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Burkerts Blick
Droht der Insolvenz-Tsunami?
In seinem wöchentlichen Kommentar schaut LBBW-Chef-Volkswirt Uwe Burkert auf die Auswirkungen der staatlichen Hilfen im Zuge der Coronakrise, speziell der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht.

2020 werden laut Schätzungen der Creditreform Wirtschaftsforschung 16.300 Unternehmensinsolvenzen registriert, was ein deutliches Minus um 13,4 Prozent (2530 Insolvenzen) gegenüber dem Vorjahr (2019: 18.830) aufzeigt. Der Rückgang täuscht jedoch über die wirkliche Situation hinweg, dürften doch die Maßnahmen der Bundesregierung (befristetes Aussetzen der Insolvenzregeln bei Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung sowie die direkten Stützungsgelder für Unternehmen) dazu beigetragen haben, die Anzahl der Insolvenzen zu reduzieren.

Tatsächliche Situation ab Mai in Insolvenzzahlen sichtbar

Die massiven Auswirkungen auf Liquiditäts- und Finanzlage durch die Rezession werden gerade für Gastronomie, Einzelhandel sowie Messe-, Reise- und Veranstaltungsbranche stärker ausfallen. In den Hauptwirtschaftsbereichen ist eine Senkung der Insolvenzzahlen im Jahresverlauf zu beobachten: Am deutlichsten ist dieser Rückgang im Baugewerbe (minus 16,4 Prozent), dicht gefolgt vom Handel (minus 16,3 Prozent).

Erklärt werden kann dies durch die weiterhin gute Auftragslage, welche im Baugewerbe verzeichnet werden konnte. Im Handel dürften sich die Corona-Hilfsgelder überdurchschnittlich bemerkbar gemacht haben. Durch die Hilfsprogramme der Bundesregierung wurden so (zunächst) viele Insolvenzen vermieden. Den größten Anteil aller Insolvenzen des Jahres 2020 (58,1 Prozent) entfiel auf das Dienstleistungsgewerbe.

Wo lägen wir ohne den Staat?!

Für gewöhnlich steigt die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Krisenzeiten an. Die bisher höchsten Anstiege pro Jahr gab es zu Zeiten der Ölpreiskrisen in den Jahren 1974 (plus 50 Prozent), 1982 (plus 40 Prozent), nach dem Auslaufen des Wiedervereinigungsbooms 1993 (plus 39 Prozent) ebenso wie nach dem Platzen der IT-Blase im Jahre 2002 (plus 16 Prozent).

Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 ist die Zahl der Unternehmensinsolvenzen um „nur“ zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Legt man also die historischen Erfahrungen zugrunde, so könnten die jährlichen Insolvenzen 2021 um bis zu 50 Prozent zunehmen, was zusätzlich zirka 8200 Insolvenzen entsprechen würde. Sollten sich die Zahlen wie nach der Finanzkrise im Jahr 2009 entwickeln, hätte dies einen Anstieg um zwölf Prozent (zirka 2000 Unternehmen) zur Folge.

Hilfe zur Selbsthilfe statt Zombies

Insolvenzen gab es immer wieder. Sie gehören zu einem lebendigen Wirtschaftsorganismus dazu. Schumpeter nannte das „schöpferische Zerstörung“. Wichtig aus volkwirtschaftlicher Sicht ist, dass das Potenzialwachstum, also die Leistungsfähigkeit einer Volkwirtschaft, gestärkt und nicht geschwächt wird.

Staatseingriffe inklusive niedriger oder gar negativer Zinsen führen zu einer dramatischen Verzerrung dieses Prozesses. „Stütze für alle“ ist keine Basis für eine starke, wettbewerbsfähige Wirtschaft mit guten und zukunftssicheren Arbeitsplätzen. Wir brauchen eine verantwortungsvolle Wiederöffnungsperspektive mit unternehmerischer Freiheit. So schnell wie möglich!

Insolvenzen unnötig zu verschleppen oder „Stütze für alle“ ist keine Unternehmensperspektive, sagt LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert.
Uwe Burkert, LBBW
– 29. Januar 2021