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Start-ups in der Krise / Teil I
Hinfallen, aufstehen, weitermachen
In der Pandemie brechen vielen Start-ups die Umsätze weg, während die Kosten weiterlaufen. Drei Beispiele zeigen, wie Unternehmer gegensteuern – auch mithilfe der Sparkassen.

An den Bahnhöfen will Leandro Burguete die Reisenden auf den Geschmack bringen. Mit frisch zubereitetem Porridge und Toppings wie Nüssen, Beeren und Kompott, mit Quinoa-Bowls, Wraps und Salaten. Haferkater hat er sein 2014 gegründetes Start-up genannt, das seitdem einen der heiß umkämpften Läden an neun deutschen Bahnhöfen erobern konnte.

„Für die Bahn ist es entscheidend, dass die Geschäfte etwas Besonderes bieten und sich von den anderen Shops abheben“, sagt der Jungunternehmer. Punkten könne man vor allem mit einem hohen Umsatz pro Quadratmeter. In den kommenden Jahren will Haferkater weitere 40 Standorte eröffnen, in Deutschland, gegebenenfalls auch in der Schweiz und in Österreich.

Der neuerliche Lockdown bereitet Burguete aktuell wenig Sorgen. „Mit Ausnahme von einer sind alle Filialen offen. Da viele Pendler unterwegs sind, machen wir weiterhin gute Geschäfte“, sagt Burguete.

 

„Mit Ausnahme von einer sind alle Filialen offen. Da viele Pendler unterwegs sind, machen wir weiterhin gute Geschäfte.“
Leandro Burguete, Geschäftsführer von Haferkater

Umsatzeinbrüche durch Lockdown

Zwischenzeitlich sah es jedoch eher so aus, als würde der Name Haferkater von der Gastro-Landkarte verschwinden: „Zwischen Mitte März und Anfang Mai waren alle Läden wegen der Pandemie geschlossen, der Umsatz brach ein, die Kosten für die hohen Mieten liefen aber weiter“, sagt der 30-Jährige. Die enge Geschäftsbeziehung mit der Berliner Sparkasse habe sich in dieser brisanten Situation ausgezahlt.

Wie stark die Coronakrise die Start-ups in Deutschland trifft, das hat der Ende September veröffentlichte achte Deutsche Start-up-Monitor (DSM) bei den Gründern recherchiert. Zentrales Ergebnis: 75 Prozent von ihnen sehen sich in ihrer Geschäftstätigkeit beeinträchtigt. Trotz des schwierigen Umfelds planen sie aber, in den nächsten zwölf Monaten im Schnitt sechs neue Mitarbeiter einzustellen.

 

Hilft jungen Unternehmern nicht nur in der Gründungsphase: Christian Segal, Leiter Firmenkundencenter Digitalwirtschaft bei der Berliner Sparkasse.

Start-up-Gründer reagieren schneller

„Start-ups sind wie die gesamte Wirtschaft von der Coronapandemie betroffen. Doch Gründerinnen und Gründer sehen in der Krise meist auch eine Chance und sind es gewohnt, schnell auf neue Situationen zu reagieren. Daher schauen sie optimistischer in die Zukunft als die deutsche Wirtschaft insgesamt“, sagt Franziska Teubert, Geschäftsführerin des Bundesverbands Deutsche Start-ups. 

Als größte Herausforderung bezeichneten 68 Prozent der Befragten den Vertrieb und die Kundengewinnung, und 43 Prozent halten die Kapitalbeschaffung für herausfordernd. Mit 32 Prozent bewerteten zudem deutlich mehr Gründer als 2019 (18 Prozent) die Liquidität als Schwierigkeit.

Gründer warten lang auf Staatshilfe

Bund und Länder hatten zwar schnelle Hilfen auch für Start-ups versprochen, doch die Gründer mussten sich gedulden. Erst Mitte Juni startete der Bund die erste Säule eines Hilfsprogramms, das sich nicht direkt an Start-ups, sondern an die Venture-Capital-Investoren richtete. Sie sollten die öffentlichen Mittel mit eigenen Investitionen aufstocken.

Die zweite Säule, die die jeweiligen Landesförderinstitute umsetzen, soll kleinen Mittelständlern und Gründern helfen, die noch keinen Zugang zu Wagniskapitalgebern haben. Die Coronakredite der KfW hingegen kommen nur in Ausnahmefällen für Start-ups infrage.

Kapital von Berliner Sparkasse

Zu diesen Ausnahmen zählt auch Haferkater. Der Haken: „Haferkater war 2019 noch nicht profitabel, daher musste die Kapitaldienstfähigkeit aufgrund von Planzahlen ermittelt werden“, sagt Christian Segal, Leiter des Firmencenters Digitalwirtschaft bei der Berliner Sparkasse. Aufgrund der Historie konnte Haferkaters Hausbank aber gut beurteilen, ob die Bedingungen für einen Corona-Kredit der KfW zumindest in absehbarer Zeit erfüllt würden.

