Zurück
Firmenkundengeschäft
Erneuter Lockdown zu bewältigen
Die Vielzahl staatlicher Hilfs- und Förderprogramme hat in der andauernden Coronakrise die Kreditvergabe von Banken und Sparkassen angekurbelt. Ob sie vorhandene Ertrags- und Profitabilitätsprobleme der Geldhäuser abmildern können, wird sich zeigen. So mancher Kredit gilt bereits jetzt als kritisch.

Vor dem Ausbruch des Coronavirus war das Kreditgeschäft von Banken und Sparkassen das Ankerprodukt, mit dem sich in Zeiten anhal­tend niedriger Zinsen und einer durch regulatorische Anforderungen und Investitionen in die Digitalisierung und IT-Infrastruktur höheren Kosten­quote die Ertrags- und Profitabilitätsprobleme etwas entschärfen ließen.

Diese Zeit war geprägt durch eine solide Kreditvergabe, in der die Überprüfung der Bonität des Kreditinteressenten und die kritische Bewertung des Finanzierungsvorhabens im Vordergrund standen. Dem Management deutscher Banken und Sparkassen ist es deshalb auch gelungen, die Zahl potenziell notleidender Kredite in den vergangenen Jahren konsequent zu reduzieren.

Nach Angaben der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA hatten die Banken in Deutschland Ende des vierten Quartals 2019 noch faule Kredite mit einem Volumen von insgesamt 30 Milliarden Euro in den Büchern. Das ist gegenüber dem Vorjahr ein Rückgang um 4,3 Milliar­den Euro oder 12,5 Prozent.

Die Non-Performing-Loan(NPL)-Ratio, die das Verhältnis des Betrags notleidender Kredite im Kreditportfolio einer Bank zum Gesamtbetrag der ausstehenden Kredite der Bank misst, war ebenfalls rückläufig. Sie lag bei Deutschlands Banken Ende 2019 bei lediglich noch 1,3 Prozent und war damit deutlich niedriger als in den vergangenen Jahren (siehe Abb. 1).

Anderen Mitgliedsstaaten fällt es unterdessen deutlich schwerer, ihre faulen Kredite abzubauen. Griechenland hat im selben Zeitraum trotz strenger Kapitalauflagen immer noch eine Non-Performing-Loan-Ratio von 35,2 Prozent aufgewiesen, gefolgt von Zypern mit 19,4 und Bulga­rien mit 7,2 Prozent. Für alle EU-Banken lag das Volumen notleidender Kredite Ende 2019 bei 584 Milliarden Euro.

Corona hat die (Bank)Welt verändert

Nun haben sich die Zeiten aber geändert. Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, waren Wirtschaft und öffentliches Leben im Frühjahr 2020 wochenlang im Lockdown. Erst nach und nach hat es Lockerungs­maßnahmen gegeben. Im Herbst 2020 hat sich schließlich die zweite Coronawelle angekündigt und ein weiterer Lockdown folgt im November.

Entsprechend groß ist die Sorge, dass hiesige Banken und Sparkassen bald wieder vermehrt faule Kredite in ihren Bilanzen haben werden. Die Bundesvereinigung Kreditankauf und Servicing (BKS) schätzt, dass sich das Volumen notleidender Kredite im Zuge der Coronakrise auf 100 Milliarden Euro summieren dürfte. Gegenüber dem Jahr 2019 wäre das mehr als eine Verdreifachung. Bei der NPL-Quote rechnen Experten mit einer Verdreifachung auf rund vier Prozent.

Pessimistisch schätzt der für Bankenaufsicht zuständige Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling die Situation der hiesigen Geldhäuser ein. Einem „FAZ“-Bericht zufolge sieht er auf die deutschen Banken ab dem dritten Quartal 2020 eine große Welle an Kreditausfällen zurollen. Zwar hält er den deutschen Bankensektor insgesamt für stabil. Einzelne Geldhäuser könnten aber geschwächt aus der Krise hervorgehen.

