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Start-ups in der Krise / Teil 2
Ganz schön mutig
Vielen ist die Lust aufs Gründen vergangen. Aber manche Unternehmerinnen wagen gerade jetzt den Gang in die Selbstständigkeit. Sparkassen unterstützen sie dabei.

Vorab die wichtigsten Punkte:

++ Seit Ausbruch der Corona-Pandemie sind laut KfW konjunkturelle Sorgen verstärkt zu einer Gründungsbarriere geworden.

++ Auch Sparkassen spüren seit März ein nachlassendes Interesse seitens potentieller Gründer.

++ Gut durchdachte Businesspläne unterstützen die Institute aber weiterhin.

++ Nach anfänglichem Einbruch ziehen die Nachfragen seit Sommer wieder an, quer durch alle Branchen.

++ Mutige Gründerinnen und Gründer lassen sich durch die Krise zu neuen Geschäftsmodellen inspirieren.

++ Gut aufgestellte Unternehmer nutzen die Krise auch für Übernahmen.

++ Bei Frauen geht das Interesse an der Selbstständigkeit indes generell zurück. Einige Jungunternehmerinnen haben das Gefühl, für Anerkennung im Geschäftsleben stärker kämpfen zu müssen als Männer.

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Heike Drawert bringt so leicht nichts aus der Ruhe. Die 32-Jährige arbeitet in Teilzeit bei einem Augenoptiker, ist Mutter von zwei kleinen Töchtern und lebt mit einem Berufssoldaten zusammen, der ständig auf Achse ist. Die meisten würden das  „gut ausgelastet“ nennen. 

Doch als Drawert mit ihrer Familie im Sommer 2019 in den Urlaub fahren wollte, stellte sie fest: „In der Nähe konnten wir kein Wohnmobil mieten, sondern wurden erst im fast 45 Kilometer entfernten thüringischen Altenburg fündig.“ Das ließ die erfahrene Camperin nicht mehr los.

Berater knüpft Kontakt zur Sparkasse

Zügig reifte der Plan, künftig selbst Wohnwagen und Wohnmobile zu vermieten. Zurück aus den Ferien ließen sie und ihr Partner die Idee von einem Unternehmensberater prüfen, der auch den Kontakt zur Sparkasse Chemnitz knüpfte.

„Der Firmenkundenberater hat unser Vorhaben sehr positiv aufgenommen“, erinnert sich Drawert. Und dann kam Corona. Doch die Jungunternehmerin ließ sich nicht beirren, am 16. April 2020, mitten im ersten Lockdown, gründete sie in der sächsischen Gemeinde Erlau das Einzelunternehmen Camper Queen. 

 

Heike Drawert: „Der Firmenkundenberater hat unser Vorhaben sehr positiv aufgenommen.“

 

Ein Jahr nach Drawerts Gründungsidee hat sich die Stimmung bei jungen Unternehmern deutlich verschlechtert: „Konjunkturelle Sorgen werden wieder zu einer Gründungsbarriere, nachdem sie jahrelang weniger wichtig waren“, heißt es im jüngsten KFW-Gründungsmonitor.

Die Coronakrise dürfte diese Entwicklung weiter beschleunigen. Weitere Ergebnisse der KFW: Anfang April hatten 90 Prozent der Selbstständigen Umsatzrückgänge, jeder Dritte hatte gar keine Einnahmen mehr.

Nur ein Drittel der Selbstständigen kann diese Situation länger als drei Monate durchhalten. Vier von zehn Gründern wollen ihre Pläne verschieben, ebenso viele ihr Geschäftsmodell anpassen.
 

Eigene Erfahrung verhilft zu Marktüberblick

„Am Konzept von Camper Queen hat uns überzeugt, dass die Gründerin aufgrund eigener Erfahrungen den Markt gut beurteilen kann; positiv war zudem, dass Heike Drawert erst einmal ihren Job behalten hat und so feste Einnahmen fließen“, sagt Falko Wolf, Firmenkundenberater bei der Sparkasse Chemnitz.

Marktstudien belegten zudem, dass der Camping-Boom durch die Pandemie eher noch einen zusätzlichen Push bekomme. Das bestätigt auch Manfred Böhme, Direktor beim Landestourismusverband Sachsen: „Unter dem Motto ,Autark und mit Abstand‘ ist Camping in Coronazeiten eine der beliebtesten Urlaubsformen.“ Das wirkt sich laut Wolf auch positiv auf die Preisgestaltung aus, da die Anbieter wegen der hohen Nachfrage keine Nachlässe geben müssten.

