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USA
Risiko für Börsenbeben
Experten warnen: Ein knapper Wahlausgang könnte die Aktienmärkte vorübergehend auf Talfahrt schicken. Anleger sollten Portfolien langfristig ausrichten, um Turbulenzen aussitzen zu können.

Ein knapper Ausgang bei der US-Präsidentschaftswahl im November könnte zu einem Einbruch an den globalen Börsen führen. „Die US-Wahlen bergen das Potenzial, die derzeit sehr stark durch Fiskal- und Geldpolitik getriebenen Aktienmärkte zumindest kurzfristig in Turbulenzen zu bringen“, sagt Jürgen Michels, Chefvolkswirt und Leiter Research der BayernLB.

„Angesichts der Bedeutung der US-Wirtschaft für die Welt und damit für die europäischen Volkswirtschaften würden politisch bedingte Konjunkturrückschläge auch die europäischen Börsen erreichen“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank.

Gewaltsame Konflikte befürchtet

Am 3. November entscheiden die US-Wähler darüber, ob der Republikaner Donald Trump weitere vier Jahre die Vereinigten Staaten führen wird oder das Präsidentenamt an den demokratischen Kandidaten Joe Biden verliert. Der Wahlkampf wird vom Populisten Trump mit harten Bandagen geführt. Trump hat sich im Vorfeld quasi bereits zum Sieger ausgerufen und erklärt, sollte er verlieren, wäre dies „nur durch einen Wahlbetrug möglich“.

Unter Investoren an der Wall Street hat eine Studie des Transition Integrity Projects (TIP) große  Aufmerksamkeit gefunden. Darin haben 100 Mitarbeiter von demokratischen und republikanischen Politikern simuliert, welche Konsequenzen vier verschiedene Szenarien für den Ausgang der Wahl haben würden.

Im Fall eines knappen Wahlsiegs von Biden oder Trump, den nach aktuellen Umfragen derzeit wahrscheinlichsten Resultaten des Urnengangs, würde es danach zu einem längeren juristischen Tauziehen, Demonstrationen und einem Einbruch an den Börsen kommen.

Auf dem Parteitag der Republikaner: US-Präsident Donald Trump weist den Parteifreunden den Weg. Bereits vor der Präsidentschaftswahl am 3. November dürfte es Turbulenzen an den Börsen geben.

„Wir rechnen mit Auseinandersetzungen vor Gerichten, divergierenden Mediennarrativen, Versuchen, die erneute Auszählung von Stimmzetteln zu verhindern, und massiven Protesten von Wählern beider Parteien“, fasst TIP die Ergebnisse der Simulation zusammen. „Das Potenzial für gewaltsame Konflikte ist hoch, insbesondere da Trump seine Anhänger ermutigt, zu den Waffen zu greifen.“

Worst Case: Nicht-Anerkennung des Wahlausgangs

Auch die Dekabank erachte „das Szenario, in dem der Wahlausgang durch die Trump-Fraktion unter den Wählern nicht anerkannt wird, für das Schädlichste am Aktienmarkt“, sagt Kater. „Es könnte eine Phase massiver Unsicherheit über die Frage der politischen Handlungsfähigkeit auftreten, welche die Aktienmärkte belasten würde.“

Börsenturbulenzen dürfte es bereits vor dem Urnengang geben, sagt Michels. „Es ist damit zu rechnen, dass im Vorfeld der Wahl Meinungsumfragen oder Äußerungen der Kandidaten zu größeren Kursausschlägen führen.“

„Unsicherheit ist nie gut für die Börsen“, sagt Helaba-Aktienstratege Markus Reinwand. Die US-Aktienmärkte bewegten sich in einem engen Spannungsfeld. „Auf der Habenseite stehen die sich abzeichnende Erholung der US-Wirtschaft und die ultralockere Geldpolitik der Federal Reserve Bank, die die Aktienmärkte stützt“, sagt Reinwand.

Gewinnpotenzial bei US-Werten „kurzfristig überschaubar“

„Belastungsfaktoren sind hingegen die Coronapandemie, die Handelskonflikte der Vereinigten Staaten mit China und Europa sowie die hohe Bewertung der US-Titel.“

Angesichts dieser Gemengelage sei „das Kursgewinnpotenzial bei US-Werten kurzfristig überschaubar“, sagt der Stratege. „Ein knapper Wahlausgang mit längerem juristischen Tauziehen könnte deshalb kurzfristig die Börsen unter Druck bringen.“

Blick auf die New York Stock Exchange in der Wall Street: Ein knapper Wahlausgang mit längerem juristischen Tauziehen könnte kurzfristig die Börsen unter Druck bringen – und zu Unsicherheiten führen.

Nicht emotional reagieren

„Anleger sollten nicht emotional auf kurzfristige Schwankungen an den Börsen reagieren“, sagt Reinwand. „Sonst besteht die Gefahr, nahe des Tiefpunkts bei einem Börseneinbruch auszusteigen und erst wieder gegen Ende des nächsten Aufschwungs einzusteigen.“

Anleger seien am besten beraten, eine langfristige Investmentstrategie entsprechend ihrer individuellen Chance-Risiko-Neigung auszuarbeiten und an dieser festzuhalten. „Der Aktienanteil im Portfolio sollte so gestaltet sein, dass selbst bei großen Kursschwankungen genügend Puffer vorhanden ist“, rät Michels.

Nur Anleger, die aufgrund ihrer eigenen Finanzplanung ohnehin im Umfeld der US-Wahl Aktien verkaufen wollten, könnten überlegen, diesen Schritt vorzuziehen, bevor es möglicherweise zu größeren Turbulenzen an den Börsen kommt, sagt Kater. „Für Langfristanleger ist eine Absicherung der Aktienbestände auf bestimmte Ereignisse hin nicht sinnvoll, denn man kann erwarten, dass sich die Kurse nach politisch bedingten Rückgängen wieder erholen.“

 

Richard Haimann
– 1. September 2020