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Forschung / Bankenmarkt / Interview
Viele Säulen erhöhen die Krisenresistenz
Ist der Finanzsektor eines Landes während einer Krise stabiler, wenn er von verschiedenen Bankentypen geprägt ist? Die Professoren Dorothea Schäfer und Hans-Helmut Kotz sind dem auf den Grund gegangen, wir haben nachgefragt.

Frau Schäfer und Herr Kotz, in Ihrem Forschungsprojekt haben Sie die Bedeutung von Institutsvielfalt für die Stabilität des Bankensektors und die Finanzierung von kleinen und mittelgroßen Unternehmen untersucht, auch unter dem Eindruck der Finanzmarktkrise in den Jahren 2007 bis 2014. Welche Intention steht hinter diesem Forschungsansatz?

Dorothea Schäfer: Die Krise hat erhebliche Zweifel geweckt, ob frühere Befunde noch Bestand haben, die für stärker konzentrierte Bankensektoren relative Vorteile bezüglich Stabilität und Leistungsfähigkeit finden. Das Ziel bestand unter anderem darin, herauszuarbeiten, ob sich institutionelle Vielfalt im einheimischen Bankensektor auf die Stabilität der Banken auswirkt.

Ein weiteres Ziel, das Hans-Helmut Kotz und ich mit der Herausgabe des Bandes „European Banking Landscape Between Diversity, Competition and Concentration“ verfolgt haben, war es, den Stand der Forschung zur Bedeutung von institutioneller Vielfalt im Bankensektor aufzuarbeiten, indem wir Wissenschaft und Praxis zu Wort kommen ließen.

In einem gemeinsamen Beitrag zum Vierteljahresheft haben wir überdies die unterschiedlichen Facetten von Vielfalt im Finanzsystem der Europäischen Union aufgezeigt und die weiterhin bestehenden Forschungslücken herausgearbeitet.

Hans-Helmut Kotz: Uns leitet Neugier. Wir wollen einfach wissen, inwieweit Vielfalt – die Industriestruktur des Bankensektors – Einfluss auf den Zugang von KMUs zu Krediten hat. Vielfalt könnte auch zu mehr Wettbewerb bei den Konditionen beitragen.

Schließlich ist es denkbar und analytisch naheliegend, dass eine nach Größe, geschäftlichen Schwerpunkten und Verhaltensweisen differenzierte Bankenstruktur zu mehr Stabilität beiträgt.

Es kann aber auch das Gegenteil der Fall sein: Alle verhalten sich gleich, sind sozusagen systemisch als Herde. Kurzum, wir haben die Antwort nicht, bevor wir uns die Daten anschauen.

Dorothea Schäfer ist Forschungsdirektorin Finanzmärkte am DIW Berlin und außerordentliche Professorin an der Jönköping University – Jönköping International Business School (Economics).

Sie kommen zu dem Ergebnis, dass eine diversifizierte Bankenlandschaft den Kreditsektor in schwierigen Zeiten stabilisiert. Warum ist das so?

Schäfer: In der empirischen Studie zum Zusammenhang zwischen institutioneller Vielfalt im einheimischen Bankensektor und Bankstabilität finden wir unter Anwendung etablierter ökonometrischer Schätzmethoden einen positiven Zusammenhang.

Die grundsätzliche Überlegung dahinter ist eine im Finanzbereich wohlbekannte Regel, nämlich „Leg nicht alle Eier in einen Korb“. Übertragen auf das Bankensystem bedeutet dies, dass das System bei Koexistenz unterschiedlicher Banktypen stabiler sein sollte, als wenn es nur einen Banktyp gibt und alle Banken das gleiche machen.

In einer Krise ist bei unterschiedlichen Banktypen das Risiko der gegenseitigen Ansteckung geringer. Es ist zu erwarten, dass von dieser größeren Systemrobustheit auch die einzelne Bank profitiert. Diese Hypothese ist die Grundlage der Studie.