„Wir wurden schon im zweiten Jahr nach der Gründung Geschäftskunde und haben damals ein Förderdarlehen der Bürgschaftsbank bekommen“, sagt Burguete. Von dessen Geschäftsmodell und künftiger Rentabilität ist die Berliner Sparkasse so überzeugt, dass der Unternehmer 560.000 Euro bekam. 90 Prozent des Risikos sichert die KfW ab, zehn Prozent gehen in die Bücher der Sparkasse.

 

Haferkater-Stand am Berliner Hauptbahnhof.

Klassische Geldinstute bevorzugt

Start-ups zieht es mit ihren Geldgeschäften zu den angesagten Fintechs, könnte man meinen, stimmt aber nicht. Die meisten technologieorientierten Jungunternehmen setzen bei der Wahl ihrer Bank auf klassische Geldinstitute wie Sparkassen, Volksbanken oder die Deutsche Bank. Das zeigt eine im Mai präsentierte Analyse des Branchenportals „Startupdetector“ in Zusammenarbeit mit dem Finanzportal Finanz-Szene.de.

Die Berliner Sparkasse hat das Potenzial früh erkannt und ihr Angebot auf die speziellen Existenzgründer zugeschnitten: „Damit sind wir sehr gut gefahren“, sagt Segal, dessen Kollegen im Gründercenter auf die Bedürfnisse dieser Kundengruppe eingehen, selbstverständlich auf Englisch, aber auch in anderen Sprachen. Laut Start-up-Monitor wird immerhin in 63 Prozent der Berliner Start-ups Englisch gesprochen.

Internationalisierung meist geplant

Im Blick haben die Start-up-Experten der Sparkasse zudem die schnelle Skalierung und Internationalisierung des Geschäftsmodells ebenso wie die Interessen der Wagniskapitalgeber. Zwei von drei Start-ups planen laut Bundesverband Deutsche Start-ups trotz Krise eine (weitere) Internationalisierung.

Um Zugang zu diesen jungen Kunden zu bekommen, betreibt die Berliner Sparkasse intensives Networking, sei es beim Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg (BPW), der in diesem Jahr die Vertreter der erfolgreichsten Geschäftskonzepte persönlich einlud, während die Gäste erstmals nur virtuell dabei sein konnten.

Zusammen mit der Freien Universität Berlin vergibt die Sparkasse zudem den Gründerpreis für Ausgründungen aus dem Uniumfeld. Auch hier fand die diesjährige Preisvergabe Ende September bei einer „hybriden“ Veranstaltung statt, das heißt, die drei Finalisten pitchten persönlich vor Ort. Das wurde ebenso online übertragen wie die Endabstimmung über den Preisträger.

Im Frühjahr hatte die Sparkasse im Rahmen des Wettbewerbs für Geschäfts- und Gründungsideen aus der Forschung zwei Forscherteams der Freien Universität Berlin mit einem Sonderpreis für Anwendungsideen zur Bekämpfung des Coronavirus ausgezeichnet.

Projekte wegen Lockdown gestoppt

Mathias Stach hat sein Start-up, die ASCon Systems, 2017 mitgegründet und begleitet seitdem seine Kunden bei der Digitalisierung in den Fertigungsprozessen. „Mithilfe von Software wollen wir wiederkehrende Prozesse in der Fertigung und Planung vereinfachen und beschleunigen.“

Im Fokus stünden die assistierte Planung und die assistierte Fertigung, erklärt der Geschäftsführer der ASCon Systems in Stuttgart. Das Unternehmen gewann 2019 beim Businessplan-Wettbewerb „Cyber One Award Baden-Württemberg“.

 

„Coronabedingt haben viele Kunden ihre Projekte verschoben oder gar gestoppt.“
Matthias Stach, Geschäftsführer der ASCon Systems GmbH.

Kunden kommen beispielsweise aus der Automobilindustrie, von Zulieferern, Flugzeugbauern sowie vom Anlagen- und Maschinenbau. Virtuell via Homeoffice zu kommunizieren, Software zu entwickeln und zu implementieren, das habe während der Pandemie recht reibungslos funktioniert, sagt der IT- und Technologieexperte.

Der Haken: Viele Kunden hätten Projekte verschoben oder zunächst gestoppt. Der angepeilte Umsatz für 2020 von elf Millionen Euro werde deshalb voraussichtlich nicht erreicht.

