher Mittelstandsanleihen nicht gut einschätzen. Und für die meisten Mittelständler ist der Zugang zum Kapitalmarkt einfach zu teuer.   

 

Sind Venture Capital oder Private Equity heute nicht auch im Mittelstand verbreiteter als noch vor Jahren?

Burghof: Das stimmt, aber das Niveau dieser Aktivitäten ist in Deutschland immer noch vergleichsweise niedrig. Um den notwendigen Strukturwandel voranzubringen und die Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu stärken, sollten wir diese Märkte weiterentwickeln und fördern.

Aus Sicht des Mittelstands ist allerdings zu beachten, dass in diesen Finanzierungsformen der Financier einen großen Einfluss auf das Unternehmen gewinnt. Und solche Finanzierungskonzepte sind immer nur auf einen beschränkten Zeitraum ausgelegt, in dem dann strukturelle Maßnahmen für eine deutliche Wertsteigerung durchgeführt werden sollen. Dahinter stehen Investoren, die ihr Geld möglichst bald und mit einer satten Rendite zurückwollen.

 

„Venture Capital kann man als eine Art Brücke zu einem Börsengang oder zu einer Übernahme des Unternehmens durch Dritte verstehen. Wer eine solche Entwicklung für sein Unternehmen nicht will, ist hier falsch.“

 

So kann man Venture Capital als eine Art Brücke zu einem Börsengang oder zu einer Übernahme des Unternehmens durch Dritte verstehen. Wer eine solche Entwicklung für sein Unternehmen nicht will, ist hier falsch.

 

Wie denken Sie über die Kapitalmarktunion als politisches Ziel?

Burghof: Die Kapitalmarktunion ist ein wichtiges europäisches Projekt zur Förderung der Kapitalmärkte. Es wäre zu begrüßen, wenn die Kapitalmärkte leistungsstärker würden und zur Finanzierung der Wirtschaft noch mehr beitragen könnten.

Leider verfolgt die Europäische Bankenunion keinen vergleichbar positiven Ansatz. Die Namensähnlichkeit von Kapitalmarkt- und Bankenunion verdeckt, dass es bei der Bankenunion vor allem um Einschränkungen und eine immer intensivere Beaufsichtigung durch den Staat geht. Das vage Versprechen, dass die so geschaffenen Hochsicherheitsinstitute dann auch ökonomisch erfolgreicher und wirksamer sein werden, hat sich bisher nicht erfüllt.

 

Das scheint Sie nicht zu überraschen. Warum?

Burghof: Das kann nicht überraschen, wenn man die bekannten Auswirkungen einer überzogenen Bürokratisierung der Wirtschaft in Rechnung stellt. Marktwirtschaft hat eben immer auch etwas mit Freiheit zu tun. Damit entsteht eine gefährliche Asymmetrie: Die Kapitalmärkte werden gefördert, die Bankenmärkte dagegen konsolidiert und bürokratisiert.

 

„Marktwirtschaft hat immer auch etwas mit Freiheit zu tun.“

 

Im Ergebnis wird die vor allem für kleinere Unternehmen wichtige Finanzierung über Banken erschwert, während die Union die Finanzierung der Großunternehmen über den Kapitalmarkt fördert und – das aber nur sehr eingeschränkt – das Größenspektrum der Unternehmen mit Zugang zum Kapitalmarkt nach unten erweitert.

Es wäre schön, wenn auch die Bankenunion verstärkt einen die Märkte fördernden Ansatz verfolgen würde. Stattdessen gibt es eine Vielzahl staatlicher Programme und Institutionen zur Förderung kleiner Unternehmen. Diese sind zwar wichtig, aber doch immer nur ein schlechter Ersatz für eine funktionierende Marktlösung.    

 

Sie sagen, die Kapitalmärkte werden gefördert, die Bankenmärkte dagegen gegängelt. Wo genau liegt der konzeptionelle Fehler der Bankenunion?

Burghof: Das Leitbild des gemeinsamen Marktes scheint mit der Vorstellung einer homogenen Gestaltung der Marktstrukturen einherzugehen. Überall sollten die gleichen Anbieter präsent sein können, und überall sollten die gleichen Regeln gelten. Mit dieser Vorstellung lehnt man sich an zentralistischen Konzepten etwa aus Frankreich an, die für die föderalen Strukturen Deutschlands so gar nicht passen wollen.

Gegen ein solches System spricht aber auch, dass die Homogenität des Systems das systemische Risiko massiv erhöht: Wenn etwas nicht funktioniert, funktioniert es gleich überall nicht mehr. Diese Beobachtung gilt ganz allgemein, aber natürlich ganz besonders für Banken.

 

„Vielfalt scheint von den europäischen Eliten oftmals als eine Art Folklore verstanden zu werden, die der Optimierung der wirtschaftlichen Strukturen eher im Wege steht. Dabei ist Vielfalt etwas äußerst Produktives.“

 

Vielfalt scheint von den europäischen Eliten oftmals als eine Art Folklore verstanden zu werden, die der Optimierung der wirtschaftlichen Strukturen eher im Wege steht. Dabei ist Vielfalt etwas äußerst Produktives, auch und gerade bei der Gestaltung von Finanzierungsbeziehungen und Bankensystemen.

 

Marktvielfalt hat die europäische Bankenaufsicht also nicht vor Augen. Was bestimmt dann das Bild der Aufsicht von einem Bankenmarkt?