Kotz: Zunächst operationalisieren wir Vielfalt und machen sie messbar. Dann schauen wir auf die Daten, um herauszufinden, ob es einen und gegebenenfalls welchen Zusammenhang es gibt zwischen unserem Messkonzept und dem Niveau des Wettbewerbs (Marktmacht), der Stabilität des Sektors, den Konditionen des Zugangs zu externen Mitteln und dem Fit (der Komplementarität) zwischen der Finanzierungsstruktur und der Realwirtschaft.

Wir finden einiges an vorläufiger Unterstützung für unsere These. Die wird vor allem auch durch die sehr lesenswerten Beiträge der anderen Autoren zum DIW-Vierteljahrsheft gestützt.

Hans-Helmut Kotz ist seit zehn Jahren Mitglied der Fakultät des Center for European Studies und unterrichtet im Department of Economics, beide Harvard University, Cambridge, MA. Er ist Senior Fellow am Frankfurter Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE und Honorarprofessor an der Universität Freiburg i. B.

Gilt das auch für Zeiten, in denen die Volkswirtschaften nicht im Krisenmodus laufen?

Kotz: Wir vermuten dies. Unsere Datenbasis ist für einige der Indikatoren allerdings zeitlich zu begrenzt. Man bräuchte Zeitreihen, die über mehrere Zyklen gehen, am besten auch für viele Länder, also sogenannte Paneldaten.

Schäfer: Wir haben in der Studie auch für die Nichtkrisenjahre einen positiven Effekt auf die Institutsvielfalt gefunden, allerdings ist der Zusammenhang dann weniger robust. Aus unserer Sicht entscheidend ist aber der Befund zu den Krisenjahren. Er zeigt nämlich, dass eine Politik, die Konzentration und Uniformität im Bankensektor fördert, eher eine Schönwetterpolitik ist, unvereinbar mit Krisenvorsorge und Erhöhung der Resilienz von Banken.

 

Krisenvorsorge spielt auch in einigen Beiträgen des gemeinsam herausgegebenen Vierteljahrshefts eine zentrale Rolle. Ihre Untersuchung umfasste geografisch die Bankenlandschaft im EU-Raum. Konnten Sie  Unterschiede hinsichtlich der Stabilität in Krisenzeiten feststellen?

Schäfer: Der gefundene statistisch signifikante Zusammenhang zwischen institutioneller Vielfalt und Bankstabilität, besonders für die Krisenjahre 2007 – 2014, erlaubt die Aussage, dass Banken in EU-Ländern mit geringer institutioneller Vielfalt im Durchschnitt weniger stabil waren als Banken in Ländern mit einem hohen Grad an institutioneller Vielfalt.

Kotz: Was die Kapitalausstattung und die „Entfernung zum Unfall“ (Z-score) betrifft, haben die Unterschiede zwischen den EU-Ländern abgenommen. Zwischen 2007 und 2016 sind sie bei den ausfallbedrohten Kredite allerdings gestiegen.

Das dürfte aber mit einem von uns nicht berücksichtigten („confounding“) Faktor zu tun haben: Die gesamtwirtschaftliche Lage war sehr unterschiedlich. Deren Verbesserung und Annäherung hat auch zu einer geringeren Anzahl an notleidenden Krediten geführt.

Vor der Covid-19-Krise. In Deutschland haben wir eine dreiteilige Kreditwirtschaft aus Privatbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Diese institutionelle Vielfalt wirkt sich positiv auf die Stabilität der einzelnen Banken aus, erklären Sie – und das trotz der verstärkten Wettbewerbssituation.

 

Warum ist das so?

Kotz: Es ist für die Kunden – bis zu einem gewissen Maße – gut, wenn Anbieter sich über den Wettbewerb beschweren. Die Rede vom sich verschärfenden Wettbewerb war übrigens schon ein Evergreen, bevor ich mich mit den Fragen beschäftigte – und das sind inzwischen fast 40 Jahre.