Aus der Situation das Beste machen

Immerhin: Im April kam die vierte Finanzierungsrunde mit bestehenden und neuen privaten Gesellschaftern wie geplant zustande. Ein Kredit der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) sowie Förderkredite von LBBW mit KfW und L-Bank sicherten die Liquidität, sodass Aufträge vorfinanziert und der Wachstumskurs weiter forciert werden konnten. „Für ein Start-up sind Geschwindigkeit und Performance essenziell“, sagt der Diplombetriebswirt.

Daher habe ASCon keine Kurzarbeit für seine Mitarbeiter beantragt, sondern die Zeit genutzt, um massiv in die Produktentwicklung zu investieren. Bis Ende des Jahres wird die Zahl der Mitarbeiter trotz Krise sogar von 48 auf 60 steigen. „Wir haben aus der besonderen Situation das Beste gemacht“, findet Stach.

Gas geben – trotz Corona

Wie Stach gründete Unternehmer Uwe Horwath sein Start-up im Jahr 2017. Dass drei Jahre später eine Pandemie seine noch junge Firma, die Software für juristische Wissensarbeit herstellt, ausbremsen könnte, konnte sich der Methodigy-Geschäftsführer aus Esslingen damals nicht vorstellen. Seine Kunden sind Kanzleien, Richter und Juristen in Rechtsabteilungen von Unternehmen.

 

Hat in der Zeit des Lockdowns „Gas gegeben“, Uwe Horwath, Geschäftsführer der Methodigy GmbH in Esslingen.

Wie bei Ascon schalteten diese nach Ausbruch von Covid-19 zunächst einmal in den Rückwärtsgang, der Umsatz brach ein. „Gas gegeben haben wir trotzdem“, sagt der 39-Jährige, „und eine Cloud-Variante für unsere Software entwickelt, die wir seit September über das Web vertreiben.“  So hätten die Kunden das Tool unkompliziert ausprobieren können.

Nach Ende der Pandemie könne Methodigy dieses auf Wunsch vor Ort installieren, da nicht jeder seine Daten in der Cloud verwalten wolle. Mit der zweiten Säule fühlt sich der Kunde der BW-Bank gut gerüstet, um sein Start-up durch die Krise zu retten.

Auch finanziell sieht er sich auf der sicheren Seite. Bei der Gründung bekam Methodigy Kredit über die Hausbank BW-Bank, ein Förderdarlehen („Startfinanzierung 80“) kam von der L-Bank. „Um die Liquidität zu entlasten, können wir wegen der Coronakrise die Tilgungen bis zu zwölf Monate aussetzen“, sagt Horwath.

Wichtig in der Krise: Netzwerken

Alexander Hahn, Fachberater Gründung und Übernahme bei der LBBW, setzt wie Segal von der Berliner Sparkasse auf ein dicht geknüpftes Netzwerk, um Kontakte in die Start-up-Szene zu knüpfen. Die Stuttgarter unterstützen etwa den Weconomy-Gründerwettbewerb, der gerade wieder die zehn innovativsten Start-ups des Landes auszeichnete.

„Wir vermitteln aber zum Beispiel auch Mittelständler aus unserem Kundenkreis, die in ein junges Unternehmen investieren wollen“, sagt Hahn. Nicht immer werde das ursprüngliche Ziel erreicht, dafür aber auch schon mal ein anderes.

Ein Tech-Start-up suchte Kapital, um eine Robotik-Lösung zu entwickeln. Geld gab es nicht, aber der Mittelständler stellte dem Start-up seine Produktionsanlagen zur Verfügung und ermöglichte eine Zusammenarbeit mit der Entwicklungsabteilung.

„Wir haben davon keinen finanziellen Vorteil“, unterstreicht Hahn. Aber die LBBW pflege ihr Image als Unterstützer der Szene und so entstünden auch Geschäftsverbindungen mit den Gründern.

Trotzdem weitermachen

Das Unternehmen Haferkater hat ein turbulentes Jahr hinter sich: Im März hatten die Gründer eine Kapitalerhöhung geplant. Wenige Tage nach dem Lockdown sprang der neue Investor ab.

Dank des KfW-Kredits schöpften die Jungunternehmer wieder Mut. Per Ende Oktober erreichte der Umsatz immerhin 70 Prozent vom Vorjahresniveau. Angesichts der knappen Margen zwar nicht genug, um den Break-even zu schaffen, aber zumindest nicht weit davon entfernt.

Jetzt erwartet Burguete, dass die steigenden Infektionszahlen Reisen von Privaten nicht zu lange ausbremsen. Laut Deutscher Bahn lag die Auslastung der Züge Ende September bei etwa 40 Prozent, vor einem Jahr habe sie ohne Corona rund 56 Prozent betragen.

Burguete, Stach und Horwath wollen sich ihren Optimismus und ihren Spaß an der Selbstständigkeit von der Coronakrise nicht nehmen lassen. Ihr Motto: Hinfallen, aufstehen, weitermachen.

Eli Hamacher
– 4. November 2020