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US-Wahl
Für Anleger kein Grund zur Panik
Seit der US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus sitzt, ist der Dow-Jones-Index um 60 Prozent gestiegen. Was würde ein Sieg des Herausforderers Joe Biden für die Märkte bedeuten? Antworten von Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank.

Herr Kater, lange hat die Wall Street US-Präsident Trump die Treue gehalten – und von seiner Politik profitiert. Inzwischen wenden sich immer mehr große Spender von ihm ab. Wie viel Macht hat die Wall Street im US-Wahlkampf?

Ulrich Kater: Das politische System in den USA begünstigt die privaten Finanzierung wesentlich mehr als in Deutschland. Damit ist auch der private Einfluss höher. Doch auch die Wall Street kann sich nicht einen Präsidenten nach ihrem Geschmack kaufen.

Dazu sind noch viele andere Interessenten mit tiefen Taschen in den USA unterwegs. Das System verhindert wohl eher, dass Kandidaten ohne ausreichende Aussichten auf Erfolg gekürt werden.

 

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank.

 

Seit Trump im Weißen Haus sitzt, stieg der Dow-Jones-Index um 60 Prozent. Trump hatte als eine der ersten Amtshandlungen die Bankenregulierung zurückgedreht, die sein Vorgänger Barack Obama infolge der Finanzkrise von 2008 eingeführt hatte. Gruselt sich die Wall Street nicht vor jedem Demokraten?

Auch ohne den Einfluss der Wall Street wird in den USA wohl kaum eine Regierung zustande kommen, die den Finanzsektor hart anfasst. Der US-Wohlstand beruht auch auf einem deregulierten Finanzsystem. Dagegen gibt es im politischen Spektrum kaum nennenswerte Opposition. Die Aktienmärkte können daher gelassen sein, wer die Wahl gewinnt.

Biden will sich mehr um die Familien des Landes kümmern und nicht so sehr um die Wall Street. Was würde ein Sieg des Demokraten Biden für die Weltwirtschaft bedeuten?

Biden will eine halbe Rolle rückwärts machen: Er will Teile der Steuersenkungen für Unternehmen und Vermögende, die Trump durchgesetzt hat, wieder zurücknehmen. Dazu mehr Gesundheitsleistungen für die breite Bevölkerung einführen, mehr Leistungen für die Familien, mehr Infrastruktur. 

Wichtig zu wissen ist, dass Wirtschaftspolitik in den USA dem Kongress obliegt – zumindest wenn es um den staatlichen Haushalt geht. Sofern Biden keine demokratische Mehrheit in beiden Kongresskammern hat, wird sich deshalb an den Steuersätzen nicht viel ändern.

Selbst im Fall einer „blauen Welle“, also eines deutlichen Siegs der Demokraten, könnte er nicht alle Pläne umsetzen. Für manche Änderungen ist sogar eine sogenannte Supermehrheit von 60 Prozent notwendig. Im besten Fall wird er also höchstens die Hälfte seiner Vorhaben durchsetzen können – und selbst das wird dauern. 

Zu China wäre er verbindlicher im Ton, aber ähnlich hart in der Sache wie Trump. Für die Weltwirtschaft ändert sich also mit einem Präsidentschaftswechsel nicht so viel, wie manche befürchten – oder andere hoffen. 

 

Dies ist ein Artikel des Infodienstes sparkasse.de.

25. August 2020