Ein Indikator dafür, dass sich die Kreditinstitute tatsächlich mehr anstrengen müssen, ist die strukturell sinkende Zinsmarge. Da gibt es allerdings Unterschiede zwischen den EU-Ländern. Frankreich mit einem deutlich höheren Konzentrationsgrad hat „bessere“ Margen. Das gilt auch für Schweden. In Frankreich gibt es allerdings auch keine öffentlichen Sparkassen mehr. Das Drei-Sektoren-Modell ist vorteilhaft, weil es die Sektoren anregt, sich unterschiedlich zu verhalten.

Schäfer: In einem Teil der Literatur findet sich der Befund, dass ein geringerer Preissetzungsspielraum, also ein höherer Wettbewerb, mit Einbußen bei der Bankstabilität einhergeht. Diesen Zusammenhang finden wir auch in unserer Untersuchung.

Institutionelle Vielfalt wirkt aber diesem Effekt entgegen und erhöht die Bankstabilität. Besonders Sparkassen und Genossenschaftsbanken scheinen in ihren lokalen Märkten Vorteile zu haben, die dem scharfen Wettbewerb etwas entgegensetzen.

 

Sie sprechen von der disziplinierenden Wirkung eines stärkeren Wettbewerbs auf die Risikobereitschaft von Banken. Worauf beruht diese Erkenntnis?

Schäfer: Zu den Auswirkungen eines stärkeren Wettbewerbs auf die Stabilität der Banken gibt es in der Literatur durchaus unterschiedliche Befunde. Ein Strang findet, dass ein wettbewerbsintensives und wenig konzentriertes Bankensystem fragiler ist.

Ein anderer Strang betont, dass stärkerer Wettbewerb die Kreditvergabe an KMU in einer aufstrebenden Volkswirtschaft erhöhen, die Innovation der Unternehmen stimulieren und die Effizienz der Banken fördern kann, auch weil die Kreditzinsen niedrig gehalten werden.

Zudem muss bedacht werden, dass international tätige Großbanken mit impliziten staatlichen Garantien einen Anreiz haben, hohe Risiken einzugehen, die zwar in guten Zeiten auch hohe Gewinne sichern, aber in schlechten Zeiten extreme Anfälligkeit bedeuten.

 

Sie sagen, dass institutionelle Vielfalt im Bankensektor für die Wirtschaft gerade in Krisenzeiten als eine Art Versicherungsmechanismus besonders wertvoll sei. Wie ist das zu verstehen?

Kotz: Wir sagen: Bilanzpolitik spricht lauter als Mission-Statements. Die wesentliche Ursache der Weltfinanzkrise waren strukturierte Produkte – undurchsichtig, mit wenig Haftungskapital unterlegt. Die waren zu kompliziert für die mittlere Sparkasse und Genossenschaftsbank und ebenso für die mittlere Privatbank.

Zum Glück haben sich damals auch einige größere Institute zurückgehalten, obwohl das schwer war, angesichts der Anforderungen mancher Eigentümer an die Eigenkapitalrendite. Institutionelle Vielfalt ist also vor allem dann ein Vorteil, wenn sie in unterschiedlichem Verhalten zum Ausdruck kommt.

Schäfer: Wir finden, dass institutionelle Vielfalt mit einer geringeren Schwankung der Gesamtkapitalrendite einhergeht, und dieses Ergebnis ist statistisch signifikant. Es gibt außerdem auch anekdotische Evidenz, die zeigt, dass Sparkassen und Genossenschaftsbanken schon bald nach der Insolvenz von Lehman Brothers zum Stabilitätsanker wurden.

Anders als das Geschäftsmodell der international tätigen Großbanken war das lokal ausgerichtete Geschäftsmodell von Sparkassen und Genossenschaftsbanken weitgehend unempfindlich gegenüber dem Liquiditätsschwund auf den internationalen Geldmärkten.

 

Und hat sich das Ihrer Ansicht nach in der Finanzmarktkrise positiv auch auf die deutsche gesamtwirtschaftliche Situation ausgewirkt?

Kotz: Ja. Wir hatten nie ein Kreditklemmen-Problem. Aber dafür, dass man damals im Vergleich mit den G-20-Staaten vom deutschen Wunder sprach, spielt eine Reihe weiterer Gründe eine Rolle: Kurzarbeitergeld zum Beispiel. Die soziale Einbettung ist ein Thema, das vor allem Sparkassen interessieren sollte.

