Zurück
Diagnose Mittelstand
Von wegen Provinz
Verblüffendes Ergebnis der Analyse des DSGV: Unternehmen in ländlichen Regionen stehen wirtschaftlich besser da als ihre städtischen Konkurrenten, trotz besserer Standortfaktoren in Ballungsgebieten.

Die Coronakrise war eine „volle Breitseite“ für die deutsche Realwirtschaft. Sie traf die Unternehmen schneller und in größerem Umfang als die Finanzkrise von 2008/2009. Nun muss sich zeigen, welche Betriebe langfristig die Kraft haben, sich aus der Krise herauszuarbeiten, ihre Geschäftsmodelle anzupassen und Durststrecken zu überwinden.

Im Durchschnitt sind die deutschen Mittelständler kapitalstark in die Krise gegangen. Sie haben die zurückliegenden „fetten“ Jahre gut genutzt und Gewinne im Unternehmen gehalten. Die Eigenkapitalquote lag 2019 – also im Jahr vor Corona – bei 38,4 Prozent. Gleichzeitig ist das Liquiditätspolster der Unternehmen seit 2008 um rund 70 Prozent gewachsen. Beide Faktoren sind echte „Stresspuffer“ in Krisenzeiten.

Landwirtschaft dürfte sich rasch erholen

Allerdings wurden einzelne Branchen unterschiedlich stark getroffen. Jeder weiß von sich selbst: Reisen mussten abgesagt werden, in geschlossenen Geschäften war schlecht einkaufen, und auch größere Anschaffungen wie etwa ein Auto haben viele Arbeitnehmer lieber verschoben – dafür aber öfter zuhause gegessen.

Die Mittelstands-Experten der Sparkassen erwarten vor allem für Unternehmen der Reisebranche (inklusive Hotels), des Einzelhandels und der Gastronomie einen langwierigen Erholungsprozess. Landwirtschaftliche Betriebe, Immobilienunternehmen und unternehmensnahe Dienstleistungen sollten nach Ansicht der Berater nach spätestens drei Jahren die Folgen der Krise überwunden haben.

Doch nicht nur Branchen, auch Stadt und Land haben unterschiedliche Voraussetzungen für eine wirtschaftliche Erholung.

Schlechtere Faktoren, aber bessere Kennzahlen auf dem Lande

Die aktuelle „Diagnose Mittelstand“ des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands zeigt dazu Überraschendes: Obwohl Unternehmen in ländlichen Räumen die vorhandenen Standortfaktoren (zum Beispiel Infrastruktur, Fachkräfte, Wertschöpfungsnetze) im Ganzen schlechter bewerten als ihre städtische Konkurrenz, stehen sie in wichtigen Kennzahlen besser da. Sie verfügen im Schnitt über mehr Eigenkapital und haben eine leicht höhere Umsatzrentabilität.

Diese Tendenz ist keine Momentaufnahme, sondern bestätigt sich auch über einen längeren Zeitraum.

 

Eine Umfrage unter den Gewerbekundenbetreuern der Sparkasse kam zusätzlich zu dem Ergebnis, dass ländliche Klein- und Mittelunternehmen (KMU) bisher weniger schwer von der Corona-Krise getroffen wurden als städtische. So lag der Anteil der KMU, die zu Beginn des weltweiten Lockdowns Umsatzeinbrüche von mehr als 20 Prozent erlitten haben, in ländlichen Gebieten deutlich niedriger als in den Städten.

Mehr Kurzarbeit in den Städten

Folglich waren ländliche KMU auch weniger von Kurzarbeit betroffen als städtische. Während bei den städtischen Unternehmen knapp zwei Drittel Kurzarbeit beantragt haben, war es bei den ländlichen nur rund jedes zweite Unternehmen. Und auch bei der direkten Frage nach möglichen Insolvenzen sehen Gewerbekundenbetreuer städtischer Sparkassen ein leicht höheres Risiko für ihre Kunden als die Berater in ländlichen Sparkassen.

Familiengeführte Unternehmen und Sparkassen sorgen für Stabilität

Vor allem Landkreise und kleinere Städte zeigen sich damit krisenfest. Hier ist die Investitionsfähigkeit der Unternehmen besser als im Bundesdurchschnitt. Eine Erklärung dafür lieferte jüngst das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln. In einer Studie im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft argumentierte das IW Köln: Landkreise, in denen viele familiengeführte Unternehmen zu Hause sind, stünden wirtschaftlich besser da als andere.

Genau diese lokale Wirtschaftskraft unterstützten die Sparkassen durch ihre dezentrale Struktur und ihre Präsenz vor Ort. So ist beispielsweise die Erreichbarkeit von Sparkassen im Vergleich zu Großbanken insbesondere in ländlichen Gegenden deutlich besser (die SparkassenZeitung berichtete).

450 000 Einzeldatensätze ausgewertet

Die Grundlage der jährlichen „Diagnose Mittelstand“ bilden 450.000 Einzeldatensätze zu Einzelunternehmen, Personen- und Kapitalgesellschaften mit einem Umsatzvolumen von bis zu 50 Millionen Euro, sowie eine umfassende Befragung von Firmen- und Gewerbekundenberatern in Sparkassen. Es ist die größte derartige Datenerhebung in Deutschland.

Das ausführliche Papier zur Diagnose Mittelstand des DSGV finden im Anhang an diesen Artikel.

Anke Bunz
– 18. November 2020