Doch wann sind Kredite notleidend? Die Definition der Europäischen Bankenaufsichts­behörde:

  • Kredite sind ausfallgefährdet, wenn die Kreditraten entweder mindestens 90 Tage überfällig sind oder es unwahrscheinlich ist, dass der Kreditnehmer seinen Ratenverpflichtungen vollständig nachkommen wird.

Warum stehen Banken und Sparkassen bald wieder vermehrt unter Druck? Bedeuten die hohe Nachfrage der Unternehmen nach Krediten und das ins Leben gerufene KfW-Sonderprogramm für Banken und Sparkassen nicht vielmehr ein lukratives Mehrgeschäft? Diese und ähnliche Fragen hat der Berater Zeb jüngst in seiner Firmenkunden­studie 8.0 untersucht.

Laut der Studie wird der Coronaschock in verschiedenster Weise auf das Firmenkundengeschäft der Banken und Sparkassen durchschlagen und zu großen Veränderungen führen (siehe Abb. 2). Zugleich stellt Zeb eine strate­gische Handlungsagenda vor, mit der das Firmenkunden­geschäft der Banken und Sparkassen in und nach der Coronapandemie gestärkt werden kann und somit für eine gesunde unternehmerische Weiterentwicklung sorgt.  

Wirtschaft wird schrumpfen

Es mehren sich die Anzeichen, dass die deutsche Wirtschaft in eine ausgeprägte Rezession abgleiten wird, auch wenn noch keine abschlie­ßende Ein­schätzung über die tatsächliche Höhe des wirtschaftlichen Abschwungs möglich ist.

Laut Frühjahrsprognose des Bundeswirtschaftsministeriums soll das Bruttoinlandsprodukt dieses Jahr um 6,3 Prozent einbrechen. Der Sach­verständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwick­lung rechnet mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 6,5 Prozent im laufenden Jahr und das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) prophezeit einen Einbruch des deutschen Bruttoinlandsprodukts um 7,1 Prozent. In diesen Schätzungen sind allerdings nur die Schätzungen des ersten Lockdowns eingepreist, die des beginnenden allerdings noch nicht.

Der Ifo-Geschäftsklimaindex, der die Stimmung der deutschen Unterneh­men misst, hat auf die düsteren Prognosen bereits einen Vorgeschmack gegeben: Im April 2020 ist der Frühindikator für die konjunkturelle Ent­wicklung in Deutschland nach 86,7 Punkten im März auf 75,2 Punkte eingebrochen und hat sich damit abermals deutlich verschlechtert.

Wie das Ifo-Institut berichtet, war dies der niedrigste jemals gemessene Wert. Seit Mai ist die Stimmung allerdings wieder kontinuierlich gestie­gen, um sich dann im Oktober wieder zu verschlechtern.

Zum Höhepunkt der ersten Coronawelle waren auch die Investoren äußerst pessimistisch. Abzulesen war dies an den sogenannten „Credit Spreads“, die nach der weltweiten Ausbreitung des Coronavirus signifikant gestiegen sind. Das galt sowohl für Anleihen im Investment-Grade-Bereich als auch für Anleihen im Speculative-Grade-Bereich, wobei sich der High-Yield-Markt besonders anfällig gezeigt hat.

Hinzu kommt, dass Deutschland eine Exportnation ist und die Erholung der deutschen Wirtschaft damit stark von der Entwicklung des Auslands abhängt. Und auch dort gibt es deutliche Probleme: In den USA ist die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal 2020 saisonbereinigt und hochgerechnet auf das Jahr geschätzt um 33 Prozent gegenüber dem Vorquartal und um 9,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal eingebrochen.

In China ist das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal 2020 um fast sieben Prozent geschrumpft. Im zweiten Quartal ist es dem Land der Mitte allerdings gelungen, wieder auf seinen bisherigen Wachstumspfad zurückzu­kehren.

Für die 19 Länder der Eurozone erwartet die EU-Kommission für 2020 einen Einbruch von 7,7 Prozent (siehe Abb. 3). Bei den 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union soll das Bruttoin­lands­produkt um 7,4 Prozent zurückgehen.

