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Konjunktur
US-Wirtschaft auf Talfahrt
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA ist im zweiten Quartal – auf das Jahr hochgerechnet – um 32,9 Prozent dramatisch geschrumpft. Fed-Chef Jerome H. Powell (Foto) erweitert die staatlichen Kreditprogramme und appelliert an die Politik, weitere Hilfen auf den Weg zu bringen.

Insbesondere der Konsum sei in den USA eingebrochen, teilt das Handelsministerium in Washington mit, vor allem wegen der Kontaktbeschränkungen und Maßnahmen zur sozialen Distanz im Frühjahr. Der private Verbrauch verringerte sich demnach um 34,6 Prozent zum ersten Quartal.

Auch die Investitionen und das Außenhandelsgeschäft litten massiv unter den Folgen der Pandemie, die angesichts einer hohen Zahl von Neuinfektionen in den USA noch nicht ausgestanden ist.

„Eine so stark konsum- und dienstleistungsorientierte Wirtschaft wie die der USA leidet natürlich besonders unter der Schließung von Geschäften und Restaurants“, sagt Chefökonom Uwe Burkert von der Landesbank Baden-Württemberg und spricht vom wirtschaftlich „schwersten Rückschlag in der jüngeren US-Geschichte“. Allerdings weise eine ganze Reihe von Konjunkturdaten zumindest auf eine kräftige Erholung im laufenden Quartal hin.

Soldaten der Nationalgarde verteilen im US-Bundesstaat Nebraska Nahrungsmittel an Bedürftige. Fed-Chef Powell fordert weitere Staatshilfen. Zahlreiche US-Bürger sind derzeit ohne Arbeit und Krankenversicherung.

Die US-Notenbank Fed sieht vorerst keinen Grund, von ihrem Krisenkurs abzuweichen. Sie hat erst jüngst ihre Kreditprogramme erweitert und bis zum Jahresende verlängert. Zugleich appellierte Fed-Chef Powell an die Politik, weitere Hilfen auf den Weg zu bringen. Im Kongress zeichnet sich ein schwieriges Ringen um ein weiteres Coronapaket ab, das rund eine Billion Dollar schwer sein soll.

Massenarbeitslosigkeit und hohe Infektionsraten verunsichern

Auch wenn US-Präsident Donald Trump keinen Grund zur Eile sieht, drängt die Zeit. Ende der Woche läuft eine in der Coronakrise eigens geschaffene bundesstaatliche Aufstockungshilfe zum Arbeitslosengeld aus, und dies vor dem Hintergrund zuletzt ansteigender Erstanträge auf staatliche Arbeitslosenunterstützung.

Insgesamt stellten vorige Woche 1,434 Millionen Bürger einen solchen Erstantrag. Von Reuters befragte Ökonomen hatten mit 1,45 Millionen gerechnet, nachdem es in der vorangegangenen Woche 1,422 Millionen waren.

„Es wird lange dauern, bis die US-Wirtschaft aus dem tiefen Tal der Tränen herauskommt“, sagte Ökonom Bastian Hepperle vom Bankhaus Lampe. „Anhaltend hohe Infektionszahlen und Massenarbeitslosigkeit sorgen für erhebliche Verunsicherung.“

Bernd Krampen, Analyst der NordLB in Hannover, erläuterte, in den USA sei im Sommerquartal von einer „weniger schwunghaften Erholung als bisher erwartet“ auszugehen.

Diese Einschätzung müsse „noch weitaus pessimistischer ausfallen“, wenn es den Politikern in Washington in den kommenden Tagen oder Wochen nicht gelingen sollte, eine Einigung für die Ausgabenprogramme der derzeit knapp 30 Millionen Nicht-Beschäftigten zu erzielen, so Krampen.

Dekabank-Analyst Rudolf Besch schreibt, es sei der Fachwelt auch im Rückblick auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts kein ausgeprägterer Wirtschaftseinbruch in den USA bekannt. In einer Ausgabe von „Volkswirtschaft aktuell“ zeigt sich Besch aber positiv überrascht vom US-Außenhandel: „Das deutlichere Minus bei den Importen im Vergleich zu den Exporten sorgte für einen leicht positiven Wachstumsbeitrag vom Außenhandel.“ 

Die Daten zum zweiten Quartal sorgten für „Aufwärtsdruck für unsere Bruttoinlandsprodukts-Prognose“. Aufgrund der derzeitigen Entwicklung der Neuinfizierten bestünden aber Abwärtsrisiken für den kurzfristigen Wachstumsausblick, so Besch.

Nach „europäischer Lesart“, also nicht aufs Jahr hochgerechnet, entspreche das BIP-Minus in den USA einem Rückgang von 9,5 Prozent, erläuterte Ökonom Thomas Gitzel von der VP Bank.

Auch die Wirtschaft in Deutschland sei im Frühjahr kalt vom Virus erwischt worden. Das Bruttoinlandsprodukt fiel von April bis Juni hierzulande um 10,1 Prozent zum Vorquartal und somit noch heftiger als jenseits des Atlantiks.

Allerdings sei es hierzulande mit Hilfe der Kurzarbeit gelungen, Massenarbeitslosigkeit abzuwenden. Nicht so jedoch in den USA, wo die Arbeitslosenquote zuletzt bei 11,1 Prozent lag und damit weit höher als in Deutschland mit 6,3 Prozent. (rtr)

30. Juli 2020