 

Welche Rolle spielen die doch eher regional agierenden Sparkassen und Genossenschaftsbanken in einer diversifizierten Bankenlandschaft? Beeinflusst deren Engagement die Finanzierungsgrundlagen für sogenannte KMU-Firmen?

Schäfer: Der Einfluss ist meiner Einschätzung nach groß. Es gibt eine ausführliche Literatur zum Relationship-Banking und zu Finanzierungsbeschränkungen. Firmen mit Hausbankenbeziehung haben demnach eine geringere Wahrscheinlichkeit, finanzierungsbeschränkt zu sein.

Viele Studien haben festgestellt, dass eine solche Beziehung vorteilhaft ist für die KMUs. Hausbanken kennen ihre Kunden besser, ihre Produkte passen daher besser zu den Firmen, und sie bleiben mit größerer Wahrscheinlichkeit auch in einer Krise an der Seite ihrer Kunden.

Höchstwahrscheinlich gibt es auch so etwas wie ein Schlüssel-Schloss-Prinzip: Bestimmte Firmen, tendenziell KMUs, passen besser zu Sparkassen und Genossenschaftsbanken als zu global tätigen Großbanken. Für die USA wurde beispielsweise jüngst festgestellt, dass in der Coronakrise Regionalbanken viel besser darin sind als die Großbanken, überlebenswichtige Corona-Förderkredite an ihre Unternehmenskundinnen und -kunden zu vergeben.

Kotz: Ja. Nähe ist wichtig. Sie verringert Kosten der Distanzüberwindung. Besonders gut ist es, wenn drei verschiedene Konkurrenten sich um potenzielle Kunden bemühen.

 

Gibt es Anhaltspunkte dafür, ob – und, wenn ja, welche – Institutsgruppen von einer diversifizierten Bankenlandschaft besonders profitieren?

Kotz: Offen gestanden interessiert uns die Frage nicht oder nur indirekt. Was uns am Ende interessiert ist, was mit den Kunden passiert. Bekommen die preiswerte Produkte? Müssen Steuerzahler möglichst selten für systemische Unfälle geradestehen? Natürlich braucht es dazu Kreditinstitute, die ihre Kosten rausholen plus eines normalen Gewinns. Aber nicht mehr.

 

Lassen sich aus den Ergebnissen Ihres Forschungsprojekts wirtschaftliche oder wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen ableiten?

Schäfer: Die Handlungsempfehlung, die wir geben, ist ganz klar: Achtet auf institutionelle Vielfalt im Bankensektor und vermeidet Regulierungen und Politiken, die diese institutionelle Vielfalt beschädigen.

Kotz: Es lassen sich zunächst bankpolitische Schlussfolgerungen ziehen. Öffentliche Banken haben einen anderen Auftrag als privatwirtschaftliche Institute, die – völlig legitim – nach hohem Gewinn streben.

Für mich war es zum Beispiel nicht nachvollzierbar, dass der Deutsche Sparkassen- und Giroverband Anfang der 2000er-Jahre ehrgeizige Return-on-Equity-Ziele formulierte, die übrigens im Mittel natürlich unerreicht blieben. Das galt auch für die intensiven Bemühungen, Baseler Regeln, die explizit für international tätige Banken gedacht waren, auf lokale Institute zu übertragen.

Die US-Regulierer, die in Basel am Tisch saßen, dachten an Regeln für maximal 20 Institute – und setzten diese nie um. Dass heute „Proportionalität“ gefordert wird, ist also ein Gewinn. Die Vor- und Nachteile eines Systems mit hohem Anteil Banken, solche, die „normale“, also durchhaltbare Renditeanforderungen verfolgen, erweisen sich darin, inwiefern diese den Kunden dienen.

Das Interview ist in der Zeitschrift „Wissenschaft für die Praxis“ erschienen, die von der Stiftung für die Wissenschaft herausgegeben wird.

Klaus Krummrich, DSGV
– 4. November 2020