Besonders schlimm ist die Situation in Griechenland, Italien und Spa­nien. Für Griechenland wird ein Rückgang von 9,7 Prozent erwartet, dicht gefolgt von Italien mit einem Minus von 9,5 Prozent und Spanien mit einem Minus von 9,4 Prozent. 2021 soll die Wirtschaft dann aber in allen Mitgliedsstaaten wieder wach­sen.

Ansturm auf Hilfsgelder

Um Unternehmen hierzulande in coronabedingten finanziellen Schwierig­keiten zu unterstützen, haben Bund und Länder diverse Hilfs­programme aufgelegt. Alle sind bei den Unterneh­men auf hohen Zu­spruch gesto­ßen und haben einen regelrechten Run auf die finanziellen Hilfen ausge­löst. Nach Angaben der KfW sind bis 29. Oktober  2020 insgesamt 93.538 Anträge mit einem Antragsvolumen von 55,1 Milliar­den Euro gestellt worden.

Eindrucksvoll hat die Coronakrise allerdings auch gezeigt, was in einem marktwirtschaftlichen System mit seinen nationalen und globa­len Verflechtungen passiert, wenn nur ein Mosaiksteinchen heraus­bricht: Das wirt­schaft­liche Gesche­hen auf der ganzen Welt stand und steht nun nahezu wieder still. Die Wirtschaft schrumpft.

Bereits vor der Krise geschwächte Unternehmen drohen aufgrund von Umsatzeinbußen und Liquiditätsengpässen aus dem Markt auszuschei­den oder – trotz der Rettungsmaßnahmen der Bun­desregierung − zu Unternehmen mit teilweise geringen Überlebens­chan­cen zu mutieren.

Offen ist, inwieweit das KfW-Sonderprogramm den Unterneh­men wieder frischen Schwung verleihen kann. Es besteht nämlich das Risiko, dass nur die Verschuldung ansteigt, ohne die Produktivität der Hilfe suchenden Unterneh­men an sich zu erhöhen.

Nur schwer einschätzbar ist ferner, wie sehr sich ein möglicher und nach­­haltiger gesellschaftlicher Umbruch mit neuen Denkmustern auf ein bis vor der Krise bewährtes unternehmerisches Geschäftsmodell aus­wirkt. Viele bisher unproblematische Firmenkredite dürften angesichts schleppender Geschäfte problematischer werden und damit das Kre­ditportfolio der Banken zusätzlich belasten.

Unter der Coronakrise werden vor allem die Tou­ristikbranche, die Gastronomie sowie Fluggesellschaften leiden. Aber auch für viele Einzelhändler, Fitness-Studios, Freizeit- und Vergnü­gungsparks, die Automobilbranche sowie deren Zulieferer und Autohäuser ist die Coronakrise nach dem nunmehr beschlossenen zweiten Lockdown keineswegs ausgestanden.

Zeitgleich dürften im Zuge der Coronakrise auch viele Privatpersonen in die Insolvenz rutschen. Die Umsatzausfälle der Unternehmen dürften nun noch länger andauern und es drohen weitere Kurzarbeit, Jobabbau und damit ein Schock auf der Einkommensseite.

Und da nicht alle Haushalte über genügend Rücklagen verfügen, werden diese auch nicht mehr in der Lage sein, die massiven Einschnitte beim Einkommen zu kompensieren. Bereits jetzt gelten rund 6,8 Millionen Bürger als überschuldet, was einem Plus von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Der Informationsdienstleister Crifbürgel geht deshalb von einem Anstieg von mindestens zehn Prozent bei den Privatinsolvenzen aus. In Folge werden somit auch die Ausfallraten bei Raten- und Immobiliendarlehen an Verbraucher steigen.

Ebenso dürfte die Coronakrise den gewerblichen Immobilienmarkt kalt erwischen – vor allem für Einzelhandelsimmobilien, Hotels und Büros ist der Ausblick nicht mehr so positiv wie vor der Krise. Experten prognos­tizieren für die kommenden Jahre steigende Leerstandsquoten und dass das Anmieten neuer gewerb­li­cher Flächen verschoben oder komplett abgesagt wird.