 

Heike Drawert: „Viele Gäste mussten ihre Flüge absagen, haben dann das erste Mal Campingurlaub gemacht und im Anschluss oftmals schon für 2021 gebucht.“

 

Erst Ende Mai 2020 konnte Drawert die fünf in Bayern bestellten Wohnwagen und -mobile abholen: „Zu dem Zeitpunkt hatten wir schon sehr viele Buchungen, da wir über die Website, Ebay-Kleinanzeigen und Mund-zu-Mund-Propaganda für unsere mobilen Hotels geworben hatten“, sagt die Chefin von Camper Queen.

Zwischen einer Woche und zwei Monaten betrage die Mietdauer: „Viele Gäste mussten ihre Flüge absagen, haben dann das erste Mal Campingurlaub gemacht und im Anschluss oftmals schon für 2021 gebucht.“

Kreditvertrag mitten im Lockdown

Dass manche Zeltplätze die Waschräume wegen Corona nicht öffnen durften, musste die Kunden nicht stören. Die kleinen Häuser auf Rädern sind bestens ausgestattet und haben deshalb ihren Preis: Los gehts bei 50.0000 Euro, aber auch Preise jenseits von 350.000 Euro rufen die Produzenten auf.

Trotz der hohen Anfangsinvestitionen und schwieriger konjunktureller Perspektiven kam der Kreditvertrag mit der Sparkasse Chemnitz mitten im Lockdown zustande.

Raumrebellinnen starten durch

Über zu zögerliche Bankberater mussten sich auch Miriam Uhl und Karla Küstner nicht ärgern. Die Fachinformatikerin und die Innenarchitektin hatten zusammen in einem Planungsbüro gearbeitet und entschieden relativ spontan, gemeinsam den Gang in die Selbstständigkeit zu wagen. Wie Drawert gründeten auch sie mitten in der Pandemie.

Ende August ging die Unternehmensgesellschaft "raum rebellen" in Stuttgart an den Start und bietet ihren Kunden seitdem neben klassischer Arbeitsplatzplanung 3D-Visualisierung, Virtual Reality und Building Information Modeling dank digitaler Tools.

Das gibt Kunden ergänzende visuelle Informationen und eine höhere Planungssicherheit. Dritte Säule des Geschäftsmodells bildet das so genannte Change Coaching, um auch die Mitarbeiter in die Arbeitsplatzgestaltung einzubinden. Dabei arbeitet das Duo mit Netzwerkpartnern zusammen.

 

Miriam Uhl und Karla Küstner sehen für die Zukunft viel Raum für kreative Begegnungsflächen, um einen Ausgleich zum Homeoffice zu schaffen.

 

„Statt zu bremsen könnte Corona das Geschäft sogar beflügeln“, sagt Uhl. Da zurzeit viele Mitarbeiter im Homeoffice arbeiteten und viele Unternehmen daran zumindest zum Teil festhalten wollten, stehe auch die Raumplanung zur Disposition.

Dabei gehe es nicht nur um Kosteneinsparung und Funktionalität, sondern auch um die Bedürfnisse der Mitarbeiter: „Die Beschäftigten dürfen sich nicht durch die Zunahme von Homeoffice abgehängt fühlen. Wir sehen für die Zukunft deshalb viel Raum für kreative Begegnungsflächen, um einen Ausgleich zum Homeoffice zu schaffen“, sagt Küstner. 

BW Bank macht mit, Start während der Krise

Überzeugen konnten Uhl und Küstner ihre Hausbank, die BW Bank, vor allem deshalb, weil sie schon Kunden in das neue Unternehmen mitbrachten. Dennoch: Ganz leicht ist der Start in der Krise nicht. „Viele Firmen agieren aktuell eher verhalten, da ungewiss ist, was kommt“, beobachtet Uhl. Aber Panikmache bringe nicht weiter. Wenn mal etwas Ruhe einkehrt, nutzen die Raum-Rebellen die Zeit, um Vertrieb, Marketing und IT zu stärken. Und Mitte November kommt auch schon die erste Mitarbeiterin. 

Alexander Hahn, Fachberater Gründung und Übernahme bei der LBBW, war selbst etwas überrascht, als er feststellte, dass zwischen März und Juni kein einziger Unternehmer mit Unterstützung der LBBW-Tochter BW-Bank einen Betrieb gegründet hatte.

