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Coronakrise / Kommentar
Inflation bisher nicht in Sicht
Die Coronakrise schafft zwar monetäres Inflationspotenzial, doch der reale Preisauftrieb wird auf Sicht wahrscheinlich niedrig bleiben.

Seit Jahren gelingt es der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht mehr, ihr Inflationsziel von „nahe, aber unter zwei Prozent“ zu erreichen. Der Abstand nach unten war zeitweilig so groß, dass eine Deflation nicht mehr unerreichbar erschien. 

Doch nunmehr taucht die Inflationsangst wieder auf: Die Bundesregierung hat in ihrem Kampf gegen das Coronavirus einen Shutdown über weite Kreise von Wirtschaft und Gesellschaft verhängt, was den Absturz ganzer Wirtschaftsbranchen in eine bedrohliche Krise bewirkte.

Staatliche Hilfen in ungekanntem Ausmaß

Um die negativen Folgen für private Unternehmen, aber auch öffentliche und private Haushalte abzumildern, gewährte der Staat finanzielle Hilfen in bisher nie gekanntem Ausmaß. Gleichzeitig weitete die EZB ihre Anleihekäufe aus, sodass die Liquiditätspegelstände neue Höchstmarken erreichen.

Kein Wunder, dass explodierende Staatsschulden und eine hyperaktive Geldpolitik – mit Blick auf die künftige Geldwertstabilität – Sorge bereiten.  Hans-Werner Sinn, ehemaliger Präsident des ifo Instituts, fühlt sich an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erinnert, „als man eine kaputte Wirtschaft hatte, die spanische Grippe kam und Deutschland versuchte, sich mit frisch gedrucktem Geld zu retten“.

 

„Ich fühle mich an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erinnert, als man eine kaputte Wirtschaft hatte, die spanische Grippe kam und Deutschland versuchte, sich mit frisch gedrucktem Geld zu retten.“

Hans-Werner Sinn, ehemaliger Präsident des ifo Instituts.

 

Die Vergangenheit lehrt

Aber die Vergangenheit lehrt auch, dass eine lockere Geldpolitik nicht zwangsläufig zu verschärfter Inflation führt. Schließlich flutet die EZB die Eurozone bereits seit der Finanzkrise 2008/09 mit Liquidität. Dennoch hielt sich die Inflation hierzulande mit jährlich durchschnittlich 1,3 Prozent in engen Grenzen, also weit unterhalb des EZB-Ziels –  trotz etwa zehn Jahren wirtschaftlichen Wachstums. 

Auch nach Corona wird die demografische Situation weiterhin inflationsdämpfend wirken. Ob sich die seit dem Konflikt zwischen den USA und China eingetretene Rückentwicklung der wirtschaftlichen Globalisierung fortsetzen wird, dürfte der Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen entscheiden.

Kurzarbeit und Angst vor Arbeitslosigkeit

Doch zumindest kurz- und mittelfristig wird die Inflation kaum bedrohlich nach oben getrieben werden, zumal die derzeit tiefste Rezession in der Bundesrepublik dem entgegenwirkt: 7,5 Millionen Kurzarbeiter und die steigende Angst vor Arbeitslosigkeit beeinträchtigen bereits den privaten Konsum, der maßgeblicher Träger des langen Aufschwungs war.

Laut Institut für Demoskopie Allensbach kämpfen schon jetzt 30 Prozent der Berufstätigen mit Einkommenseinbußen und weitere zwölf Prozent befürchten dies für die Zukunft.

Kräftige Umsatzeinbrüche bei den Unternehmen

Zudem zeigt sich, dass es bei den Unternehmen trotz staatlicher Hilfeleistungen zu teils kräftigen Umsatzeinbrüchen und Beeinträchtigung der Erträge kommt, was sich dämpfend auf deren Investitionstätigkeit auswirken wird. Ferner ist die große Exportnation Deutschland auch von der Coronasituation bei ihren Handelspartnern abhängig.

Kurzfristig wird es somit zu keiner inflationstreibenden Erholung der Realwirtschaft kommen. Zwar wächst die Geldmenge seit Ausbruch der Coronakrise schneller, aber dies sollte sich zunächst vor allem in höheren Preisen für Vermögenswerte wie Aktien, Gold und zum Teil Immobilien niederschlagen.

Nach Ansicht von Volkswirten spricht einiges dafür, dass sich das monetäre Inflationspotenzial in den kommenden zwei bis drei Jahren nicht in höheren Inflationsraten niederschlägt. Auch die EZB geht davon aus, dass der Preisauftrieb in dieser Zeit sehr niedrig bleiben wird, wie Fabio Panetta , Direktoriumsmitglied der Bank, betont.

Dieter W. Heumann
– 10. Juli 2020