Regulatorische Lockerungsmaßnahmen im Auge behalten

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat zuletzt betont, dass sich die Bankenwelt nach der Coronakrise auf eine neue Realität einstellen muss. Ertrags- und Profitabilitätsprobleme dürften seiner Einschätzung nach weiter zunehmen. Zudem hat er davor gewarnt, sich auf die gelockerten Kapitalvorgaben im Zuge der Viruskrise zu verlassen, da diese von den Aufsichtsbehörden wieder zurückgenommen werden.

Die gelockerte Regulatorik hat bei den Geldhäusern im Euroraum für milliardenschwere Erleichterungen gesorgt. Nach Angaben der Euro­päischen Zentralbank hat allein die Senkung oder Aussetzung des anti­zyklischen Kapitalpuffers für die Institute einen Vorteil von mehr als 20 Milliarden Euro.

Der antizyklische Kapitalpuffer ist eingeführt worden, um einerseits den systemweiten Aufbau von Kreditrisiken in Aufschwungphasen einzu­schrän­ken und andererseits in konjunkturell schwächeren Zeiten eine ausreichende Kreditversorgung der Wirtschaft zu gewährleisten.

Die Finanzaufsicht hatte diesen Aufschlag zum 1. April 2020 auf null Prozent gesenkt, obwohl der antizyklische Kapitalpuffer in Deutschland eigentlich um 0,25 Prozent steigen sollte. Andere EU-Mitgliedsstaaten folgten auf ähnliche Weise.

Mögliche Stellschrauben für das Firmenkundengeschäft

Christian Rupp: Die Relevanz des Kreditgeschäfts für die Erträge von Banken und Sparkassen im Firmenkundengeschäft erhöht sich.

Mit Christian Rupp, Leiter Practice Group Business, Commercial & Institutional Banking bei Zeb, haben die BBL deshalb über mögliche Auswir­kungen der Coronakrise auf das Firmenkunden­geschäft von Banken und Sparkassen gesprochen. Vor allem wollten wir wissen, wo der Münsteraner Experte Stellschrauben sieht, um die Krise best­möglich zu überstehen.

BBL: Herr Rupp, skizzieren Sie kurz die Kernergebnisse Ihrer Firmenkun­denstu­die 8.0?

Christian Rupp: Der Schwerpunkt liegt auf dem Firmenkundenbanking im Zeichen der Coronakrise. Wir haben daher in der Studie die Auswirkun­gen der aktuellen Situation im Frühjahr auf zentrale Rahmenbedingungen des Fir­men­­kundengeschäfts für Banken untersucht. Schwerpunkt dieser Analyse waren Konjunktur, Negativzinsen, Ertrags- und Ergebnispoten­zia­le im Firmenkunden-Banking sowie Konsequenzen für die Regulatorik und die Digitalisierung.

In Bezug auf die Ertrags- und Ergebnispotenziale für die Banken erwarten wir zunächst eine voraussichtlich steigende Kreditnach­frage und Bruttomargen. Dieser Effekt ist getrieben durch den Anstieg des kurzfristigen Kreditbedarfs zur Liquiditätssicherung vieler Unterneh­men. Insgesamt erhöht sich die Relevanz des Kreditgeschäfts für die Erträge der Banken im Firmenkundengeschäft.

Auf der anderen Seite steigen die Kreditrisiken deutlich an. Erweiterte Risikosysteme und risikogerechtes Pricing werden damit am Ende bestim­men, wie stark die Ergebnisse der Banken durch die gestiegenen Risiken im Kreditportfolio belastet werden.

BBL: Leiten Sie aus der Analyse konkrete Vorschläge ab?

Rupp: Aus den analysierten Konsequenzen haben wir eine Hand­lungsagenda für das Firmenkundengeschäft entwickelt. Schwerpunkte sind: Vertrieb neu adjustieren, Effizienz steigern, verschärfte Kredit­risiken managen und digital transformieren. Für diese vier Stoß­rich­tungen werden ebenfalls konkretere Maßnahmen skizziert.

