Zurück
KOMMUNEN / Nachhaltigkeit
„Nachhaltigkeit ist Daseinsvorsorge plus Zukunft schaffen“
Die niedersächsische Stadt Geestland steckte fest zwischen hohen Fixkosten und den Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger. Heute ist sie nachhaltig saniert – ein Beispiel, von dem auch Sparkassen lernen können. 

30.000 Menschen wohnen in Niedersachsens zweitgrößter Flächenkommune. 2006 ist Thorsten Krüger dort Bürgermeister geworden. Ein halbes Jahr hat er sich angeschaut, wie die Altschulden den Handlungsspielraum und damit die Leistungen für die Bürger immer weiter auffraßen. Dann trat er auf die Bremse und verordnete seiner Stadt eine Radikalkur: unternehmerische, soziale und ökologische Nachhaltigkeit.

Erst ökonomisch, dann ökologisch

Begonnen hat die Stadt auf der unternehmerischen Seite. „Wir haben auf eine nachhaltige Ausgabepolitik umgestellt“, berichtet Krüger. Dazu gehörte auch ein Verschuldungsverbot. Dann nahm sich die Stadt die größten Stromposten vor und stellte als erste in Europa die komplette Straßenbeleuchtung auf LED um. „Über Energieeffizienz kann man beim CO2 schon sehr viel erreichen“, sagt Krüger. „Am besten fängt man bei den großen Brocken an.“

Die Stadt Geestland hat deshalb umfassend in ihre Infrastruktur investiert und dazu auch Landesmittel genutzt, die im Zuge einer kommunalen Gebietszusammenlegung frei wurden.

„Am besten fängt man bei den großen Brocken an.“

Thorsten Krüger, Bürgermeister von Geestland

Nicht alles auf einmal

Krüger weiß, dass vor allem bei der Ökologie die Zeit drängt. Die Klimaerwärmung ist schon deutlich über ein Grad und damit nah an der Grenze, die in den Pariser Klimazielen vereinbart wurde, um eine unkontrollierte weitere Erwärmung zu verhindern. „Aber es ist nicht möglich, dass wir innerhalb von zehn Jahren die gesamte Wirtschaft komplett umstellen“, sagt er. 

„Man sieht doch jetzt am Lockdown, welche Folgen es hat, wenn alles runtergefahren wird – und C02 verursachen wir trotzdem.“ Er wendet sich deshalb dagegen, Unternehmen durch bürokratische Vorgaben zu überfordern oder gar kleine Betriebe von Lieferbeziehungen auszuschließen. „Sie brauchen mehr Zeit für die Umstellung – 2035 ist ein gutes Zieldatum.“ Das vertreten auch die Sparkassen.  

Konflikte aushalten und vielfältig lösen

Gerade lokale Entscheider müssen immer wieder den Konflikt zwischen Umwelt- und sozialen Belangen auflösen. Was hat Vorrang: die neue Schule mit Bildung für alle – oder die Bäume, die dort vorher standen?

Am Ende hilft die Kombination vieler Maßnahmen: der Mittagstisch für bedürftige Kinder, an dem auch zahlende Gäste und alleinstehende Senioren gern gesehen sind. Die Saatgutmischungen, die Bürger aus dem Automaten ziehen und mit denen sie ihre Gärten bienenfreundlich gestalten können. Oder die 100.000 Quadratmeter Blühwiesen im Innenstadtbereich, wo bisher teuer zu pflegende Grünstreifen waren. „Fortschritte müssen zu sehen sein! Dann nimmt man die Menschen mit“, ist Krügers Erfahrung.

Messbare Fortschritte statt Aktionismus

Von Aktionismus hält er allerdings nichts – dafür aber sehr viel von individuellen Lösungen vor Ort.  „Wir haben 11.000 Kommunen, und das heißt 11.000 Wege zur Nachhaltigkeit.“ Der erste Schritt in Geestland war, die Kernaufgaben der Kommune abzusichern: Leistungen für Familien, Bildung und Wirtschaft.

Danach kamen Demografie und Energie als zwei große Felder, in denen generationengerechte und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden müssen. 

Geestland gehört zum Netzwerk Nachhaltiger Gemeinden und engagiert sich inzwischen auch international – für zukunftsfähige Lebensbedingungen weltweit.

Natur- und Klimaaspekte bildet die Stadt heute auch dadurch ab, dass für jeden typischen Vorgang Pauschalen für den CO2-Verbrauch ermittelt werden, die dann ebenso in die Gesamtplanung einfließen, wie die Budgetmittel. Soweit möglich, achtet die Gemeinde auch auf „menschengerechte“ Lieferketten bei ihren Dienstleistern. Bei jedem Vorgang muss zudem angegeben werden, auf welches der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen er einzahlt – das schafft Bewusstsein.

Tipps für Sparkassen

Den Sparkassen rät Bürgermeister Krüger, der selbst auch zertifizierter Nachhaltigkeitsmanager ist, zu einem schrittweisen Vorgehen. „Genau wie viele Kommunen sehen Sparkassen gar nicht, wie einfach und wirkungsvoll die ersten Schritte sein können“, sagt er. „Wenn sie zum Beispiel Wandflächen in Büros und Filialen mit Moos bepflanzen, haben sie die CO2-Kompensation quasi im Haus.“

Entscheidend sei, die eigenen Erfolge intern zu verarbeiten und darauf aufzubauen. „Sparkassen könnten zum Beispiel für ihre Azubis ein Projekt daraus machen, die wichtigsten CO2-Quellen im Geschäftsbetrieb zu erfassen.

Wenn man das mit Pauschalen unterlegt, kann man die eigenen Emissionen schon sehr gut steuern – und es bleibt händelbar.“ Als Kommunalpolitiker wirbt Krüger dafür, dass bei Immobilienvorhaben automatisch Dächer begrünt werden. Die Gemeinde selbst macht das so.

Es summt im Ort

Auch die die örtliche Weser-Elbe-Sparkasse hat ein grünes Dach. Auf die Wespa lässt Krüger „nichts kommen“, wie er es ausdrückt. Stadt und Sparkasse kooperieren zum Beispiel beide mit örtlichen Imkern und haben Bienenvölker angesiedelt.

Nur als Anlagekunde kommt die Stadt Geestland dort derzeit nicht vor. „Wie legen nicht an, wir investieren alles in die Stadt“, bestätigt der Bürgermeister. Aktuell plant er eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft, die älteren Menschen die Nebenkosten erlässt. „Ökologie und Soziales gehören zusammen.“

 

Zur Person:

Thorsten Krüger (*1966) ist Bürgermeister der Stadt Geestland in Niedersachen. Sein Wissen als zertifizierter Nachhaltigkeitsbeauftragter nutzt er, um Haushalt und Leistungen der Stadt „enkelkindtauglich“ auszurichten. Er ist Botschafter für Nachhaltigkeit im Deutschen Städte- und Gemeindebund und wendet sich dort vor allem gegen das „Liegenlassen von Chancen“. Geestland gehört zum Netzwerk Nachhaltiger Gemeinden und engagiert sich inzwischen auch international – für zukunftsfähige Lebensbedingungen weltweit.

Anke Bunz
– 11. November 2020