„Es gab zwar Anfragen, die dann aber wieder zurückgezogen wurden. Das ein oder andere Projekt hätten wir gern gemacht“, sagt Hahn. Der Geschäftsbereich habe 2020 trotz des Einbruchs bei den Gründungen aber gut abgeschnitten, weil die BW-Bank zahlreiche Übernahmen begleitet habe. Die erste Gründung nach dem Einbruch war die von Küstner und Uhl.

Im vergangenen Jahr waren in Deutschland laut KfW-Gründungsmonitor 605.000 neue Unternehmen an den Start gegangen, 58.000 mehr als 2018, was den ersten Anstieg seit fünf Jahren markierte. Für das Plus waren allerdings ausschließlich Männer (390.000) verantwortlich, während bei den Frauen die Zahl um 1000 auf 215.000 sank.

Wie schwer haben es Gründerinnen?

Dass es Frauen beim Schritt in die Selbstständigkeit – wie oftmals behauptet – schwerer haben als Männer, finden weder Drawert noch Uhl und Küstner: „Wir haben bei unserer Hausbank und auch nicht bei anderen Geschäftspartnern das Gefühl, anders behandelt zu werden als ein Mann“, sagt Uhl.

Ganz andere Erfahrungen haben Shila Behjat und Antonia Schulemann gemacht. Im März 2020 gründeten sie in Berlin die Beshu UG, eine Verlagsbuchhandlung, die Bücher konzipiert, produziert und auch vertreibt, im eigenen Shop, aber auch über die klassischen Onlinehändler und stationäre Läden.

 

Shila Behjat und Antonia Schulemann gründeten im März 2020 die Verlagsbuchhandlung Beshu UG.

 

„Neben Belletristik bringt Beshu Books Bücher von Unternehmen über Unternehmen auf den Markt, sei es als Sachbuch und selbst in Romanform“, erklärt Schulemann.

Zu den Erstveröffentlichungen des Verlags zählt ein Buch von Gunther Wobser, CEO des Unternehmens Lauda Dr. Wobser, Spezialist für Temperiergeräte, der ein Jahr lang im Silicon Valley recherchierte, wie ein deutscher Mittelständler zukunftsfähig bleiben kann. „Neu erfinden, Was der Mittelstand vom Silicon Valley lernen kann“ hat der Chef des Hidden Champions sein Werk genannt. 

Auch mal auf den Tisch hauen

Die Gründerinnen, die Erfahrungen im Corporate Publishing, Journalismus, Marketing und als Autorin mitbringen, mussten auch lernen, sich gegenüber den neuen Geschäftspartnern durchzusetzen. 

„Wenn wir eher weiblich, leise und empathisch auftraten, sind wir oftmals nicht weitergekommen. Wenn wir hingegen mal laut und energisch wurden und auf den Tisch hauten, klappte es plötzlich“, sagt Behjat. Wie viele Gründer sind die Kundinnen der Berliner Sparkasse erst einmal mit Eigenkapital an den Start gegangen. 

 

Wie viele Gründer sind auch Shila Behjat und Antonia Schulemann erst einmal mit Eigenkapital an den Start gegangen. 

 

An Herausforderungen mangelte es nicht. Kaum gegründet, kam der erste Lockdown. „Zum Glück durfte der Shop geöffnet bleiben“, sagt Schulemann. Aber bis Ende April sei dann doch eine deutliche Zurückhaltung bei angelaufenen Projekten zu spüren gewesen. Auch an Literatursalons war wegen der neuen Abstandsregeln in der kleinen Buchhandlung zunächst nicht zu denken.

Optimismus trotz erneutem Teil-Lockdown

Seit Mai lief es besser. Im Herbst kamen die ersten Bücher auf den Markt. Trotz zweitem Teil-Lockdown bleiben die Jungunternehmerinnen optimistisch. In der Uckermark vor den Toren Berlins will Beshu Books im kommenden Jahr ein Literaturfestival und Salons in der Natur veranstalten, pro Quartal sollen zwei Bücher erscheinen. 

Die erste Saison sei viel besser gelaufen als erwartet, sagt Gründerin Drawert, die schon neue Pläne schmiedet. Zehn neue Fahrzeuge will sie für die nächste Saison 2021 bestellen und zudem ein Grundstück mieten, um eine Waschanlage errichten zu können. Die Sparkasse Chemnitz hat schon Offenheit für die Expansionspläne signalisiert. 

Eli Hamacher
– 16. November 2020