BBL: Warum liegt der Schwerpunkt auf dem Geschäft mit KMU bis zu einem Außenumsatz von 500 Millionen Euro? Wären durch das Einbeziehen aller Unternehmen die Ergebnisse nicht repräsenta­tiver?

Rupp: Wir haben den angesprochenen Schwerpunkt deshalb gelegt, weil größere Unternehmen sich eher kapitalmarktorientiert finanzieren und eine klassische Hausbank nicht mehr die hohe Bedeutung hat wie für den breiten Mittelstand. Trotz dieser Abgrenzung beziehen wir damit mehr als 99 Prozent der Unternehmen in Deutschland ein. Diese Unter­nehmen sind auch für die Sparkassen die relevanten Firmenkunden.

BBL: Sie haben mögliche Stellschrauben wie Vertrieb adjustieren oder Effizienz steigern erwähnt. Was bedeutet das konkret für die Sparkassenpraxis?

Rupp: Die Sparkassen sollten das Vertriebsmodell, das in der „Ver­triebs­strategie der Zukunft Firmenkunden (VdZ FK)“ beschrieben ist, anpas­sen und um einige Aspekte ergänzen. Anzupassen beziehungsweise zu ergänzen ist sicher der strategische Anspruch an die Kundenbeziehung. Welchen Ertragsanspruch hat die Sparkasse in den unterschiedlichen Segmenten und wie viel Kreditvolumen möchte die Sparkasse auf welche Segmente und Kunden allokieren? Bei welchen Kunden möchte sie Haus- beziehungsweise Kernbank sein?

Anzupassen ist weiterhin die Feinsegmentierung, diese sollte um das schon erwähnte Corona-Scoring angereichert werden, um die Betroffenheit des Kunden für die Firmenkundenbetreuer ganz konkret für die Portfoliobearbeitung sichtbar zu machen.

BBL: Und man muss Firmen in der Krise auch anders ansprechen?

Rupp: Ja, die Gesprächstypen der VdZ FK (zum Beispiel das Unterneh­mer­gespräch) sind in einer solchen Krise anders zu führen. Die Schwer­punkte müssen noch stärker auf dem Verständnis der Geschäftsmodelle der Kunden liegen.

Zudem wird das Problemkreditmanagement auch schon auf der Marktseite eine größere Rolle spielen und dieses müssen viele Firmenkundenberater, die noch keine Krise mit Wertberichtigungen in ihrer Karriere erlebt haben, erst erlernen.

Außerdem wird ein adäquates Pricing im Kreditgeschäft sehr wichtig, um die Ergebnisse abzusichern. Zu guter Letzt sind das Vertriebsmanage­ment und die -steuerung stärker auf Profitabilität und Ergebnis anstelle von Volumen und Bruttoertrag auszurichten.

Spagat zwischen schneller Hilfe und Risikoabwägung

Christian Rupp: Mithilfe eines Corona-Scorings lassen sich Kunden anhand ihrer Branche, des bestehenden Blankoanteils im Engagement und der wirtschaftlichen Stabilität nach vier Typen sortieren.

BBL: Eine weitere Stellschraube ist das Management erhöhter Risiken. Das heißt aber auch, Kreditanfragen abzulehnen, falls diese zu riskant sind. Befinden sich Banken und Sparkassen damit nicht im Konflikt, angeschlagenen Unternehmen im Zuge des Lockdowns zu helfen?

Rupp: Dieser Konflikt kann in der Tat auftreten, auch hier hilft das erwähnte Corona-Scoring, das Kunden anhand ihrer Branche, des bestehenden Blankoanteils im Engagement und der wirtschaftlichen Stabilität in vier Kundentypen sortiert: 1. zu fördernde Kunden, 2. herausfordernde Kunden, 3. Risikokunden und 4. gering betroffene Kunden.