Burghof: Die dominierende Vorstellung ist die der börsennotierten Großbank. Dabei nimmt man sich die sehr erfolgreichen Bankensysteme der angelsächsischen Länder zum Vorbild. In diesen Ländern können die großen Institute auch im Retail-Geschäft hohe Gewinne erzielen und wirken daher besser aufgestellt und erfolgreicher als die ertragsschwachen deutschen Institute.

Die stärkere Abgrenzung zwischen dem Retail- und Wholesale-Markt in Deutschland wird daher als ein Fehler im System verstanden und das deutsche Bankensystem geradeheraus als dysfunktional bezeichnet. Das alternative Großbankensystem führt allerdings zu einer Konzentration des Kapitals in den wirtschaftlichen Zentren, die wir uns für Deutschland nicht wünschen würden.

 

Was spräche noch gegen ein angelsächsisches Bankensystem in Deutschland?

Wenn sich ein solches System als ökonomisch effiziente Lösung am Markt herausbilden würde, müsste man dies so hinnehmen. Denn in Deutschland sind die Kunden frei in der Wahl ihrer Bank und können sich heute aus einer großen Vielfalt das Institut auswählen, das ihrer Ansicht nach ihren Bedürfnissen am besten entspricht.

 

„In Deutschland sind die Kunden frei in der Wahl ihrer Bank und können sich aus einer großen Vielfalt das Institut auswählen, das ihrer Ansicht nach ihren Bedürfnissen am besten entspricht.“

 

Der Staat sollte aber in einer marktwirtschaftlichen Ordnung nicht durch seine ursprünglich ganz anders begründeten aufsichtlichen Eingriffe in den Markt die Marktstrukturen bestimmen und, weil man es besser zu wissen glaubt, die vorhandene Vielfalt an Angeboten beschneiden.  

 

Aufsicht und Politik scheinen sich solchen Argumenten oft zu verschließen. Warum?

Burghof: Wenn ich um Verständnis für die besonderen Strukturmerkmale des deutschen Bankenmarktes werbe, höre ich immer wieder, dass die Politik schließlich nicht für Deutschland zu machen sei, sondern für ganz Europa. Das ist richtig. Aber Deutschland ist auch Europas größter Wirtschaftsraum.

Nach dem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU wird der Sparkassenverbund bei den Banken der Bilanzsumme nach wahrscheinlich auf Platz eins oder zwei liegen, und auch die relative Bedeutung des genossenschaftlichen Verbunds wird noch einmal deutlich ansteigen. Dass das ignoriert wird, zeigt die Schieflage unserer Bankenaufsicht.  

 

Gibt es hierzulande mehr Verständnis und Förderung?

Burghof: Auch bei der Bafin und der Bundesbank trifft man häufig auf ein vom angelsächsischen System geprägtes Denken, was auch mit den gängigen akademischen Karrierewegen und Publikationsmöglichkeiten zu tun hat. Es ist aus persönlicher Perspektive einfach lohnender, sich mit dem angelsächsischen System und den dort dominierenden Märkten und Institutionen zu beschäftigen.  

 

„Auch bei der Bafin und der Bundesbank trifft man häufig auf ein vom angelsächsischen System geprägtes Denken.“

 

Für das Sparkassen- und Genossenschaftslager wäre es daher meines Erachtens wichtig, wirklich hochklassige Standards für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem deutschen Finanzsystem zu etablieren und dieser Forschung mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Da geschieht zwar schon einiges, aber es könnte noch mehr passieren.

 

Was könnten Sparkassen- und Verbandsmitarbeiter tun?

Burghof: Auf die deutsche Politik zugehen, auch auf regionaler Ebene, auf der man ja einen unmittelbaren Kontakt hat. Aber vielleicht sollte man auch dem Mittelstand stärker verdeutlichen, dass das, was bei der Aufsicht der Banken passiert, auf mittlere Sicht gravierende Auswirkungen auf sein Geschäftsmodell haben wird. Weder die Regionalität der Kreditversorgung noch die klassische Hausbankbeziehung haben unter diesen Rahmenbedingungen langfristig eine Chance. 

 

Sagen das nicht viele Sparkassenvorstände schon hinreichend deutlich?

Jeder Sparkassenvorstand kann sicher genau erklären, warum die Regulierung ineffizient ist und dass sie eine Sparkasse zu viel Geld kostet. Doch im Grunde geht es hier um die strukturellen Grundlagen des deutschen Wirtschaftsmodells. Das sollten Sparkassen und Fachleute Politikern immer wieder ins Gedächtnis rufen. Wir müssen in Deutschland ein politisches Klima schaffen, in dem sich unsere Kreditinstitute erfolgreich behaupten können. Bis dahin ist es aus heutiger Sicht noch ein sehr weiter Weg. Grund genug, jetzt damit zu beginnen.

 

Professor Hans-Peter Burghof ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim und dort Prorektor für Internationalisierung und Wirtschaftskontakte. 

Nach der Ausbildung zum Bankkaufmann studiert Burghof (Jahrgang 1963) Volkswirtschaftslehre in Bonn. Von 1993 bis 2002 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort wurde er promoviert, danach habilitiert er sich und wechselt 2002 für eine Lehrstuhlvertretung nach Mainz. 2003 übernimmt Burghof den Lehrstuhl für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim. Im Jahr 2008 wird er zum akademischen Leiter der Hohenheim Management School ernannt. 

Der engagierte Ökonom ist außerdem Geschäftsführer der Stiftung Kreditwirtschaft an der Universität Hohenheim, Leiter in führenden akademischen Vereinigungen und Mitglied im Börsenrat der Börse Stuttgart.

 

Christoph Becker
– 17. Juli 2020