Für jeden Kundentyp werden dem Firmenkundenberater konkrete Handlungsempfehlungen an die Hand gegeben, um Fehler im Umgang mit den Kunden zu vermeiden. Letztlich wird es aber auch Kunden geben, die man eher nicht mehr begleiten möchte. Diese hatten aber nach unseren Erfahrungen schon vor der Krise Probleme (zum Beispiel durch eine eingeschränkte Ertragskraft und eine angespannte Liquiditätssituation). Hier wäre es – auch im ökonomischen Interesse des Kunden – nicht vertretbar, einen Kredit auszugeben, der nicht zurückgezahlt werden kann.

BBL: Um kostenadäquat wirtschaften zu können, werden im Rahmen der digitalen Transformation jedes Jahr viele Filialen geschlossen. Dürfte das nicht gerade für die Sparkassen ein Problem sein, die entsprechend ihrer Unternehmensphilosophie auf Regionalität, Vertrauen und Kundennähe setzen?

Rupp: Wir glauben, dass es im Firmenkundengeschäft weniger auf die Filialmenge ankommt. Kleine Geschäftskunden definieren Nähe zuneh­mend über multimediale 24/7-Erreichbarkeit sowie guten und schnellen Service. Viele Sparkassen haben reagiert und Business- und Business-Service-Center eingerichtet. Unsere Idee des Kundenkontaktcenters greift diese Entwicklung auf, etabliert das Center als Profit-Center für das Segment Geschäftskunden und leistet den Service für die höheren Segmente.

Bei diesen größeren Firmenkunden finden die Beratungsgespräche bereits heute meist beim Kunden und nicht in der Sparkasse statt, sodass wir in der Studie vorschlagen, den Firmenkundenberater orts­flexibel mit Zugriff auf eine moderne Bankinfrastruktur zu positio­nieren unter Einbezug von Konferenzräumen und Shared-Desk-Lösungen.

Fazit

Die Coronakrise ist anders als die Finanzmarktkrise 2009. Sie trifft die Wirtschaft in voller Breite und sägt sozusagen an ihrem Fundament. Schon vor Corona schwächelnde Unternehmen könnten deshalb relativ schnell aus dem Markt ausscheiden und auch langjährige Traditionsun­ternehmen mit einem funktionierenden Geschäftsmodell werden sich anstrengen müssen, heil aus der Krise zu kommen.

Gleiches gilt für Verbraucher, die ihre Raten- und Immobiliendarlehen angesichts von Liquiditätsproblemen nur noch schwer bedienen können. Von einem coronabedingten Mehrgeschäft für Banken und Sparkassen ist vermutlich nur kurzfristig auszugehen. Langfristig müssen sie vor­sorgen, dass das Kreditausfallrisiko nicht drastisch ansteigt. Eine vor­übergehend gelockerte Regulatorik und eine Ausdehnung der Haf­tungs­freistellung waren an diesem Punkt nur eine zeitlich begrenzte Hilfe.

Sparkassen müssen sich auf weitere Veränderungen einstellen und sich weiter als starker Partner ihrer Firmenkunden positionieren. Dass die Sparkas­sen auf einem guten Weg sind, zeigt eine Auswertung des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV): Da­nach haben die 377 Sparkassen in Deutschland bis Ende April bereits rund 1,4 Millionen coronabedingte Beratungsgespräche mit Firmen­kunden zum Erhalt der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und zur Sicherung des aktuellen Liquiditätsbedarfs geführt.

Dabei konnten 85 bis 90 Prozent der Kundenwünsche, die etwa Ände­rungen von Kreditlinien, Aussetzung von Zins- beziehungsweise Tilgungsleistun­gen oder Anträge auf Förderdarlehen betroffen haben, erfüllt werden. Zeb-Experten sehen die Sparkassen für die Zukunft gut gerüstet, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Die in der Studie eingangs erwähnte stra­tegische Stoßrichtung könnte dabei eine wertvolle Anregung und Hilfe­stellung zur Neujustierung des Firmenkundengeschäfts sein.

Autorin
Carmen Mausbach ist freie Journalistin in Niederkassel und spezialisiert auf Wirtschafts- und Finanzthemen im Umfeld von Sparkassen und Banken.

Carmen Mausbach
– 30. Oktober 2020